»Ok, dann bauen wir mal los«, sagt Axel Bienhaus. Wobei unsere Baustelle selbstverständlich keine reale ist. Es rollen keine Bagger an, sondern die Computer der Firma HH Vision in Köln mit ihrer gewaltigen Rechenleistung setzen den von Bienhaus nach unserem Treffen gezeichneten Entwurf in ein fotorealistisches 3D-Modell um. Unter der Bauleitung von Claus Hesemann lässt der erst 21-jährige Christian Behrendt die Programme der Visualisierungsprofis surren. Im Prinzip unterscheidet sich diese Arbeit nicht von der Arbeit an den computerisierten Blockbustern aus Hollywood. Zug um Zug entsteht das Stadionmodell, zusammengesetzt aus einer endlosen Zahl von kleinen Vierecken, an die man aus allen Perspektiven heranzoomen kann.
Bald wird allerdings klar, wie wichtig das ist, was in Frankfurt nur am Rande besprochen wurde: der Standort. Das gleiche Stadion vor den Toren der Stadt am Autobahnkreuz wirkt ganz anders, wenn man es dorthin baut, von wo aus man ins benachbarte Stadtviertel noch zu einem Bier hinüberlaufen kann. So kommen virtuelle Planierraupen, um unserem Stadion eine neue Nachbarschaft zu geben, auch wenn das in der Wirklichkeit nicht mehr möglich wäre. Die Stadtflucht der Fußballstadien ist oft erzwungen. Das Baurecht wird inzwischen so streng ausgelegt, dass ein neues Stadion höchstens dann noch in der Nachbarschaft von Wohnhäusern entstehen kann, wenn vorher an gleicher Stelle bereits eines dort war. AS & P hat für die Allianz Arena 25 Standorte geprüft, um schließlich einen Platz am Autobahnkreuz neben der Kläranlage zu finden.
Willkommen in der Pinkelgasse
Wir aber ignorieren diese Umstände, und damit es nicht so viel Autobahn in der Nähe braucht, kommt die U-Bahn-Haltestelle gleich auf den Stadionvorplatz. Tag für Tag werden auf der Baustelle mehr Details sichtbar, die das Stadionerlebnis mit ausmachen. Im Stadion gibt es natürlich eine Kneipe, damit man unter der Woche vorbeikommen kann, und statt einförmiger Systemgastronomie rollen lokale Metzger, Bäcker und andere Kleinversorger ihre Wagen in den Schatten der Tribüne. Im indirekten Zusammenhang damit und auf Anregung von uns hatten sich die Frankfurter noch etwas ganz Besonderes ausgedacht. »Es wird doch immer davor gewarnt, dass Fußballfans auf dem Weg ins Stadion an Hauswände und Türeingänge pinkeln: Bei uns sollen sie das dürfen«, hatte Bienhaus vorgeschlagen. Deshalb entstehen nun »Pinkelgassen« mit genug Hauswänden und Türeingängen für alle passionierten Wildpinkler. Und von den Toiletten im Stadion soll man, wo das möglich ist, aufs Spielfeld schauen können.
Während die Entwürfe in Köln immer präziser werden, stellt sich die Frage des Verhältnisses zwischen dem Fußball und seinen Spielorten noch einmal grundsätzlich. Stefan Klos hatte bei unserem Treffen in Frankfurt gesagt: »Ein Stadion wird erst durch das Fußballspiel zur Legende.« Viele Fans von Schalke 04 werden deshalb voller Sentimentalität an legendäre Spiele in den unwirtlichen Weiten des alten Parkstadions denken, Anhänger von Fortuna Düsseldorf von ihren Erlebnissen im viel zu großen Rheinstadion schwärmen und dessen Abriss nachträglich beweinen. Umgekehrt macht ein tolles Stadion ein grauenhaftes Spiel der eigenen Mannschaft nicht besser. Warum sind uns Stadien trotzdem so wichtig? »Die Erfahrung, ein Fußballstadion zu besuchen, kann man nicht vom Spiel selber trennen. Jedes Stadion sorgt für eine andere Atmosphäre, die der Beurteilung des Spiels eine besondere Farbe gibt«, schreibt Stadionhistoriker Simon Inglis. Während immer mehr Details des »11 FREUNDE-Stadion« sichtbar werden, stellt sich also die Frage: Wie würde sich ein Spiel dort anfühlen, welche Farbe hätte es? Verwoben mit der Stadt wäre es, schon aus der Ferne erkennbar und leicht zu erreichen. Lokal wäre es auch, weil man hier essen und trinken kann, was man sonst am Ort auch isst und trinkt. Der Fußball wäre nahbar, wie er das heute meist nur noch in den unteren Ligen ist, und zugleich hätte das Stadion das Potential zum Hexenkessel. Und trotz des revolutionären Tauschs von Sitz- und Stehplätzen stünde es für eine Utopie, die sich nicht so fürchterlich wichtig nimmt. Vermutlich hätte ein Spiel dort wirklich eine ganz neue Farbe und würde sich anfühlen wie noch nie. Möchte ein wirklicher Bauherr es damit nicht vielleicht mal versuchen?