Wie Union-Fans in der DDR am Staat vorbei spielten

»Ich konnte das nie leiden mit Ost und West.«

»Bei der VSG werden auch ein paar von der Stasi dabei gewesen sein«, sagt Brille. »Aber Schiss hatten wir nicht, wir waren ja politisch nicht aktiv. Wobei, einer wollte die VSG mal in RAF umbenennen: Ran ans Fass!« Dann erinnern sie sich an Speiche, den Punk der VSG. Bäcker sei der gewesen, außerdem nicht der Hellste. Einmal habe er einen VSG-Kuchen gebacken und dabei das Wort Wuhlheide falsch geschrieben. Als er zur Provokation einen Kuchen mit Hakenkreuz backte, habe ihn die Stasi erwischt. Und von da an habe er eben ein bisschen spioniert. Auch bei der VSG. Brille und Bürste erzählen es beiläufig.


Credit: Uwe Völker/ »Dirk« hat Ballgefühl (1983)

Und doch: Eine subversive Aktion gab es. Einmal, ja, da hätten sie dem System ein Schnippchen geschlagen: Im Frühjahr 1989 organisieren sie ein Spiel gegen eine Westberliner Truppe. Und wenn sie die Union-Liga selber als unpolitisch sehen, auf diese Geschichte sind sie etwas stolz. »Bürste hatte ja schon 1985 rübergemacht, und da hat er die 1860-Fans kennengelernt.«

Vier Jahre später überqueren 15 Klassenfeinde an verschiedenen Stellen in Berlin die innerdeutsche Grenze, die Sporttaschen konspirativ über die Schultern gehängt. In der Wuhlheide dann die Vereinigung, eine Art Vorwegnahme des politischen Jahrhundertereignisses, zum Jubiläum der VSG nach dem Spiel begossen im Kleingartenverein.

Größter Erfolg? Ein 1:16 im Pokalfinale!

Wie so vieles bricht auch die Union-Liga mit der Wende zunächst auseinander, viele Spieler hauen in den Westen ab, andere müssen ihr Leben sortieren. Dazu der bürokratische Aufwand, Trainingsplätze werden neu verwaltet, Versicherungsschutz muss geklärt werden. Heute schließen sich die einzelnen Teams, um überhaupt an Plätze zu kommen, regulären Vereinen an.


Credit: Uwe Völker/ Die VSG hat 1860-Fans aus dem Westen zu Besuch

Die VSG Wuhlheide 79 nimmt nicht mehr am Ligabetrieb teil. Zu groß ist der Leistungsunterschied zu den jüngeren Teams. Außerdem sei ihnen die Union-Liga auch ein bisschen zu professionell geworden, sagt Bürste. Die neuen Teams seien regelrecht ehrgeizig, eine chronisch erfolglose Mannschaft wie die VSG – nie Meister, größter Erfolg ein 1:16 im Pokalfinale – habe es da schwer.

»Ich konnte das nie leiden mit Ost und West.«

Bürste und Brille stehen auf und schließen ihre Fahrräder auf. Die Verabschiedung geht schnell, man sieht sich ja am Wochenende wieder, Union spielt. Dann schiebt Bürste sein Rad durch die Wuhlheide, am Schotter bleibt er stehen. »Das war unser Knödelplatz. Hier standen die Tore, ohne Netze, hier hab ich mit Brille schon als kleiner Piepel einputten gespielt.« Hier habe Sabbath von der VSG – na wegen Black Sabbath – einst das Fass ausgetrunken, hier hätten sie gegen die Punks gespielt. Hier waren sie auf ihrem Platz und nicht in der DDR.

»Ich hab mich immer als Berliner gefühlt. Ich konnte das nie leiden mit Ost und West. Aber es gab die Mauer. Und die fanden wir scheiße.« Bürste zuckt mit den Schultern, steigt auf sein Fahrrad und macht sich auf den Heimweg. Raus aus Köpenick, rein in den Berliner Westen.


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