Wie unser Autor zum TV-Star wurde

Kloppo, komm an meine Seite

Für eine Reportage über den CS Grevenmacher und seine rekordverdächtige Zahl von elf deutschen Spielern reiste unser Autor Johannes Scharnbeck nach Luxemburg – und wurde zum TV-Star. Hier sein Erlebnisbericht. Wie unser Autor zum TV-Star wurdeRTL
Heft #77 04 / 2008
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Das Leben als Fußballreporter der schreibenden Zunft ist schön. Ich muss meine Spielkommentare nicht in ein Mikrofon brüllen und mir vorher verrückte Metaphern ausdenken; ich muss nicht Woche für Woche dellingsche Seitenscheitel-Friseurtermine über mich ergehen lassen, um fernsehtauglich zu sein; und ich muss ausgelaugte Profis nach dem Abpfiff nicht danach fragen, wie sie sich denn so fühlen. Ich kann mich zurücklehnen und später am Schreibtisch in Ruhe meinen Senf dazugeben.

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Neulich hätte ich mir dann aber doch gewünscht, dass wenigstens so ein Funken von Kloppo, dem dauergrinsenden, Kreise und Striche malenden ZDF-Analysten, oder wenigstens von Netzo, dem dauerbeleidigten ARD-Experten, in mir steckt. Pustekuchen. Auf Knopfdruck semi-professionelle Betrachtungen zu Ballbesitz, Chancenverwertung und Spielanteilen von mir zu geben, übersteigt meine Fähigkeiten. Aber trotzdem habe ich es in die sonntägliche Sportsendung in Luxemburgs einzigem TV-Kanal, RTL, geschafft. Wie hat der Typ das bloß gemacht?

Ich verrate es euch. Wenn der das schafft, kann ich das auch? Bestimmt.

Für die 11FREUNDE-Reportage über den CS Grevenmacher und seine rekordverdächtige Zahl von elf deutschen Spielern bin ich in das luxemburgische Winzerstädtchen an der Mosel gereist. Der Höhepunkt dieses Sonntagsausflugs war das Erstligaspiel zwischen Grevenmacher und Etzella Ettelbrück, und um mich mit den aktuellsten Informationen und Gerüchten über die Heimmannschaft und den Gegner zu versorgen, steuerte ich vor der Partie das RTL-Fernsehteam auf der Tribüne an. Ich stellte mich freundlich vor und fragte den luxemburgischen Reporter ganz unverfänglich, wie denn seine Prognose für das Spiel aussehe. Der gute Mann schaute mich nur verdutzt an. Er konnte einfach nicht glauben, dass sich in Deutschland jemand für den luxemburgischen Fußball interessiert. Ich solle nicht zuviel erwarten, er sei auch eher zufällig hier. Denn vom Spieltag der ersten Liga, der immer komplett sonntags um 16 Uhr ausgetragen wird, zeigt RTL in einer abendlichen Sportsendung nur von einer Partie bewegte Bilder. Wie in den alten Sportschau-Zeiten sucht die Redaktion ein Spiel aus, Fans aller anderen Vereine haben Pech gehabt.

»Können wir Sie bitte interviewen?«


Ich hatte mich schon mit dem Stadionheft beschäftigt, als der höfliche TV-Reporter vorsichtig fragte: »Können wir Sie bitte interviewen? Das ist sicher interessanter als das Match.« Schüchtern lehnte ich zunächst ab. »Bitte«, sagte der Reporter erneut mit einem Dackelblick und flugs stand ich auf dem Spielfeld, um mich herum absolvierten die Mannschaften ihr Aufwärmprogramm und ich fühlte mich kurz wie ein Premiere-Experte, die Kamera fokussierte mich und ich musste loslegen. »Was machen Sie hier in Grevenmacher?« – »Weil ich äh für das deutsche Fußballmagazin äh 11FREUNDE eine Reportage schreibe…« Die Frage wurde im Beitrag glücklicherweise herausgeschnitten. Nach meinem Gestotter versuchte mich der Reporter aufzumuntern: »Ich erzähle jetzt allen, ich habe sie interviewt, weil sie den Verein übernehmen wollen.«

Nach der Partie sollte ich dann noch eine Spielanalyse abgeben. Meine Knie schlotterten, und schon nach den ersten Sätzen merkte ich, dass ich mich gerade um Kopf und Kragen rede und nicht ein gutes Haar an den wackeren Spielern lasse. Aber es gab kein Zurück, und als die Kamera aus war und ich mich entschuldigte, sagte der Reporter nur: »Sie haben ja leider recht.«

Dann stand der nächste freundliche luxemburgische Journalist vor mir. Er habe gesehen, dass ich interviewt wurde und würde gerne wissen, wer ich denn sei: »Niemand Besonderes. Ich schreibe nur für ein deutsches Fußballmagazin«, sagte ich. »Ach so, na dann«, entgegnete er und verabschiedete sich sofort.

Gott, war ich erleichtert.


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