Wie sich die Nationalelf neu erfand

Neues Deutschland

Nie war das Nationalteam in Deutschland so beliebt, nie wurde es in der Welt so gefeiert. Bei der Weltmeisterschaft in Südafrika hat es Fußballgeschichte geschrieben. Christoph Biermann hat die Stationen eines Fußballwunders dokumentiert. Wie sich die Nationalelf neu erfand
Heft#110 01/2011
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Bonn, 10. November 2009: Roberts Vermächtnis

Der Schock kommt abends um kurz vor halb neun. Die Nationalspieler warten im Restaurant »Next Level« des Mannschaftshotels aufs Abendessen, als Manager Oliver Bierhoff und die Trainer den Raum betreten, um zu bestätigen, was in den Minuten zuvor bereits als Gerücht die Runde gemacht hat: Robert Enke hat sich das Leben genommen. Normalerweise hätte der Torwart hier bei ihnen sitzen sollen, um sich auf das Länderspiel gegen Chile vorzubereiten. Aber Bundestrainer Löw hat ihn und René Adler nicht nominiert, weil er den Reservisten Manuel Neuer und Tim Wiese auf dem Weg zur Weltmeisterschaft 2010 eine Chance geben wollte, sich zu beweisen.

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Einige Spieler weinen, für alle ist die Nachricht ein Schock. Sie passt nicht in ihre Welt voller Jugend, Kraft und ewiger Zuversicht. Sie werden als Helden gefeiert und sehen sich als unbezwingbar. Gerade weil Robert Enke immer so klar wirkte und besonders erwachsen, kann das niemand verstehen: Wieso hat er sich umgebracht? Und warum haben sie nichts geahnt?

Von den Abgründen im Leben ihres Kollegen werden die Nationalspieler, die Trainer und Betreuer später erfahren, von Enkes Leiden unter den Schüben von Depression. Jetzt irren sie erst einmal sprachlos, verwirrt und haltlos schluchzend durch das neueröffnete Hotel, dessen erste Gäste sie sind.

Um kurz nach zehn Uhr versammelt DFB-Psychologe Hans-Dieter Hermann die Spieler auf deren Wunsch hin zu einem Gespräch. Es ist das erste von vielen, die Hermann in der Gruppe oder mit einzelnen Spielern in den kommenden Monaten führt.  »Es ist von diesem unglaublichen Ereignis nichts zurückgeblieben«, sagt Hermann heute und meint damit, dass es kein unaufgearbeitetes Trauma gibt. Geblieben vom Nationaltorwart, der eigentlich bei der Weltmeisterschaft in Südafrika im Tor stehen sollte, ist aber »Roberts Vermächtnis«, wie es Hermann nennt. Das ist ein Umgang miteinander, wie ihn Enke stets vorgelebt hatte und den die Mannschaft weiter pflegt. »Keiner von den Spielern wird runtergemacht. Man spricht auf Augenhöhe miteinander, und jeder wird in seinen Eigenarten gelassen«, sagt Hermann. Selbstverständlich herrscht ein harter Konkurrenzkampf auf dem Platz, schließlich will niemand auf der Bank sitzen, aber der gegenseitige Respekt setzt ihm auch Grenzen. »Sie haben immer noch was von klassischen Fußballspielern«, sagt Hermann, »aber es sind keine elf Krieger mehr.«

Warschau, 6. Februar 2010: Eiszeit

Es ist kalt in Warschau und eisig die Stimmung, als die Spitzenkräfte des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zur Auslosung der Europameisterschaftsqualifikation in die polnische Hauptstadt anreisen. Auf dem gemeinsamen Flug hält man, nur wenige Sitze voneinander getrennt, deutlich Abstand, die Fernsehinterviews sind schmallippig. Verbandspräsident Theo Zwanziger und Generalsekretär Wolfgang Niersbach grollen, weil sie sich bei der Verhandlung um die Vertragsverlängerung des Trainerteams der Nationalmannschaft von Manager Oliver Bierhoff erpresst fühlen. Bundestrainer Joachim Löw ist empört über in der Boulevardpresse lancierte Details aus den Verhandlungen und die Tatsache, dass er nun als Raffke dasteht.

Erst nach der Weltmeisterschaft soll weiterverhandelt werden, die Verträge von Löw und Bierhoff, von Assistenztrainer Hans-Dieter Flick und Torwarttrainer Andreas Köpke laufen damit Ende Juli aus. Wenn sie in Südafrika scheitern sollten, das ist damit klar, wird auch jene Ära vorbei sein, die 2004 begann, als Jürgen Klinsmann Bundestrainer wurde, und die Löw fortführte. Im DFB gibt es einige, auch das ist nun offensichtlich, die genau darauf warten.

»Die Vertragssituation hatte ich schon gefürchtet«, sagt Professor Tim Meyer, der als Sportmediziner die Nationalmannschaft schon seit 2001 von innen kennt. Mit der Sorge ist er nicht allein, aber angesichts des hässlichen Gezerres zeigt sich auch eine besondere Qualität von Löw und seinem Team. »Wir haben beschlossen: Das Thema ist vorbei, und wir reden nicht mehr darüber«, sagt Flick. Das sei kein feierlicher Schwur gewesen, aber eine klare Verabredung, und sie wird strikt eingehalten. Bis zum Ende der Weltmeisterschaft erwähnen sie selbst im engsten Kreis die Vertragsfrage mit keinem Wort mehr. Den Führungsstil des Bundestrainers zeichnet es aus, keine Energie an etwas zu verschwenden, das momentan nicht zu ändern ist.

London, 25. April 2010: Immer Spektakel

»Fast in allen WM-Spielen haben wir das umsetzen können, was wir uns vorgenommen hatten«, sagt Miroslav Klose, und selbst Monate nach dem Ende des Turniers spürt man bei ihm immer noch echte Begeisterung. Wenn man verstehen will, welchen Fußball sie sich da vorgenommen hatten, muss man auf den 36. Spieltag der englischen Premier League schauen. Chefscout Urs Siegenthaler, Bierhoff, Löw, Flick und Köpke sind zum Spiel des FC Chelsea gegen Stoke City geflogen, um zu sehen, wie gut Michael Ballack in Form ist. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft bleibt die komplette Spielzeit auf dem Platz, aber der Trainerstab kehrt aus einem anderen Grund beeindruckt aus London zurück. »Chelsea hat selbst nach dem 4:0 nicht zurückgeschaltet«, sagt Hansi Flick. So steht es bereits nach der 68. Minute, Ballacks Team hat damit seine Tabellenführung verteidigt und attackiert dennoch weiter das Tor der bedauernswerten Gäste aus Stoke, deren Leiden erst mit dem 7:0 in der vorletzten Minute vorüber sind.

In der britischen Metropole hat die sportliche Führung der Nationalmannschaft auf ihren Erkundungen wieder etwas gefunden, was sie den Spielern beibringen will. In diesem Fall eine nicht nachlassende Unbedingtheit. Von überall tragen sie Eindrücke, Ideen und Konzepte zusammen und schauen, was sie davon brauchen können. »Ich denke, dass es eine unserer Stärken ist, die Lampe etwas höher zu hängen und zu schauen, was im Weltfußball passiert«, sagt Flick. »Das ist nichts anderes als in einer Firma, die den Markt sondiert und schaut, wohin die Entwicklung geht.« Deshalb reist der Freigeist Siegenthaler zur Afrikameisterschaft, nach Südamerika oder schaut sich in französischen Nachwuchszentren um. Spitze auf dem Weltmarkt ist der schnelle One-Touch-Fußball des FC Arsenal, den Flick zweimal besucht und dabei eine komplette Saisonvorbereitung von Arsene Wenger begleitet. Außerdem beobachtet er beim FC Barcelona, wie dort der spektakuläre Kombinationsfußball erarbeitet wird, den auch das spanische Nationalteam spielt.

Die Erkenntnisse verdichten sich auf diversen Treffen des Trainerteams bis zum Beginn der WM-Vorbereitung in einem Slogan: »Spielen und Gehen«. Die Nationalmannschaft soll noch aktiver spielen. Kein Spieler soll stehenbleiben, wenn er den Ball weitergepasst hat. Sie sollen das Spiel nicht verwalten, wie man es in der Bundesliga viel zu oft sieht. »Vor allem aber hatten wir uns vorgenommen zu zeigen, dass wir Spaß beim Fußball haben und dieses Bierernste, das man den Deutschen zuschreibt, nicht mehr stimmt«, sagt Flick.

Das ist der Plan. Jetzt muss er nur noch umgesetzt werden.

Sciacca, 17. Mai 2010: Endzeitstimmung

Die Weltmeisterschaft ist vorbei, obwohl die Vorbereitung darauf erst zwei Tage zuvor begonnen  hat. Diesen Eindruck vermitteln jedenfalls die meisten Berichte über die Sprunggelenksverletzung von Michael Ballack, die er sich zwei Tage zuvor im englischen Pokalfinale zugezogen hat. Abends in der ARD gibt es sogar eine Sondersendung zu den Folgen des Fouls von Kevin-Prince Boateng, aufgrund dessen der Mannschaftskapitän in Südafrika nicht spielen können wird. »Er ist als Typ unersetzlich und der wichtigste Spieler der Mannschaft«, sagt der live zugeschaltete Experte Mehmet Scholl. Das bedarf keiner weiteren Interpretation.

Das WM-Aus des »Capitano« passt zu den schlechten Nachrichten über die geplatzten Vertragsverhandlungen und die Verletzung des designierten Enke-Nachfolgers René Adler. Das einzige ernstzunehmende Länderspiel des Jahres ist gegen Argentinien ziemlich schmucklos verlorengegangen, und die Vorbereitung auf Südafrika ist zerrissen, weil die Bremer Spieler wegen des Pokalfinales und die aus München wegen des Endspiels der Champions League später kommen werden.

Doch im Hotel auf Sizilien ist von Endzeitstimmung keine Spur. Löw und Flick bleiben gelassen. »Es war unglaublich, wie die Trainer damit umgegangen sind«, sagt einer der Mitarbeiter, der an jenem Tag dabei war. »Es wurde nach der Nachricht von Ballacks Verletzung keine zehn Minuten darüber debattiert, wen man nachnominieren oder ob anders gespielt werden muss.« Genauso wird es später nach den Verletzungen von Christian Träsch und Heiko Westermann sein: Die Idee vom Fußball wird nicht geändert, nur weil Protagonisten fehlen.

Girlan, 2. Juni 2010: Die Kraft der Jugend

53 Trainingseinheiten absolvieren die Nationalspieler vom Beginn der Vorbereitung bis zur Abreise nach Südafrika, Testspiele eingerechnet. »Schon vor dem Turnier war mir klar, dass diese deutsche Mannschaft die qualitativ beste ist, in der ich je gespielt habe«, sagt Mannschaftskapitän Philipp Lahm. Von Beginn an merken alle Spieler und Trainer, wie hoch das spielerische Niveau im Training ist.

Aber das Team nimmt bei der Vorbereitung in Südtirol das Konzept vom beständigen »Spielen und Gehen« nicht nur bereitwillig an, sie hat auch die Kraft dazu. »Das war das fitteste Nationalteam, das ich je gesehen habe«, sagt Mannschaftsarzt Tim Meyer, der auch für die Leistungsdiagnostik zuständig ist. Zum ersten Mal zeigt sich, dass die relative Jugend des Kaders auch ein Vorteil ist. Mit einem Durchschnittsalter von 24,96 Jahren wird der DFB das nach Ghana und Nordkorea drittjüngste Team der WM stellen und die jüngste deutsche Mannschaft seit 1934. »Spieler mit 23 haben generell einen besseren Fitnesszustand als mit 33«, sagt Meyer.

Außerdem kommen die Spieler deshalb fitter zum Nationalteam, weil dem Thema in den Vereinen inzwischen größere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Fast überall arbeiten inzwischen qualifizierte Fitnesstrainer, die wissen, wie man die richtige Balance zwischen Ausdauer und der fürs Fußballspielen gleichzeitig so wichtigen Spritzigkeit herstellt. Das ist auch eine Folge jener Diskussion, die Jürgen Klinsmann sechs Jahre zuvor angestoßen hatte, als die Fußballbranche zunächst über Gummibänder und US-Trainer herzog. 

Erasmia, 7. Juni 2010: Yebo!

Die letzten Kilometer zum Mannschaftsquartier führen über eine mit Schlaglöchern übersäte Landstraße durchs Veld, eine nun winterkahle, braungraue Steppenlandschaft. Es gibt wenig, woran sich das Auge hier festhalten kann. Zehn Stunden lang war das Team von Frankfurt nach Johannesburg unterwegs, und die Schlussetappe zum Hotel Velmore Grande sieht so aus, als wollte sie alle WM-Skeptiker bestätigen, die in den vorangegangenen Monaten über das Turnier in einem winterlichen Entwicklungsland mit Sicherheitsproblemen gemault haben. Es sieht trostlos aus, und an einer Nebenstraße wird auf einem Schild vor Überfällen gewarnt.

»Ich glaube, dass unsere Ankunft im Mannschaftsquartier einer der wichtigsten Momente der Weltmeisterschaft war«, sagt Harald Stenger. Der DFB-Pressesprecher ist ein emotionaler Mensch mit ausgeprägtem Gespür für Stimmungen und weiß, wie wichtig es ist, dass bei einem so langen Turnier kein Lagerkoller aufkommt. Aber Südafrika im Winter, das ist eine besondere Herausforderung.

»Zuhause wurde immer gesagt, dass es dort gar nicht richtig wie bei einer WM sein würde«, sagt Miroslav Klose, »aber als die Leute im Hotel gesungen und getanzt haben, fanden wir das alle super.« Die Angestellten begrüßen ihre Gäste aus Deutschland überschwänglich, und augenblicklich hellt sich die Stimmung auf. »Dazu strahlte die Sonne und man merkte sofort, dass wir auch emotional angekommen waren«, sagt Stenger.

Beim ersten Training trägt die Mannschaft von Psychologe Hans-Dieter Hermann gestaltete T-Shirts, auf denen »Yebo« steht. Das ist Zulu und bedeutet »Ja«. Es ist eine dieser leicht esoterischen Aktionen, wie sie seit Klinsmanns Amtszeit zur Kultur der Nationalmannschaft gehören, und soll eine Bejahung sein, dass sich alle auf die erste WM in Afrika freuen. Sie nimmt die Stimmung auf, die der Bundestrainer verbreiten will. Löw war bei der Auslosung der WM-Gruppen in Kapstadt und ist seither vom Gastgeberland begeistert. »Er wollte mit unserem Spiel die Menschen in Südafrika begeistern und zeigen, dass wir gerne dort sind«, sagt Hermann.

Durban, 12. Juni 2010: Das letzte Heulen des Leitwolfs

Die Vorbereitung ist gut, die Stimmung auch, doch es bleibt eine Frage: Ist diese Mannschaft nicht zu jung? Der deutsche Fußball hat immer Routiniers geliebt, die Jungen mussten sich erst einmal hinten anstellen und den alten Leitwölfen zuarbeiten. Aber die gibt es nicht mehr.

Dafür gibt es Sami Khedira, 23 Jahre alt. Er wirkt aber doppelt so alt. »Ich bin von klein auf daran gewöhnt, Verantwortung zu übernehmen«, sagt er mit fester Stimme, und man glaubt ihm das sofort. Khedira soll Michael Ballack ersetzen und zusammen mit Bastian Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld spielen. Den Ernstfall hat das Duo noch nicht geprobt, doch selbst im Rückblick wird es Khedira nicht mulmig. »Ich habe früh betont, dass ich bei der WM nicht nur für gute Laune sorgen, sondern auf dem Platz stehen wollte«, sagt er.

Khedira ist nur einer aus der neuen, unerprobten Generation, die nicht auf Schnupperkurs dabei ist, sondern zentrale Aufgaben übernehmen muss. Beim Auftaktspiel gegen Australien wird im Tor Manuel Neuer (24) stehen, in der Abwehr Holger Badstuber (21), im Mittelfeld Mesut Özil (21), Thomas Müller (20) und Sami Khedira (23). Später im Turnier werden noch Marko Marin (21),
Jerome Boateng (21) und Toni Kroos (20) zum Einsatz kommen. Sie alle haben eine aufwendige Ausbildung in den Jugendinternaten der Bundesligisten und die Eliteförderprogramme des DFB durchlaufen. Das zahlt sich nun aus.

Sie sind aber auch Teil eines Teams, in dem es zwar eine Hierarchie, jedoch keine Hackordnung mehr gibt. »Wir hatten durch den Mannschaftsrat eine ganz andere Art der Teamführung«, sagt Hansi Flick. Der Verteidiger Arne Friedrich gehört zu diesem Gremium und betreibt bei jeder Trainingseinheit oder einfach mal zwischendurch permanentes Coaching der jungen Kollegen. »Wir haben ihnen ständig klargemacht, dass wir an sie glauben«, sagt Friedrich. Das mag banal klingen, aber es wird noch genug knifflige Situationen geben, in denen das wichtig wird. Außerdem soll sich kein Reservist überflüssig fühlen, niemand verzagen und Teamgeist nicht nur ein Etikett sein. Und diese Atmosphäre tut auch Friedrich selber gut, der mit Hertha BSC eine harte Zeit hinter sich hat. Oder Miroslav Klose, der in der großartigen Saison des FC Bayern nur eine triste Nebenrolle spielte.

Durban, 13. Juni 2010: Tausend Kleinigkeiten

Die Flanke in der 26. Minute kommt genau so, wie Miroslav Klose sie am liebsten mag: zwischen Torwart und Abwehrspieler. Für eine Verteidigung ist das teuflisch, weil der Verteidiger sich unsicher ist, ob sein Keeper an den Ball kommt und umgekehrt. So haben die beiden Australier in diesem Moment gegen Klose keine Chance. Er hat geahnt, wohin Philipp Lahm den Ball schlagen wird. Mit Schnitt aus dem Halbfeld kommt er in der gefährlichen Zone herunter: Klose köpft zum 2:0 ein. »Man muss die Nase dafür haben, wohin die Flanke kommt und ob der Mitspieler sie lupft, scharf hereinspielt oder mit Schnitt vors Tor dreht«, sagt Klose. »Es müssen tausend Kleinigkeiten passen.«

Der erfahrene Stürmer liebt die Kleinarbeit und bei der Nationalmannschaft bekommt er den Stoff dafür. »Ich gehe immer zu den Spielanalytikern und schaue mir die Innenverteidiger an. Wer von beiden ist der bessere Aufbauspieler, den muss man schneller zustellen. Wer spielt ballorientiert, wer gegnerorientiert, und schaut einer nur auf den Ball?«

Noch immer spielt im Fußball der Zufall eine große Rolle, und Klose kennt die Phasen nur zu gut, wenn immer eine Kleinigkeit fehlt. Aber das Training beim Nationalteam ist auch ein Kampf gegen die Macht des Zufalls. Ein Video belegt die Erfolge in diesem Kampf. Darin sind einige Tore, die beim Turnier fielen, mit Trainingsformen gegengeschnitten. »Man könnte eine Schablone drüberlegen, das ist unglaublich«, sagt Assistenztrainer Hans-Dieter Flick. Der kleine Film ist auch eine Bestätigung seines Handbuchs. Es hat DIN A4-Format, Spiralbindung, ein Cover aus Kunststoff und sieht auf den ersten Blick wie die Seminararbeit eines Sportstudenten aus. Jede Trainingsübung ist darin erfasst und alle Themenschwerpunkte genau definiert: wie man mit der Ballannahme das Tempo erhöht, nach welchem Schema die Angriffe ablaufen oder wo sich die Spieler in welcher Spielsituation positionieren. »Wir wollen ihnen Lösungsmuster an die Hand geben«, sagt Flick. Jeder soll in jedem Moment wissen, was von ihm erwartet wird. Das hört sich banal an, ist in der Bundesliga aber nicht selbstverständlich.

Erasmia, 18. Juni 2010: Captain’s Dinner

Ein richtiges Dinner ist das nächtliche Zusammentreffen im Zimmer des Spielanalytikers Christofer Clemens nicht, das »Captain’s Dinner« ist eher ein später Absacker mit einem Glas Rotwein nach einem langen Tag. Mannschaftskapitän Philipp Lahm, Arne Friedrich und die beiden Fitnesstrainer sind gekommen, nachdem Deutschland nachmittags in Port Elizabeth gegen Serbien mit 0:1 verloren hat. Zudem ist Miroslav Klose vom Platz geflogen, und Lukas Podolski hat einen Elfmeter verschossen. Die Skeptiker, die sich von der Begeisterung über die Leistung beim Auftakt gegen Australien nicht hatten anstecken lassen, können sich bestätigt fühlen.

Doch es gibt zwei Möglichkeiten ein solches Spiel zu interpretieren: von seinem Verlauf und vom Ergebnis her. Die kleine Runde auf dem Hotelzimmer kommt zur Einsicht, dass abgesehen vom Resultat vieles stimmte, und so werden es Lahm und Friedrich auch an ihre Kollegen weitergeben. »Es war eine komische Niederlage, die sich für mich nicht so angefühlt hat«, sagt Lahm. Die Video-Analysen werden den positiven Eindruck der Runde auf dem Hotelzimmer belegen und der Bundestrainer es der Mannschaft ebenfalls so vermitteln. Das alles ändert aber nichts daran, dass die Situation nun heikel ist.

Johannesburg, 23. Juni 2010: Raus ohne Applaus

»Von draußen hatte man das Gefühl, dass jeder einen Rucksack auf den Schultern hat«, sagt Hansi Flick. Der von Manuel Neuer ist besonders groß, denn während der 90 Minuten gegen Ghana wird der Torhüter nervös. Die letzte Partie der Vorrunde ist eine, wie sie Torhüter hassen, denn Neuer bekommt kaum Bälle zu halten. »Und ich dachte immer, dass ich auf keinen Fall ein Tor kassieren darf.« Wenn Deutschland gegen Ghana weniger Punkte holt als Serbien gegen Australien, ist das Team raus und das eben noch bestaunte Torwarttalent plötzlich Keeper der erfolglosesten Mannschaft in der deutschen WM-Geschichte. Denn ein Aus in der Vorrunde gab es noch nie.

Oben auf der Tribüne haben Hunderte Journalisten die Bildschirme aufgeklappt und schreiben ihre Spielberichte. Einer probt schon mal das Horrorszenario. »Raus ohne Applaus« heißt seine vorläufige Schlagzeile und man ahnt, was das bedeutet: ewige Schmach und das Ende der Ära Löw, bevor sie wirklich eine werden kann.

»Vorher habe ich mir keine Gedanken gemacht, ob 80 Millionen Deutsche oder die ganze Welt das Spiel anschaut«, sagt Neuer. Als Mesut Özil nach einer Stunde trifft, sieht der Torwart, dass er mit seiner Nervosität nicht allein war. Kein deutscher Jubel bei der gesamten Weltmeisterschaft ist größer als dieser, und mit ihm fallen auch die letzten Zweifel ab.

Erasmia, 24. Juni 2010: Jubel in der Nacht

Als Neuer und seine Mitspieler weit nach Mitternacht ins Hotel zurückkommen, werden sie von jubelnden Hotelangestellten begrüßt. »Die haben sich fast mehr gefreut als wir«, sagt Neuer trocken. Aber er weiß, dass die Begeisterung nicht nur Ausdruck eines freundlichen Naturells ist. Wenn er von seinen Kollegen die Nase voll hat, streunt er übers Hotelgelände und unterhält sich mit den Angestellten. Er erfährt, dass sie stundenlang in Sammeltaxis zur Arbeit unterwegs sind und ihren Job allein der Anwesenheit des deutschen Teams verdanken. Nach dem
Aus im Turnier sind sie wieder arbeitslos. »Wir wussten, wie wichtig es für ihre Familien ist, dass wir im Turnier bleiben.« Neuer will damit nicht sagen, dass er für die Wachleute, Zimmermädchen oder Kellner im Velmore Grande gespielt hat. »Aber das ist einem schon mal in den Sinn gekommen.«

Bloemfontein, 27. Juni 2010: Das Ende der Panzer

Nach jedem Spiel müssen die Spieler auf dem Weg von den Kabinen zum Mannschaftsbus durch die Mixed Zone, wo Reporter aus aller Welt warten. Nach dem 4:1-Sieg über England erlebt Philipp Lahm dort bei den Gesprächen mit den englischen Journalisten etwas besonders. »Man hat gemerkt, dass sie von der deutschen Nationalmannschaft beeindruckt waren«, sagt Lahm. Das ist kein Team, das man auf seinen Kampfgeist oder unbeugsamen Willen reduzieren kann oder den alten, fatalistischen Witz von Gary Lineker, wonach Fußball ein Spiel für 22 Leute ist, das am Ende immer Deutschland gewinnt.

In der englischen Nachberichterstattung sind auch die deutschen Panzer eingemottet, mit dem Sieg im Achtelfinale ist Deutschland plötzlich das heißeste Team der WM. Die Reporter sind begeistert von diesen Spielern, deren Namen sie zuvor noch nie zuvor gehört haben: von Thomas Müller, diesem mitreißenden Goalgetter, vom leichtfüßigen Mesut Özil und dem stillen Organisator Sami Khedira.

In Deutschland läuft die große Fußballparty inzwischen wieder auf Hochtouren, das können die Spieler in ARD und ZDF im Mannschaftshotel sehen. Der Anschluss an die Wiederkehr des Sommermärchens von 2006 gelingt bis auf die andere Halbkugel. Ein Freund von Manuel Neuer beschwert sich scherzhaft, dass sie besser mal ausscheiden sollten. Er wohnt in Gelsenkirchen-Buer dort, wo nach jedem Sieg der Autokorso langgeht.

Doch die Deutschen feiern ihr Team nicht allein. »Die Welt hat gelernt, uns anders zu sehen«, sagt Lahm. Zum ersten Mal seit 1972, als die deutsche Mannschaft mit hinreißendem Offensivfußball die Europameisterschaft gewann, erobert sie auch die Herzen der Fußballfans aus anderen Ländern.

Kapstadt, 2 Juli 2010: Der Capitano ist draußen

Als am Abend vor dem Spiel gegen Argentinien der verletzte Michael Ballack im Mannschaftshotel auftaucht, wirkt das wie ein Irrtum. Und selbst jetzt noch ist dieser Besuch ein sensibles Thema. Einer der Betreuer sieht den Besuch als PR-Aktion des Ballack-Beraters Michael Becker und größten Krisenmoment während der WM. Ein falsches Wort, so meint er, und die Situation hätte eskalieren können. Hans-Dieter Hermann hingegen hält die öffentliche Diskussion über den Kapitän, der angeblich nicht mehr zu den flachen Hierarchien passt, für falsch. »Michael hat sich verändert, es hätte auch mit ihm gepasst«, sagt der Psychologe.

Dass Ballacks Besuch bei der Mannschaft dennoch wohl eher ein Fehler war, ist aus der Geschichte des Nationalteams zu erklären, wo zu den Zeiten von Jürgen Klinsmann eine klare Trennung zwischen denen drinnen und jenen draußen vollzogen wurde. Bei Klinsmann war das noch eine Wagenburg, die sich streng vom Zugriff der Funktionäre und Medien abgrenzte. Unter Löw ist das Prinzip unverändert, wird aber verbindlicher vermittelt. Die Nationalmannschaft nimmt zwar neue Spieler oder Mitarbeiter gerne auf, aber wenn sie auf Mission geht, konzentriert sie sich nur noch auf sich.

In Kapstadt wird Ballack daher zwar von Löw und allen anderen herzlich begrüßt, aber es ändert nichts an der Teilung der Welten. Dem Capitano ergeht es, wie es auch René Adler oder Heiko Westermann ergangen wäre. Oder wie jenen DFB-
Funktionären, die die Nähe der Nationalmannschaft suchen und nicht finden: Sie sind draußen.

Kapstadt, 3. Juli 2010: Wer ist Deutschland?

Wenn man Philipp Lahm fragt, was für ihn der Moment der Weltmeisterschaft gewesen sei, der sein Erlebnis in einem Bild zusammenfasst, sagt er: »Als Arne Friedrich nach seinem Tor gegen Argentinien den Diver macht und alle Spieler auf ihn springen. Das ist ein gutes Bild auch mit dem Hintergrund, dass wir eine Multi-Kulti-Nationalmannschaft sind.« Wendet man ein, dass es klingt, als hätte er zu viele Artikel über die deutsche Nationalelf als Integrationssymbol gelesen, sagt er: »Das denke ich wirklich.«

Manuel Neuer denkt das auch, auch wenn es bei ihm etwas weniger feierlich klingt. »In der Jugendmannschaft bei Schalke hatten wir immer Türken, Iraner oder Polen. Nur spielte die Herkunft keine Rolle, für uns waren das immer Schalker. Aber vielleicht ist das in einer Gesellschaft schwieriger als in einer Fußballmannschaft, die ein sehr kleiner Kreis ist.«

Die deutsche Nationalmannschaft zaubert eines der unglaublichsten Spiele auf den Platz, das man je von ihr gesehen hat. Die beiden wesentlichen Vorgaben der Trainer setzt sie dabei perfekt um. Sie sollen über der Sorge um Lionel Messi dessen Mitspieler nicht vergessen. Weil sich in vorangegangenen Spielen oft zu viele Gegner auf ihn gestürzt hatten, waren dann plötzlich mehrere andere Argentinier frei. Außerdem hatten die Trainer vor Beginn der ersten Trainingseinheit, die zum Viertelfinale hinführte, weitgehend unkommentiert ein Video mit vier Spielszenen der Argentinier gezeigt. Es zeigte die Löcher und Unordnung in ihrer Defensive, und Stürmer Cacau sagte danach: »Ich habe eine Woche lang gerätselt, wo deren Probleme sind, jetzt weiß ich es.«

Unnachgiebig nutzt die deutsche Mannschaft aus, dass die der Argentinier nur zur Hälfte in der Defensive mitspielt und insgesamt rund 20 Kilometer weniger läuft. Leicht kombiniert sie sich durch die Räume, und Neuer sagt: »Wenn wir keine deutschen Trikots angehabt hätten, hätte man nicht gewusst, welche Nationalität da auf dem Platz steht.«

Aber wie ist das eigentlich, wenn man in einem solchen Spiel dabei ist? Begreift man die Größe des Moments und hat das Gefühl, Fußballgeschichte zu schreiben? »Auf dem Platz sieht man das nicht so«, sagt Philipp Lahm. »Nein, dazu ist man zu sehr auf seine Aufgaben fokussiert«, sagt Manuel Neuer. Und der Früherwachsene Sami Khedira verbietet sich größeren Überschwang sowieso: »Es geht sehr schnell nüchtern zum nächsten Spiel.«

Johannesburg, 7. Juli 2010: Evolution

Es ist keine Revolution des deutschen Fußballs, die sich in den Spielen gegen England und Argentinien gezeigt hat, aber ein evolutionärer Sprung ist es schon. In Südafrika steht das eigene Spiel mehr im Vordergrund als bei vorangegangenen Turnieren. Doch das eigene Offensivspiel gegen Spanien durchzusetzen, wie soll das gehen? »Wir wussten, dass jetzt der dickste Brocken kommt, denn sie spielen seit Jahren so, wie wir erst angefangen haben«, sagt Philipp Lahm. Auch gegen Spanien wollen sie den Gegner im Moment der Balleroberung mit möglichst schnellem Spiel in die Spitze überraschen. Doch das bleibt Theorie, weil Spanien trotzdem nicht in Unordnung gerät, und so geraten die deutschen Himmelstürmer an ihre Grenzen.

Das Spiel bestätigt auch Löws Ahnung, die er vor der Abreise nach Südafrika im kleinen Kreis geäußert hatte: »Michael Ballack werden wir erst im Halbfinale richtig vermissen.« In der Höhenluft ganz enger Spiele fehlt er nun wirklich. Vielleicht hätte er das deutsche Team mitreißen können, nach dem eher glücklichen 0:0 zur Pause das Risiko zu suchen. So aber sind die deutschen Youngster den gereiften Meistern aus Barcelona und Madrid unterlegen.

Allerdings ist der Unterschied nicht so groß wie im Finale der Europameisterschaft 2008, und für den Siegtreffer braucht Spanien eine Standardsituation. »Wir waren in diesem Moment zu nah bei unseren Gegenspielern«, sagt Hansi Flick über das Tor von Carles Puyol nach einem Eckball. Der Verteidiger vom FC Barcelona kann sich mit Anlauf in die Flanke hineinwuchten. Dann ist noch eine Viertelstunde zu spielen, aber alle wissen, dass der Traum vom Finale und dem vierten WM-Titel vorbei ist.

Port Eilzabeth, 11. Juli 2010: Erschöpfung

Jetzt sind fast alle krank. Philipp Lahm hat hohes Fieber, Lukas Podolski plagt ein Infekt, Löw und Flick schleppen sich über die Runden. Überall im Mannschaftshotel hört man Husten und Schniefen. Das Turnier hat alle viel Kraft gekostet, und noch bevor es ganz vorüber ist, schwant den Beteiligten, dass unwiderruflich etwas ganz Besonderes zu Ende geht. Alles hat gepasst, auch weil sie beim Nationalteam die Kunst des Weglassens beherrschen. »Die ruhige Hand ist nicht nur in der Medizin wichtig: Wenn einer keine Beschwerden hat, muss ich nicht fünfmal danach fragen«, sagt Mannschaftsarzt Meyer. Wo es sonst im Fußball viel Aktionismus gibt, muss sich das Team um die Mannschaft nicht mehr profilieren. »Es arbeiten alle uneitel zu, weil Jogi Löw das Uneitle vorlebt«, sagt Hans-Dieter Hermann.

So hat über fast acht Wochen alles zusammengepasst, im Team und drum herum. Kleinere Streitereien und Konflikte wirken nicht nach. Egal ob man von »Roberts Vermächtnis« spricht oder nicht, die Spieler gehen respektvoll miteinander um. »Es ist in Südafrika etwas gelungen, was 2008 nicht so geklappt hat: Die Mannschaft hatte eine gewisse Leichtigkeit in ihrem Handeln«, sagt Psychologe Hermann, »sie ist ins Schweben gekommen.«

Aber im Spiel um Platz drei gegen Uruguay müssen noch einmal deutsche Tugenden entwickelt werden. Weil nichts mehr leicht und schwebend geht, wird geackert, um einen Rückstand zu drehen und doch noch den Sieg zu schaffen. Das neue Deutschland kann auch noch das alte. Als die Medaillen übergeben sind, ruft Bastian Schweinsteiger den Teambetreuern zu: »Wir machen alle zusammen die Ehrenrunde!« Sie nicken und bleiben stehen. Das Nicken sagt, dass sie Bescheid wissen, dass alle zusammen das hier erreicht haben. Es sagt aber auch, dass die Jungs jetzt mal loslaufen und
feiern sollen.

Berlin, 6. Oktober 2010: Es gibt keine Pause

Die WM ist Geschichte, und Hansi Flick hat im Mannschaftshotel sein WM-Handbuch zugeklappt. Bei der EM 2012 wird es ein neues geben. Das Trainerteam sondiert bereits wieder den Weltmarkt, denn die Mission ist noch nicht vorbei: »Wir wollen auch mal etwas entwickeln, womit wir den anderen voraus sind.«

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