Wie sich Igor Belanow seinen Ruf versaute
27.09.2009

Wie sich Igor Belanow seinen Ruf versaute

Fünfzehn Kilo Fleisch

In der unserer aktuellen Ausgabe verraten wir Euch 25 Dinge über Russland. Der erste Russe in der Bundesliga war Igor Belanow. Der wollte Dollar, schickte seine Frau zum Fleischkauf und klaute dann in Düsseldorf einen Pelz.

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Die größte Zeit seiner Karriere hatte Igor Belanow bereits hinter sich, als 1989 als umjubelter Neuzugang bei Borussia Mönchengladbach vorgestellt wurde. Der erste Russe in der Bundesliga! Und dann auch noch »Europas Fußballer des Jahres« 1986. Im Rheinland brach das Sowjet-Fieber aus. »Ich bin ein BoRusse« prangte auf Plakaten bei Belanows Begrüßung am Bökelberg. Igor und Gattin Irina, sie waren endgültig angekommen im goldenen Westen.



Drei Jahre vorher bei der WM in Mexiko hatte der in der heutigen Ukraine geborene Belanow die Fußball-Welt begeistert. Unter Walerij Lobanowski, dem großen Schweiger auf der Trainerbank, verzückte die sowjetische Auswahl mit technisch beeindruckendem Spiel und außerordentlichen Einzelkönnern. Belanow, als klassischer Flügelstürmer auf den Außenbahnen dieser Welt zu Hause, war die personifizierte Fußball-Philosophie Lobanowskis, dessen Auswahl trotzdem ohne zählbaren Erfolg den Weg in die Heimat antreten musste. Das Jahr gehörte trotzdem seinem Schützling mit den schnellen Beinen: Dynamo Kiew überraschte vor allem Dank Belanow die europäische Konkurrenz und holte sich den Pokal der Pokalsieger in die Vitrine.

Kurz vor seinem Engagement in Mönchengladbach, hat Belanow das Land seines neuen Arbeitgebers bereits kennengelernt: bei der Europameisterschaft 1988 ziehen die Sowjets ins Finale ein, scheitern da aber am großartigen holländischen Ensemble um die Weltklassespieler van Basten, Gullit und Rijkaard mit 0:2. Belanow verschießt einen Elfmeter gegen Hans van Breukelen und kann danach sein Pech nicht fassen.

Jetzt also Mönchengladbach statt Kiew. West-Deutschland statt Sowjetunion. Die Belanows treten ein in eine Welt, die Ihnen fremd ist. Und der Fußball-Profi ist hier, um gutes Geld zu verdienen. Der Angreifer wähnt sich als cleverer Geschäftsmann und fordert, dass die Borussia sein Gehalt in starken Dollar ausbezahlt. Die »Fohlen« erfüllen ihrem Neuzugang die Forderung, man will sich nicht vorwerfen lassen den neuen Star aufgrund von Währungsdifferenzen vergrault zu haben. Dann bricht von einen Tag auf den anderen der Dollarkurs ein, Familie Belanow sieht ihre Felle davonschwimmen – und wird prompt beim Pelzediebstahl in Düsseldorf erwischt.

Der Sowjetfußballer macht sich zum Gespött der gegnerischen Fans, zumal auch noch herauskommt, dass Gattin Irina bereits dabei erwischt wurde, wie sie einen 30-Mark-Armreif stibitzen wollte. Belanows Frau ist es auch, die gleich in den ersten Tagen die Fleischfachverkäuferin hinter einer Gladbacher Wursttheke mit der Forderung nach 15 Kilo Fleisch irritiert. Geprägt von nur dürftig bestückten Einkaufsregalen in ihrer Heimatstadt Kiew will die Fußballer-Frau lieber auf Nummer sicher gehen.

Belanows sportliche Diaspora bei der Borussia wird zum beiderseitigen Fiasko. Mönchengladbach verliert viel Geld und gewinnt wenig Punkte, Belanow kommt in 24 Spielen auf nur vier Tore und verliert seinen guten internationalen Ruf. Zur Winterpause 1990/91 will ihn immerhin noch Eintracht Braunschweig verpflichten, doch der Traditionsverein krebst inzwischen in der zweiten Liga herum und auch der prominente Neuzugang kann den Abstieg in die damals drittklassige Oberliga Nord nicht verhindern. 1994 verschwindet Belanow von der europäischen Bühne.

Erst 2003 taucht er plötzlich wieder auf und übernimmt die Aktienmehrheit beim schweizerischen Erstligisten FC Wil. Dafür darf die komplette Vereinsführung ihre Schreibtische räumen, mit Alexander Sawarow verpflichtet Belanow einen Landsmann als neuen Cheftrainer. Dumm nur, dass der keine gültige Uefa-Lizenz vorweisen kann und Wil bald wieder verlassen muss. Schon bald gibt Belanow beim FC die Zügel aus der Hand, zu laut waren die kritischen Rufe, die die finanziellen Vergehen des Investors schon seit Jahren bemängelt hatten.

Seitdem hat man nichts mehr von Igor Belanow gehört. Aber: bald wird er wieder auftauchen, ganz bestimmt.  

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