Wie Tuchel Mainz wieder zum Lachen brachte

Humba mit Hirn

In Mainz geht man zum Lachen ungern in den Keller. Jörn Andersen bewegte die Mundwinkel nicht mal dort. Anders sein Nachfolger Thomas Tuchel: Er freut sich tierisch, seinen Traum zu leben – und verliert doch nie die Realität aus den Augen. Wie Tuchel Mainz wieder zum Lachen brachte Was würdest du machen, wenn du die Chance hättest, Bundesliga-Trainer zu werden? Spieler rausschmeißen, dich mit Journalisten anlegen, dich »über die Medien« mit dem Klubmanager streiten? Wohl kaum. Wer will schon eine Scheißzeit haben?

Du würdest wahrscheinlich versuchen, das Allerbeste draus zu machen. Immer alles geben. Spaß haben, Spaß geben, Gas geben. Du wärst wahrscheinlich ein bisschen wie Thomas Tuchel.  

[ad]  

Sommer 09. Jörn Andersen muss gehen. Ein Jahr hat der Norweger, der so aussieht, als würde er in Eiswasser baden und es wohl auch tut, es geschafft, sich im heißblütigen Mainz zu halten, auf diesem für ihn so fremden Terrain. Er wird für den sportlichen Erfolg geachtet, aber nicht so geliebt wie sein Vorgänger Jürgen »Kloppo« Klopp. Er treibt die Mannschaft zum Aufstieg, aber in Mitten des Ganzjahreskarnevals am Bruchweg bleibt er seltsam mürrisch. »Ich bin kein Karnevalist«, sagt er damals im Interview mit 11freunde.de.

Das muss man nicht sein. Schunkeln ist nicht Jedermanns Sache, aber wer als Einziger nicht mit einhakt, gilt leicht als Sauertopf. Zumal wenn der Vorgänger für jeden Spaß zu haben war.

In der Vorbereitung zur neuen Saison entscheidet Andersen, dass nun aber endlich mal Schluss sein müsse mit der Lustigkeit. Die Bundesliga ist ein humorloses Geschäft, das weiß der immer noch drahtige Ex-Stürmer aus eigener Erfahrung. In seinem Kader befindet sich kein Spieler, der genug Spielwitz hätte, um die Menschen zum Lachen zu bringen. Und ohnehin ist die Epoche der krummbeinigen Publikumslieblinge vorbei. Wer als Aufsteiger drin bleiben will, muss vor allem eines sein: fit.

Falkengesichtig am Spielfeldrand

Auch Waldläufe, Medizinbälle und Zirkeltraining sind nicht witzig. Erst recht nicht, wenn der, der sie angeordnet hat, sie mit unerbittlicher Strenge überwacht. Falkengesichtig steht Jörn Andersen am Spielfeldrand, Anweisungen werden gebrüllt, Einzelgespräche gehören nicht zu seinem Repertoire. Das Kollektiv zählt, es muss funktionieren wie eine Maschine. Man hat in Mainz nichts gegen das Kollektiv, im Gegenteil: Man ist ja gesellig, aber die Stimmung soll gut sein. Manager Christian Heidel drückt es so aus: »Wir gehen zum Lachen nicht in den Keller.«

Auch andere lassen hart trainieren, aber sie dulden, dass es schön ist, wenn der Schmerz nachlässt. Felix Magath etwa schafft es, dass seine Spieler sich freuen, wenn er sie quält. Liebevoll haben sie ihn deshalb »Quälix « getauft. Jörn Andersen bekommmt keinen Spitznamen in Mainz, nur den Ruf, ein Schleifer zu sein. Die medizinische Abteilung schlägt Alarm, die Spieler seien übertrainiert, sie würden über kurz oder lang einbrechen, das Verletzungsrisiko sei dramatisch erhöht.

Auch die Psyche ist schwer angeknackst, der Kampfeswille liegt danieder. »Das sind Profis, die müssen bereits motiviert sein«, glaubt Andersen. Irrtum. Nur acht Tage vor Saisonbeginn zieht die Vereinsführung die Notbremse. »Wenn Mainz 05 eine Chance haben will, drin zu bleiben, muss das Gemeinschaftsgefühl, dass einer für den anderen durchs Feuer geht, erhalten bleiben«, sagt Manager Christian Heidel in der Rückschau gegenüber 11FREUNDE. »Und dieses Gefühl war plötzlich weg. Es war null Freude, null Leben drin.«

Der FSV Mainz 05 – im Sommer 09 ein Himmelfahrtskommando, von dem man als etablierter Trainer lieber die Finger lässt. Ein paar Feuerwehrmänner melden sich,  doch Heidel sucht gar nicht erst auf dem ersten oder zweiten Markt, er befördert einen Mann aus den eigenen Reihen. Am 2. August tritt Thomas Tuchel sein Amt an. Und sagt: »Mit diesem Job hier lebe ich meinen Traum.«

Es ist sein zweiter, der erste hat jäh geendet. Mit nur 25 Jahren muss Tuchel 1998 seine aktive Karriere wegen eines Knorpelschadens beenden. Zuvor ist er beim SSV Ulm drei Jahre lang Stammspieler in der Viererkette gewesen. Sein Trainer: Ralf Rangnick. Neben Hermann Badstuber, dem Vater des Bayern-Profis Holger, ist Rangnick sein Lehrmeister. Er holt ihn 2000 als U15-Coach zum VfB Stuttgart. Später übernimmt er die U19, geht dann in die Jugendabteilung des FC Augsburg. Da ist er schon ein Vertreter dessen, was er selbst die »baden-württembergische Ajax-Schule« nennt: laufintensiver, aggressiver, offensiver Fußball.

Ajax-Schule statt norwegischen Nachsitzens

Neben Rangnick und dem heutigen U21-Nationaltrainer Rainer Adrion gehört auch Jürgen Klopp dazu. Er lotst Tuchel 2008 zur Mainzer A-Jugend – als wollte er, der kurz darauf nach Dortmund wechselt, sein Erbe gesichert wissen. Nach einem Jahr norwegischen Nachsitzens wird die Ajax-Schule am Bruchweg fortgesetzt. Tuchel wird Chef.

Er hat auf Anhieb die Deutsche A-Jugend-Meisterschaft errungen, ist seit fast zehn Jahren im Trainergeschäft – nur für Außenstehende kommt er wie Kai aus der Kiste. Für die, die ihn kennen, ist die Beförderung logisch. Der Titel mit dem Nachwuchs sei, so Heidel, »unfassbar und beinah genauso ein Witz wie unser Bundesligaufstieg 2004« gewesen. »Wir haben Tuchel ein Jahr erlebt und fanden, dass er genau der Typ ist, der  Mainz 05 perfekt verkörpert.« Auch Tuchel selbst empfindet, bei allem Glücksgefühl, das Angebot nicht als Zufall: »Man muss kein mehrfacher Nationalspieler gewesen sein, um eine Chance in der Bundesliga zu bekommen«, sagt er im Interview mit spox.com. Als er das Amt antritt, schickt Ralf Rangnick dem neuen Kollegen eine Glückwunsch-SMS. »Da hat er mir das Du angeboten«, erzählt Tuchel.

Der Charme eines Klassensprechers

Die ersten beiden Saisonspiele gegen Leverkusen und Hannover enden unentschieden – dann gewinnt Mainz gegen Bayern München. Trainerfürst Louis van Gaal gefriert das blaue Blut in den Adern, uralt sieht er aus neben Thomas Tuchel, der sich freut, wie sich nur einer freuen kann, für den ein Traum wahr wird. »Ein Tag so wunderschön wie heute«, singen die Mainzer an diesem 22. August und: »Das gibt’s nur einmal, das kommt nie wieder.«

Das gibt's nur einmal – Tuchel weiß, wie wahr das ist. Er weiß aber auch die Euphorie zu nutzen, die aus dem Sensationscoup entstanden ist, und sie zum neuen Gemeinschaftsgefühl umzuwandeln. Mit dem Charme eines Klassensprechers bekleidet er sein Amt, ein primus inter pares, etwas Sportfreundestillerhaftes ist an ihm – lausbubenhaft, dabei süddeutsch-klar, ein Mann, der Hesse liest, aber es auch mal im Biergarten krachen lässt.

Schubladendenken, aber irgendwie muss man ja aufräumen. Tuchel nimmt’s hin. »Ich verstehe die Bedürfnisse der Medien. Sie brauchen Geschichten, daher bin ich nicht pikiert, wenn jemand die stereotypischen Schubladen aufmacht«, sagt er zu spox.com. »Ich nehme mich nicht so wichtig, um mich daran zu stören.«

Gefeit gegen Pressehetze?

Die erste Krise, sie wird kommen und erweisen, ob Tuchel auch dann noch die richtige Ansprache findet, ob er gefeit ist gegen Pressehetze, Intrigen und die Pfiffe. Ob er es aushält, wenn Gesprächsrunden verstummen, sobald er hinzustößt. Wenn der Kontrast zu Miesepeter Andersen verblasst ist.

Markus Babbel, der im Herbst 2008 mit ähnlich jugendlichem Schwung den VfB Stuttgart übernahm und eine sagenhafte Rückrunde hinlegte, ging die Kraft aus, als die Ergebnisse nicht mehr stimmten, irgendwo auf der Autobahn in Richtung Köln, wo er parallel seinen Trainerlizenz erwarb. Tuchel ist ein voll ausgebildeter Coach, seine ganze Konzentration gilt dem FSV Mainz 05, dessen Potenzial er genau kennt. Das Rückspiel in München verlor die Truppe mit 0:3 in München, aber das ist nicht der Maßstab. Aussagekräftiger sind das 3:2 in Bochum, das 3:3 in Wolfsburg und das 2:4 in Leverkusen – Ergebnisse einer Elf, die nicht alles kann, aber immer will.

Fan als Fachmann

Abstiegskampf, der Spaß macht. Und plötzlich keiner mehr ist: Mainz ist derzeit Achter. Es ist das Verdienst Thomas Tuchels, der es offenbar bewerkstelligt, dass harte Arbeit leicht fällt. Nicht von Ungefähr wirkt er wie einer, dem alles zufliegt, obwohl er anderseits für seine akribische Arbeitsweise bekannt ist. Er denkt oft an seinen väterlichen Freund Hermann Badstuber, der im März 2009 mit nur 53 Jahren verstarb: »Er hat größten Anteil daran, dass aus meiner Euphorie für den Trainerjob Akribie wurde.«

Da ist ein Fan am Werk, der zugleich Fachmann ist. Hurrafußball mit Sinn und Verstand, dafür trägt die Mainzer Karnevalsgesellschaft Tuchel auf Händen. Ab und an lässt er sich auf dem Zaun blicken und stimmt das »Humba« an. Aber nur, weil sie ihn aus der Kurve so lange gerufen haben. Etwas widerwillig, aber wohlwissend, dass er auch diese Gefühle bespielen muss. Eigentlich habe er, so Tuchel, »zu Hause genug Karneval.«

Was nicht heißt, dass er was gegen gute Laune hat.  

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!