03.11.2012

Wie sieht das perfekte Stadion aus?

Das Stadion unserer Träume

Seite 2/4: Schatten und »Weiße Elefanten«
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HH Vision

Es gibt also durchaus etwas zu bereden. Und um den großen, weißen Tisch im klimatisierten Raum bestätigt sich zum Glück der Eindruck aus den Vorgesprächen am Telefon. Für die vier Architekten und Planer ist das Stadion unserer Träume auch deshalb eine willkommene Auszeit von ihrem Arbeitsalltag, weil sie viele der Träume teilen. Friedbert Greif, der Stadtplaner, Städtebauarchitekt und geschäftsführende Gesellschafter bei AS & P, ist Jahreskarteninhaber bei Eintracht Frankfurt. Auch Axel Bienhaus, Architekt und Gesellschafter, geht dort regelmäßig ins Stadion. Das fränkische Rollen in der Stimme von Stefan Klos, Geschäftsführer der Beratungsfirma Proprojekt, ist der richtige Hinweis auf seine Vorliebe für den 1. FC Nürnberg. Und Matthias Schöner, der als Stadtplaner gerade die Projekte in Chemnitz und Regensburg vorantreibt, leidet nach dem ordentlichen Saisonstart des 1. FC Kaiserslautern nicht mehr ganz so unter dem Abstieg aus der Bundesliga.

Eine Vorgabe hatten wir vorab schon besprochen: Es gibt keine Vorgaben und keine Sachzwänge! Wir bauen ein Stadien, wie Fans es sich wünschen, und haben damit einen klaren Versuchsaufbau. Wie würde ein Fußballstadion aussehen, wenn man aus finanziellen Gründen nicht mit Logenplätzen kalkulieren, die ständig wachsenden Pflichtenhefte der Fußballverbände oder Wünsche der Fernsehsender erfüllen muss? Wenn man zugleich aber nicht einfach die Zeitreise zurück in die fünfziger und sechziger Jahre antritt, sondern sich die Möglichkeiten moderner Technik zu Nutze macht? Wenn wir uns zugleich aber als Visionäre nicht zu wichtig nehmen und das Projekt des »11 FREUNDE-Stadions« mit humorvollem Gestus angehen?
 Deshalb wollen wir auch gleich mal einen Sonderwunsch los werden, denn wir hätten gerne eine »Siebziger-Jahre-Ecke«. Endlich soll all jenen, die unter der Geißel des modernen Fußballs besonders leiden, ein Trip in die Prämoderne angeboten werden. In dieser Retro-Ecke unseres Stadions bekommen sie ungedeckte Plätze und mit roter Asche aufgefüllte Stufen, damit man bei Regen schön nass wird und erdnah im Matsch steht. Bereits angerostete Wellenbrecher und kaputte Klos einzubauen, wäre jedoch leider zu teuer, das muss vom Zahn der Zeit übernommen werden. Eine Sichtbehinderung gibt es zum Glück aber sehr wohl, denn der Flutlichtmast soll 
mitten im Block stehen.

»Sie wollen also Schatten sehen?«

Womit wir schon beim zweiten absoluten Muss auf dem aus Berlin mitgebrachten Wunschzettel sind, denn Flutlichtmasten sind für uns nicht verhandelbar! Doch da zeigt es sich, dass man auch als imaginärer Bauherr manchmal bockig sein muss. »Sie wollen also Schatten sehen?«, fragt Stefan Klos streng und erklärt, dass die gleichmäßige Beleuchtung durch die Strahler unter den Tribünendächern doch das Ende der Schatten bedeutet hätten. Und Matthias Schöner weist mit pfälzischem Grollen noch darauf hin, dass man ein Stadion mit Flutlichtmasten wegen des Blendeffekts nicht in die Nähe einer Autobahn bauen dürfe. Selbst der Lichtmantel der Allianz Arena wäre beinahe der nahegelegenen A9 
zum Opfer gefallen.
Aber wir scheren uns erst einmal nicht um Blendeffekte, und Schatten auf dem Rasen sind egal, denn Flutlichtmasten lassen die Herzen höher schlagen. Sie sind für Stadien das, was Glockentürme für Kirchen sind. Wie Inglis eingangs beschrieb, löst ihr Anblick bei Fußballfans schon in der Ferne eine kribbelnde Vorfreude aus, um die wir heute jedoch meist betrogen werden, weil Flutlichtmasten nur noch bei kleinen Stadien gebaut werden, wo Scheinwerfer unterm Dach die Spieler und das Publikum blenden würden.
Doch bevor wir weiter einzelne Punkte unseres Wunschkatalogs abarbeiten, möchte Axel Bienhaus, der in Frankfurt unser zentraler Ansprechpartner und Projektleiter sein wird, Grundsätzliches klären: »Wie groß soll Ihr Stadion denn sein?« Oh, so genau hatten wir uns darüber keine Gedanken gemacht. Das mag auf den ersten Blick naiv erscheinen, als wüsste der Bauherr eines Eigenheims nicht, ob sein Haus nun 150 oder vielleicht doch besser 450 Quadratmeter Wohnfläche haben soll. Doch unser Stadion soll eben keines für einen bestimmten Verein in einer bestimmten Stadt und Liga sein, sondern einem übergeordneten Ideal entsprechen. Rückfrage also: Welche Größe wäre denn besonders gut? Und was ist eigentlich die beste Entfernung, um ein Spiel zu verfolgen?

Eine eindeutige Antwort gibt es darauf nicht, Klos weist auf die Regularien der FIFA hin. Optimale Sichtverhältnisse herrschen in einem imaginären Radius von 90 Metern um den Mittelkreis des Stadions, dort sind die besten und zumeist teuersten Plätze. Mehr als 190 Meter sollte kein Zuschauer von der entlegensten Eckfahne entfernt sein, weil dann das Spielgeschehen kaum mehr zu verfolgen ist. Doch das allein klärt die Frage nicht. »Ganz oben auf der Südtribüne in Dortmund ist man schon im Grenzbereich, aber das Fußballerlebnis ist doch trotzdem großartig«, sagt Axel Bienhaus.

Was sind »Weiße Elefanten«?

Aber wie ist es, wenn man dem Spielfeld durch eine besondere Steilheit der Ränge nahe bleibt? So wie auf dem alten Bökelberg in Mönchengladbach, im Estadio Santiago Bernabeu in Madrid oder in etlichen argentinischen Stadien, wo sich die Ränge wie Wände hinaufzuschieben scheinen. Gibt es nicht eine in Steigungsgraden messbare, ideale Steilheit? »Nein, so kann man das nicht sagen. Es kommt schon darauf an, wo sie messen«, sagt Matthias Schöner. In den alten englischen Stadien seien die Reihen oft eher flach gewesen, und das habe auf die Atmosphäre im Stadion keinen negativen Einfluss gehabt. Wenn es zu steil würde, seien zudem Absturzbügel zwischen den Reihen vorgeschrieben, wie etwa im obersten Rang der Allianz Arena. Dem ehemaligen Bayern-Präsidenten Fritz Scherer war es dort zu abschüssig, er traute sich einst nicht einmal bei der Bauabnahme hoch, weil er Höhenangst hatte.

»Ein baulich ausgenutztes Einrangstadion mit 30 bis 40 Reihen, da stimmen die Proportionen«, schlägt Schöner vor. Das könnte jetzt das letzte Wort in dieser Frage sein, aber eigentlich wollen die Planer uns von einer Idee überzeugen, für die sie schon auf vielen Konferenzen und bei vielen Kunden geworben haben. In der Vergangenheit hinterließen die großen internationalen Fußballturniere immer Stadionbauten, die sie hier in Frankfurt »Weiße Elefanten« nennen. »Portugal hat sich für die Europameisterschaft 2008 wundbetoniert«, sagt Friedbert Greif, der sich im Unternehmen besonders auf strategische Fragen konzentriert. In Aveiro oder Faro quälen die Kommunen schicke Stadien, die aber viel zu groß sind und die sie aus Kostengründen inzwischen am liebsten abreißen würden. Und sind nicht auch die Stadien in Aachen oder Bielefeld derzeit viel zu groß, weil die Alemannia und Arminia nicht mehr Erst-, sondern Drittligisten sind?

»Es gibt aus unserer Sicht keine ideale Größe«, sagt Greif, »deshalb versuchen wir, mit den Stadien schlau umzugehen.« Schlau wäre es, je nach sportlichem Erfolg und Ligazugehörigkeit, die Größe flexibel zu halten. »Es wäre auch fanfreundlich«, sagt Klos. Denn schließlich ist es genauso frustrierend, wenn man fast keine Chance hat, Karten kaufen zu können, wie Fußball in einem halbleeren Stadion zu sehen. Deshalb beruhen die Entwürfe von Albert Speer & Partner für die umstrittene Weltmeisterschaft 2022 in Katar darauf, dass man große Teile der Stadien, die in dem kleinen Land nach dem Turnier nicht mehr gebraucht werden, woanders aufbauen kann.

 Generell tun sich Bauherren mit einer flexiblen Größe für Stadien jedoch schwer. »Stadien sind solche Prestigeprojekte für Vereine und Kommunen, dass alle glauben, sie bauen für die Ewigkeit«, sagt Greif. Vermutlich hat es aber auch pragmatische Gründe, denn was man einmal hat, kann einem nicht mehr weggenommen werden. Außerdem sorgen sich die Kunden, dass temporäre Tribünen nicht schön aussehen und als Notlösungen empfunden werden. Dabei haben die Fans von Mainz 05 fast 15 Jahre auf Stahlrohrtribünen gestanden, die sie bald gar nicht mehr als solche wahrgenommen haben. «Und Stahlrohr ist nicht mehr Stahlrohr, das sieht man inzwischen nicht mehr«, sagt Matthias Schöner.

 
 
 
 
 
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