Wie Union-Fans in der DDR am Staat vorbei spielten

Mit dem Fahrrad über die Grenze

Brille kramt in seinen Unterlagen. Auf dem Tisch landen vergilbte Dokumente, Fotoalben und ein Statistikbuch. Ergebnisse, Aufstellungen und Spielberichte, seit 1981 handschriftlich festgehalten. Im ersten Punktspiel am 13. September 1981, so hat es Brille aufgeschrieben, konnte die VSG das Fehlen von Torhüter Geserick nicht überwinden. »Eine Niederlage, die auch in der Höhe in Ordnung geht.« Das erste Spiel endet 1:7.

Bürste schüttelt den Kopf, während er durch die Alben blättert. Als könnte er selbst nicht glauben, dass jemand so verrückt war, das alles zu archivieren. Ein Bericht über einen 7:0-Sieg schließt mit dem Satz: »Negativ fiel nur auf, dass der VSG-Torwart von einem rowdyhaften Zuschauer mehrmals mit dem Namen Mültonne beleidigt wurde.« Dann Fotos von Bürste und seinen Kumpels auf dem Pferdefuhrwerk nach Erkner, »Auswärts-Feten« mit den VSG-Mädels, absurde Outfits, viel nackte Haut, wilde Frisuren. Man könnte meinen, in seiner Jugend hätte es keine Mauer gegeben.


Credit: Uwe Völker/ »Sabbath« hat Durst (1981)

Mit dem Fahrrad über die Grenze

Aber gerade für Bürste war sie sehr präsent, was man schon in seiner Statistik erahnen kann: Bis 2002 kommt er zwar auf 358 Einsätze und 349 Tore für die VSG, zwischen 1985 und 1988 sucht man seinen Namen im Archiv aber vergeblich. »Ich hatte 1983 einen Ausreiseantrag gestellt. Meine Frau, die ich auf Auswärtsfahrt in Prag kennengelernt habe, wohnte in Westberlin. 1985 durfte ich rüber.« Andere hätten den Antrag nicht so leicht stellen können, sagt er. Aber als Radio- und Fernsehtechniker ist er im Betrieb so wichtig, dass sie ihn nach seinem Antrag nicht feuern. Mit dem Fahrrad rollt er über die Grenze an der Friedrichstraße, einen Rucksack auf dem Rücken, einen Koffer am Gepäckträger. Erst 1987 darf er wieder nach Ostberlin einreisen.

Auf der Website der Union-Liga heißt es über die Gründung, dass es auch darum gegangen sei, unabhängige Strukturen abseits des DTSB zu schaffen. Brille, bei der Gründung dabei, sagt: »Die Union-Liga war unpolitisch.« Sie wollten doch nur ein bisschen knödeln, der Staat sei ihnen egal gewesen. Aber wie egal kann der Staat Menschen sein, die extra eine Liga gründen, um der Reglementierung von außen zu entgehen? Die einzige Liga dieser Art im ganzen Land.

Vorladung bei der Volkspolizeit

Selbst wenn der Staat und dessen Schnüffler sie wirklich nicht interessierten, andersrum galt das nicht. Erfahrungen mit der Staatssicherheit machten beide zur Genüge. Denn wann immer Hertha BSC im Ostblock spielt: Bürste und Brille – damals auch Hertha-Fans – reisen an. So auch nach Dresden 1978, als der Westverein zu einem Sportkalender-Freundschaftsspiel bei Dynamo antritt. Ein paar Tage nach dem Spiel, Brille brütet in der Schule über einer Physikprüfung, klingelt es bei seinen Eltern an der Tür: Volkspolizei, Vorladung.


Credit: Uwe Völker/ »Brille« - 556 Einsätze, 108 Tore

Ein paar Stunden später sitzt Brille in Köpenick und wird ausgefragt. Ob er Kontakt zu Fußballrowdys der Hertha hätte, ob er nicht Typ X oder Typ Y kenne? Nein, antwortet er. Warum er dann, wie auf einem Foto zu sehen, neulich in Dresden Typ X und Typ Y so umarmt hätte? Ach, den meinen sie, den kenne er nur flüchtig, antwortet er. Ob er sich nicht vorstellen könne, zukünftig ein bisschen zu berichten, was sonst so auf den Auswärtsfahrten los sei? Zu zwitschern, wer über die Stränge schlage? Er ist erst 16, kein harter Schläger, der Spitzname kein Zufall. Aber Brille antwortet: Nein, das nun wirklich nicht. Er darf gehen.

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