Wie Uli Hoeneß einen Flugzeugabsturz überlebte

Im Angesicht des Todes

»... dann singt der Indianer sein letztes Lied.« 1981 gerät ein Privatflugzeug über den Alpen in Turbulenzen. An Bord ist neben Uli Hoeneß auch Willy Michl. Hier erinnert sich der Bluesmusiker an die gemeinsame Grenzerfahrung. Wie Uli Hoeneß einen Flugzeugabsturz überlebteMario Wagner
Heft#98 01/2010
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Unsere Lebenswege könnten nicht unterschiedlicher sein: Uli Hoeneß war Weltmeister und ist Deutschlands erfolgreichster Fußballmanager, ich bin ein bayrischer Liedermacher und Isarindianer.

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Und dennoch: Hoch über den Alpen schlossen wir Freundschaft. Im Angesicht des Todes.

Und das kam so: Die kleine Cessna, eine zweimotorige Chartermaschine ohne Druckluftkabine, startete in Bergamo. An Bord waren der Pilot, der Co-Pilot und ich. In Bologna mussten wir zwischenlanden, um Uli Hoeneß und einen Freund von ihm, den heutigen Hertha-Boss Werner Gegenbauer, aufzulesen. Hoeneß flog privat nur mit diesem Piloten. Er war der Mann seines Vertrauens. Die beiden kamen an Bord, und wir hoben ab.  Als wir die Alpen überflogen, sahen wir am Himmel eine riesenhafte Cumulonimbus, eine Gewitterwolke, die, von der Sonne angestrahlt, wie eine lilafarbene Wand vor uns stand. Vom Tower kamen die Daten, und der Pilot entschloss sich, die Wolke zu durchqueren. Ich dachte nur: »Mei, des wird ungemütlich!«

Über dem Alpen-Hauptkamm ging es los: brutaler Hagel, Blitzschlag, wahnsinnige Turbulenzen – es war ein Inferno. Das Flugzeug wurde sofort 300 Meter in die Höhe gerissen und stürzte dann wieder 300 Meter in die Tiefe, der Höhenmesser rotierte. Allerdings muss man im Nachhinein sagen, dass der Pilot die Maschine stets im Griff hatte. Er war total souverän. Aber in einer solchen Situation erkennt der Laie das natürlich nicht. Wir nahmen an, die Lage sei außer Kontrolle geraten und befassten uns mit dem Gedanken, dass das unser letzter Flug sein könnte. Hoeneß und Gegenbauer krallten sich in ihren Sitzen fest. Und ich ... ich fing an zu singen. Ich dachte: »Wenn ich jetzt umkomme, bin ich wenigstens singend umgekommen.« Außerdem bin ich, wie gesagt, Indianer, und weiß daher, dass in einer Gewitterwolke Donnergeister stecken, die man beruhigen muss. Uli Hoeneß war durch meinen Gesang wohl eher beunruhigt. Er sprang auf und brüllte: »Sei sofort ruhig!« Dass er, wie er später einmal erzählte, gesagt haben will: »Sonst bring ich dich um!«, habe ich nicht gehört – und selbst wenn: Ich wäre ihm nicht böse gewesen. Ich habe dann nur mehr leise weitergesungen, hinten im Flugzeug. Ich wollte ihn ja nicht verärgern. Ich gehe davon aus, dass er sich wahnsinnig gefürchtet haben muss. Davor habe ich Respekt, auch wenn ich als Indianer eine etwas andere Einstellung gegenüber dem Sterben habe. Natürlich war ich auch angespannt, aber Todesangst kenne ich in dieser Form nicht. Wenn sein Stündlein geschlagen hat, dann singt der Indianer sein letztes Lied. Ob es geholfen hat, weiß niemand. 

Tatsache ist, dass wir durchgekommen sind. Das haben wir der großartigen fliegerischen Leistung des Piloten zu verdanken. Bald sahen wir den vertrauten Tegernsee aufschimmern, wir atmeten auf und landeten schließlich sicher auf dem Flughafen München-Riem. Dort fiel alles von Hoeneß ab, er tanzte ausgelassen mit seiner Frau und seinem Sohn durch die Wartehalle. Es freute mich sehr zu sehen, wie er sein wiedergewonnenes Leben feierte. Uns alle hat diese gemeinsame Erfahrung zu Freunden gemacht. Uli ist ein super Mann. Leider hat es sich nie ergeben, dass ich den FC Bayern mit meiner geistigen Kraft als Isarindianer unterstützen konnte. Vielleicht würde es dem Verein nicht schaden, etwas von der indianischen Weisheit aufzunehmen: Wir sind gleichermaßen dankbar für Siege und Niederlagen. Denn alles ist ein Kreis. Man kommt immer dorthin zurück, wo man angefangen hat zu laufen.

Protokoll: Dirk Gieselmann

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