Wie Timo Konietzka zur Legende wurde

Der das erste Tor schoss

24. August 1963, 17 Uhr: Der erste Spieltag der neu gegründeten Bundesliga wird angepfiffen. Nach nur 35 Sekunden macht sich Borussia Dortmunds Timo Konietzka unsterblich. Im Sommer 2009 erzählte er uns, wie das vonstatten ging.

Auch in der Oberliga hatte ich eine tolle Zeit. Immerhin waren wir Dortmunder 1963 Deutscher Meister geworden. Aber in den internationalen Vergleichen mussten wir immer wieder feststellen, dass uns vor allem die Italiener meilenweit voraus waren, da sie damals schon unter professionellen Bedingungen spielten. Wir hingegen gingen noch einem Halbtagsjob nach und konnten nur am Nachmittag trainieren. Ich selbst putzte für die Stadtwerke Dortmund die Laternen.

Wir waren also froh, dass die Bundesliga eingeführt und damit auch hierzulande der Berufsfußball möglich gemacht wurde – auch wenn es noch bis in die 70er Jahre hinein dauerte, dass die Strukturen sich herausbildeten und die großen internationalen Erfolge eintraten. 1963 lagen sie noch in weiter Ferne. Vor dem ersten Bundesligaspiel gegen den SV Werder Bremen war ich sehr aufgeregt.

Die Herausforderung war ja viel größer als sonst. Ein Jahr zuvor hätten wir vielleicht noch gegen Hamborn 07 gespielt. Das hätte keine großen Wellen geschlagen. Nun ging es gleich gegen diese starke Bremer Mannschaft. Ich war ein schmächtiges Kerlchen von 69 Kilo und stand dem Riesenapparat Max Lorenz gegenüber. Zudem hatte ich auch noch eine Zerrung, die unser Einreiber – Physiotherapeuten gab es damals noch nicht – mehr schlecht als recht wegmassiert hatte. Unser bester Mann Charly Schütz war vor der Saison nach Italien gegangen, und Abwehrchef Wolfgang Paul hatte sich den Fuß gebrochen. Werder war also ganz klar Favorit.

Das wussten auch die Fotografen. Sie rannten mit ihren Kisten auf dem Rücken hinter unser Tor, weil sie dort die Bremer Angriffe erwarteten. Doch erst mal hatten wir Anstoß. Aki Schmidt spielte den Ball zu Franz Brungs, der spielte raus auf Linksaußen zu Lothar Emmerich, der lief zur Torlinie und flankte. Ich brauchte nur noch den Fuß hinzuhalten, und der Ball war drin – nur 35 Sekunden nach dem Anpfiff! Gut, es gibt schönere Tore, ein Hammer aus 30 Metern wäre mir auch lieber gewesen. Aber drin ist drin, sag’ ich. Lorenz verpasste mir dabei noch einen üblen Tritt in die Achillessehne, aber das war zu verschmerzen. Schlimmer war, dass wir das Spiel noch mit 2:3 verloren.

Darüber waren wir natürlich sehr enttäuscht. Dass ich gerade in die Geschichte der Bundesliga eingegangen war, wurde mir erst viel später klar. Nach etwa zehn Jahren kamen die ersten Anrufe von Journalisten, und ich wurde »der Mann, der das erste Tor schoss«. Schade, dass es keinerlei Dokumente von diesem ersten Bundesligator gibt. Die Fotografen hatten ja alle auf der anderen Seite des Spielfelds gehockt. So sieht man auf den Bildern nur, wie Emmerich und ich jubeln und der Bremer Torwart auf dem Boden liegt. Mein einziges Erinnerungsstück ist der Schuh, mit dem ich das Tor geschossen habe. Er steht vergoldet hier bei mir auf dem Regal.

Um trotzdem ein Foto zu haben, haben wir vor ein paar Jahren den Spielzug noch einmal nachgestellt. Es dauerte sehr lange, bis wir das im Kasten hatten. Wir sind ja alle schon ziemlich alt, und auch ich treffe nicht mehr jeden Ball. Da musste ich mich schon konzentrieren. Zu allem Überfluss meinte der Max Lorenz, er müsste auch beim Nachstellen noch ranklotzen, und trat mir wie bei diesem ersten Tor noch mal volle Pulle in die Achillessehne. Richtig zugelangt hat er, der Lorenz, der Apparat. Wie damals.

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