Wie tickt die Fanszene von Hertha?
29.10.2009

Wie tickt die Fanszene von Hertha?

Der Ausflugsdampfer

Der Haupstadtklub aus Berlin taumelt momentan jedes Wochenende auf einen neuen Minusrekord im Zuschauerbereich zu. Das ist schade und lässt vergessen, dass die Hertha trotzdem eine aktive Fanszene besitzt. Nur: Wie tickt die?

Text:
Anne Baumann
Bild:
Imago
»Nicht gemeckert ist halb gelobt.« So treffend charakterisierte der ehemalige Hertha-Präsident Bernd Schiphorst die Fanszene von Hertha BSC auf einer Mitgliederversammlung. Um den Hauptstädter begeistern zu können, muss man ihm auf Dauer etwas bieten. Ein Grund für die aktuell so schlechte Stadionauslastung. Was außerhalb Berlins wiklich überrascht ist allerdings etwas anderes. Das Selbstverständnis der Fanszene.



Während man sich in Berlin und Umgebung für einen von »den Großen« der Bundesliga hält, stolz auf die Tradition und die Fans ist, wird Hertha von den meisten Fans anderer Vereine als ein Aufsteiger gesehen, der es irgendwie geschafft hat, in der ersten Liga zu verbleiben und ab und an international zu spielen. Hertha wird einfach als nicht wichtig empfunden. Bezeichnend dafür ist die »Feindschaft« der Hertha-Fans mit dem FC Schalke 04. Bei jedem Heimspiel gegen den FC Schalke gibt es Choreografien, die Fangesänge sind auf den »Erzrivalen« abgestimmt, es gibt Anti-Schalke-Fanartikel und sogar offizielle Plakate des Vereins, die den Ruhrpott-Club verhöhnen: »Schalke? In Charlottenburg sind wir reiche Russen gewohnt« Bloß: Einzig und allein in Gelsenkirchen weiß man nichts von dieser angeblich so innigen Rivalität.

»In Charlottenburg sind wir reiche Russen gewöhnt«

Ein im Mai 2009 im »Tagesspiegel« erschienener Artikel zum Thema »Hertha und Schalke - eine exklusive Feindschaft. Warum Herthas Fans die Schalker nicht mögen – und denen das egal ist«, löste Diskussionen unter den Anhängern beider Vereine aus. Schalke-Fans reagierten in Fan-Foren belustigt und erstaunt:  »wir sind also eure feinde, dabei kennen wir euch überhaupt nicht, ist hertha nicht ein ausflugsdampfer?« Schön auch: »Bevor ich mit Hertha im Clinch hänge, streit ich mich lieber mit dem kleinen Dorf nördlich von Lüdenscheid.«

Ein Fan fasst die Situation aus Schalker Sicht zusammen: »Diese (vermeintliche!) Fan-Rivalität zwischen Hertha und Schalke ist – zumindest aus Schalker Sicht – lächerlich und konstruiert. Definitiv ist sie einseitig.« Doch den Hertha-Fans ist es egal, ob die Schalker die Feindschaft kennen oder nicht – sie ist fester Bestandteil der heimischen Fantradition.

Generell ist die Ultra-Bewegung des Hauptstadtvereins stolz auf die lange Tradition des Clubs. Mit dem klassischen Schlachtruf der Blau-Weißen »HA HO HE Hertha BSC«, hat sich etwas aus der Zeit der letzten Meisterschaft im Jahr 1931 erhalten. Für übersprudelnde Freundlichkeit sind die Berliner ohnehin nicht gerade bekannt. So wird nur das Aufeinandertreffen von Hertha und dem befreundeten Karlsruher SC gefeiert.

Für sprudelnde Freundlichkeit sind Berliner nicht bekannt

Die Friedlichkeit bei diesen Partien steht im Gegensatz zu allen anderen, bei denen, neben den üblichen Pfiffen gegen die Anhänger und Spieler der Gästemannschaft, die Toransage des Gegners nach Hertha-Treffern mit einem deftigen »Viel zu viel, Scheiß-Verein« gewürzt wird. Die Aggressivität macht auch vor den eigenen Fans nicht halt. Verlassen Zuschauer das Stadion vor dem Abpfiff, bekommen sie durchaus des Öfteren ein »Scheiß Berliner Publikum« von der Ostkurve zu hören.

Trotz und Ironie prägen die Sicht der Fans auf ihre Mannschaft. So lautet ein Gesang dann auch ganz stilecht: »Wir hol’n die Meisterschaft und den Europa-Cup und den Pokal – wenn nich is och ejal!«

Seit 1998 wird die Fanszene von den Harlekins dominiert, einer engagierten Ultra-Vereinigung. Laut ihrer Homepage sind es ungefähr 50 Mitglieder, wobei es schwierig, aber durchaus möglich ist, der Gruppierung beizutreten. »Entgegen einiger Vermutungen und Spekulationen nehmen wir grundsätzlich gerne neue Mitglieder auf, achten dabei nur strikt darauf, dass es Leute sind, die sich mit Hertha identifizieren und Leidenschaft an den Tag legen, wenn es um die Unterstützung unseres Vereins und um die Gruppe geht. Mitglied der Harlekins Berlin wird man nicht, indem man einen Antrag ausfüllt, Mitglied wird man indem man sich mit unseren Idealen identifiziert, Engagement zeigt und aktiv am Gruppenleben teilnimmt. Potenzielle Mitglieder müssen in der Gruppe akzeptiert sein und werden von uns persönlich angesprochen.» (Quelle: www.hb98.de)

2005 wurde in Zusammenarbeit mit anderen Fanclubs der Förderkreis Ostkurve gegründet, ein Verein, der die Durchführung der aufwändigen Choreographien in der Ostkurve ermöglicht. Der Einsatz der Harlekins ermöglicht eine organisierte Stimmung während der Heim- und Auswärtsspiele. Trotzdem stoßen nicht alle Aktionen auf Begeisterung bei den restlichen Fans. So verließen die Harlekins mit befreundeten Gruppierungen in der Saison 2007/2008 für ein halbes Jahr die Kurve, um ihren Protest gegen Stadionverbote auszudrücken. Ohne Vorsänger war die Stimmung in der Kurve nur mäßig und viele Fans warfen den Harlekins vor, ihre Clubinterna vor den Verein zu stellen. Auch beim Europa-League-Heimspiel gegen den SC Heerenveen wurde von den Harlekins ein stiller Protest gefordert, um die Mannschaft aufzurütteln.

Sind wir nicht alle Berliner?

Die Fanszene von Hertha spiegelt den Berliner eigentlich doch ziemlich gut wider. Die berühmt-berüchtigte Kodderschnauze, das Herz und die Gewissheit, die Theodor Fontane so wunderbar zusammengefasst hat: »Vor Gott sind eigentlich alle Menschen Berliner«.

Oder eben in Fansprache »Wir kommen aus der Hauptstadt und bilden uns was ein, denn nicht jedes deutsche Arschloch kann ein Berliner sein!«  
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