Wie Union-Fans in der DDR am Staat vorbei spielten

Eisern bleiben!

Beruf, Freizeit, selbst der Breitensport: Das Leben in der DDR war stark reglementiert. Ein paar Fußballfans aus Berlin gründeten 1981 trotzdem eine Bunte Liga. 

Credit: Uwe Völker/ »DIRK« - 382 Tore
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Spezial 10

Das, was Bürste seinen Knödelplatz nennt, liegt längst brach. Die Tore verschwunden, der Schotter durchzogen von Furchen und bewachsen mit wilden Gräsern. Höchstens Jogger verirren sich noch in diesen Teil der Wuhlheide in Berlin-Köpenick. Fußball gespielt wird nur noch auf dem Kunstrasenplatz um die Ecke. Bürste und sein Freund Brille aber stürmten hier einst über den Acker. Sie schlugen sich die Knie auf, sie duschten sich mit Wasserschläuchen ab und zogen sich im Gebüsch um. Sie traten als Halbstarke gegen Punks in Springerstiefeln an und leerten als junge Erwachsene am 1. Mai ganze Bierfässer.

Bürste und Brille spielten hier einst für die VSG Wuhlheide 79, Gründungsmitglied der Union-Liga, der einzigen Hobbyfußballliga in der DDR. »Eigentlich wollten ein paar Union-Fans nur einen Fanklub gründen«, sagt Bürste, der eigentlich Uwe Völker heißt. »Der musste VSG heißen, Volkssportgemeinschaft. Für uns hatte die Abkürzung aber eine andere Bedeutung: verschärfte Suffgemeinschaft.«

»Wir hatten Lust, selber zu knödeln«

Bürste, Mitte 50, ein drahtiger Typ, die Frisur noch immer passend zum Namen, sitzt Anfang August 2016 nur einen Steinwurf vom alten Fußballplatz entfernt in einer Kneipe. Wenn er ins Reden kommt, dann gibt’s Berliner Schnauze, volles Programm, dann heißt die Volkssportgemeinschaft Volks-Sport-Jemeinschaft, und manchmal wirkt es, als würde Bürste der zackigen DDR-Terminologie den Vogel zeigen.

Neben Bürste nippt sein Kindergartenfreund Brille, eigentlich Olaf Gütling, an seinem Pils. Der Haarschnitt etwas konfus, die Stimme sanfter und, natürlich, eine Brille auf der Nase. »Wir hatten neben Union auch Lust, selber zu knödeln. Nur nicht in einem Verein. So haben wir als VSG im Park angefangen.« Die Geschichte der VSG Wuhlheide beginnt 1979, allerdings nimmt anfangs kaum jemand Notiz von der Truppe, denn zwei Jahre lang spielen die zehn bis 15 Jungs vor allem mit sich selbst. 1981 ändert sich das, denn in diesem Jahr macht Brille einen Ausflug zum Pferderennen.


Credit: Uwe Völker/ »Bürste« und »Brille« haben gute Laune (1982)


Schiedsrichter gibt es nicht - dafür aber einen Ehrenkodex

»Trabrennbahn Karlshorst«, sagt er. »Hab ich einen getroffen, den ich von Auswärtsfahrten kannte. Der meinte: ›Ihr habt doch auch so ’ne Truppe!‹« Wenig später, im September 1981, geht die Union-Liga mit sechs Mannschaften in ihre erste Saison.

35 Jahre später existiert der Verbund immer noch. Er nennt sich Fanklubliga, mindestens ein Drittel einer Mannschaft muss Mitglied bei Union sein. Es gibt heute vier Ligen, Spielerpässe und einen Pokalwettbewerb. Alles auf Kleinfeld, zwei Mal 45 Minuten, gewechselt wird wild. Ein Sieg bedeutet zwei Punkte, Schiedsrichter gibt es nicht. Aber dafür einen Ehrenkodex: Grätschen verboten.


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