Wie Spiele nach jedem Fehler durchanalysiert werden

Der kalte Blick von Insolvenzverwaltern

Das Halbfinale 1970 gegen Italien gilt als Jahrhundertspiel, das Gruppenspiel zwischen Deutschland und Ghana als Systemkollaps. Voller Fehler waren allerdings beide. Doch muss heutzutage alles perfekt sein?

imago

An einem grauen Apriltag 2007 traf ich Gianni Rivera zum Interview im Kino Babylon in Berlin-Mitte. Der Altinternationale war an diesen unmittelmeerischen Ort gekommen, um einen Film über das WM-Halbfinale 1970 zu präsentieren – das Jahrhundertspiel zwischen Italien und Deutschland, an dem er, der Goldjunge der Squadra Azzurra, maßgeblich beteiligt gewesen war. 17. Juni 1970, Europameister gegen Vize-Weltmeister unter den zwanzig Sonnen von Mexiko-Stadt. 1:0 – Boninsegna, 1:1 – ausgerechnet Schnellinger! Die irrwitzige Verlängerung, Beckenbauer mit dem Arm in der Schlinge, Kommentator Brumme keuchte: »Mein Gott, ist das ein Fußballspiel hier. Das ist ja entsetzlich, das ist ja widerlich.«

Fünf Tore in 17 Minuten, in der 111. traf Rivera zum 4:3, Italien zog ins Finale ein. Gesiegt hatten beide, im historischen Sinne. Am Spielort hängt eine Tafel: »Das Azteken-Stadion erweist den Hauptdarstellern des Jahrhundertspiels die Ehre.«

Fast 40 Jahre später, weit weg von Mexiko-Stadt, in einem Hinterzimmer des Kinos Babylon, das noch grauer war als der Apriltag draußen, zwischen Klappleitern und Getränkekisten, saß nun Gianni Rivera: Der Don des Calcio, hellblauer Dreiteiler, die silbernen Haare alphabetisch sortiert. Ich trat ihm gegenüber in klammer Regenjacke, mit drei Monate altem Haarschnitt und nur einer sehnsüchtigen Bitte: »Signore Rivera, erzählen Sie von 1970!« Und er blickte stumm in dem ganzen Raum herum. Hatten sie ihn wirklich hier hineingesetzt, auf einen Bürostuhl? War wirklich dieser aufgekratzte Reporterspund hereingestolpert, der offenkundig noch nicht mal existierte, als jene Partie stattfand, in der er jetzt mit ihm schwelgen wollte? Rivera seufzte: »Ach, wissen Sie, meiner Meinung nach war es nicht besonders berauschend.«

Das Jahrhundertspiel als Kulturerbe

Nun weiß ich ja, dass Männer vom Schlage Riveras mitunter zu der Koketterie neigen, ihren eigenen Mythos als übertrieben darzustellen, zumal wenn man sie in Hinterzimmern parkt und sie dort noch einmal zum Glänzen bringen will. Ich war dennoch enttäuscht. Wie konnte er meine Erinnerung an das, was ich nicht erlebt hatte, bloß so ramponieren? Unverschämtheit! Als Kulturerbe gehörte das Jahrhundertspiel ja genauso mir wie ihm.

Ich habe es mir dann noch einmal angesehen. Und in der Tat: Wolfgang Overath lief wenig mehr als fünf Kilometer, die Hälfte dessen, was Sami Khedira heute abreißt, Willi Schulz, Uwe Seeler und sogar der Kaiser spielten vor Erschöpfung Pässe in die vage Richtung einer Fata Morgana, die nur sie sahen. Männer wankten, taumelten, Fehler geschahen im Sekundentakt. Aber war es wirklich »nicht berauschend«?

Doch, das war es. Und zwar gerade aufgrund seines anarchischen Verlaufs, des Zusammenbruchs aller Systeme und der freien Bahn für jeden Spieler, der noch die Kraft aufbrachte, mit dem Ball in die Hitze hineinzurennen, dorthin also, wo irgendwo das Tor sein musste.

Rivera lächelte milde, ich war gern sein Narr

Naturgemäß sah Rivera, der Italiener, dem ein 1:0 immer lieber ist als ein 4:3, das von Beginn an anders. Geschenkt, Don Gianni! Weil kein Duell sich lohnt ohne einen Dritten, der zuschaut und hinterher davon erzählt, oblag es ja ohnehin den Zuschauern im Stadion und an den Fernsehgeräten, dieses Spiel zu einem ekstatischen Fest zu verklären, dem Rausch aller Räusche, zu eben jenem Jahrhundertspiel. Sie machten das so gut, leidenschaftlich und beharrlich, dass es mit der Zeit immer großartiger wurde, sich entkoppelte vom eigentlichen Verlauf und ich, selbst kein Zeitzeuge, mit klopfendem Herzen dem Herrn im hellblauen Dreiteiler gegenübertrat und mich von ihm aufs Allerschönste düpieren ließ. Rivera lächelte milde. Ich war gern sein Narr.

Es gab nach 1970 etliche Spiele, die durch herrlichen Kontrollverlust geprägt waren: Das 6:6 zwischen Bayern und Schalke im DFB-Pokal 1984, die Mutter aller Niederlagen im Champions-League-Finale 1999, Liverpools Aufholjagd gegen Milan sechs Jahre später und das 4:4 zwischen Deutschland und Schweden im Oktober 2012 – ein Hochamt des Wahnsinns mit Zlatan Ibrahimovic als Zeremonienmeister.

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