28.11.2013

Wie sich die Fans des FC Portsmouth ihren Klub kauften

It's ours

Seite 2/3: »Ein Hollywoodmoment«
Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
Chris Gloag / Imago

Erwähnt man Chainrais Namen in der Gegenwart von Ashley Brown, gefriert selbst dem überaus höflichen IBM-Manager die Miene. Brown, Rahmenbrille, Halbglatze, Maßanzug, ist der Vorsitzende des Portsmouth Supporters Trust, jener Fan-Vereinigung, die 2009 gegründet wurde und knapp 2,5 Millionen Pfund aus der Anhängerschaft generierte, um den Kauf des Klubs zu realisieren. Dabei ließen die Fans nichts unversucht, um ihre Anteile im Wert von jeweils 1000 Pfund zu erstehen. Kinder verkauften Kuchen vor dem Stadion, andere spendeten online insgesamt 11 000 Pfund. Aus vielen Pubs fließen bis heute zehn Prozent jedes Pints an den Supporters Trust. »Eines Tages rief ein Mann an und spendete 200 000 Pfund. Ohne Bedingungen. Mir kamen die Tränen«, erinnert sich Ashley Brown. Auch die Frau der verstorbenen Klublegende Peter Harris kaufte einen Anteil. Dafür hatte die betagte Dame ihre spärlichen Ersparnisse angegriffen. Diese Momente ließen Brown daran glauben, dass das wahnwitzige Projekt, zum größten von Fans geführten Fußballklub des Landes zu avancieren, tatsächlich Realität werden könnte.

Jetzt sitzt er als einer von drei Trust-Vertretern im Klubvorstand. Er war mittendrin, als es im April 2013 in London um die finalen Verhandlungen mit dem Klubbesitzer Chainrai ging. Der nutzte den Fratton Park als seine letzte Sicherheit. Und alle wussten: Wer das Stadion hat, der kriegt auch den Verein. »Ich bin der Diplomat und bringe Menschen an einen Tisch, die sich lieber an die Kehle gehen würden«, sagt Brown. Dann lehnt er sich in den Ledersessel zurück und erzählt von jenem 10. April, an dem sich die Geschichte des Klubs zum Guten wenden sollte.

Bazookas im Gerichtssaal

Davon, wie Noch-Besitzer Chainrai kurzfristig einen neuen Investor präsentierte, der wiederum mit einem gefälschten Kontoauszug auftauchte. Als Bürgen hatte er einen malaysischen Mann im Schlepptau, dessen Vater kurz darauf von Auftragskillern hingerichtet wurde. Davon, wie man im Büro des Konkursverwalters unter Hochdruck die neuen Papiere bearbeitete, während wenige Kilometer entfernt im High Court bereits die Verhandlung um die Zukunft des Vereins begonnen hatte. Wie über Twitter die Neuigkeiten aus dem Gerichtssaal einliefen und im Büro gegenüber die Rechtsbeistände der Gegenseite bereits siegessicher High Fives verteilten. Wie plötzlich ihr Anwalt in den Raum kam, mit einem Papier wedelte und rief: »Wir haben es, der Deal ist durch.« Wie sofort alle ins Taxi sprangen und quer durch London zum Gericht rasten. Wie im Radio Queens »Bicycle Race« lief. Wie alle lauthals mitsangen. »Die Euphorie war unglaublich. Ein Hollywoodmoment«, sagt Brown. Als sie ankamen, war der Gerichtssaal bereits voller Pompey-Fans. Der Anwalt des Trusts übergab dem Richter die Papiere. Totenstille. Showdown. Ashley Brown tippte nervös auf seinem Telefon herum. Iain McInnes sprach zu sich selbst. Fuck. Der Richter blätterte durch die Papiere. Fuck. Murmelte. Fuck. Schüttelte den Kopf. Fuck. Und plötzlich: ein Knall. Stromausfall. Alles dunkel. »Ich dachte: ›Fuck! Jetzt kommt Chainrai mit einer Bazooka und macht uns alle‹«, sagt McInnes. Dann bricht krachendes Lachen aus seinem massigen Körper. Großes Kino. Der Richter fügte einige Auflagen an das Angebot der Fans und sagte: »Seien Sie versichert, dass Sie in einigen Tagen Besitzer des Portsmouth Football Club sein werden. Herzlichen Glückwunsch.« Neun Tage später ging der Klub samt Stadion dank einer außergerichtlichen Einigung in den Besitz des Supporters Trust über. Der Verein wurde aus dem Konkurs entlassen, startete bei Null.

Das »High Net Worth«

55 Prozent der Anteile halten nun die Fans, die anderen 45 Prozent der Kaufsumme wurde von Iain McInnes und zehn weiteren wohlhabenden Geschäftsmännern gestellt. Das »High Net Worth«, wie die Gruppe genannt wird, hatte bereits zuvor mit einer Million Pfund die Gerichtskosten gedeckt. Die Zahlungen waren an keinerlei Bedingungen geknüpft. »Wir sind alle seit Jahrzehnten Fans. Natürlich haben wir unsere Anteile bekommen, aber es ist ein Geschenk«, sagt McInnes. Es sind die Worte eines zufriedenen Mannes, der sich nur einen Tag nach der Übernahme mit den anderen auf dem Rasen des Fratton Park feiern ließ. Obwohl die Mannschaft vor dem letzten Heimspiel der Saison bereits als Absteiger in die vierte Liga feststand, kamen 20 000 Zuschauer und feierten die Party ihres Lebens. »Play up, Pompey!«, sangen sie. Immer und immer lauter. Auf geht’s, Pompey! Es ist der älteste Fangesang im englischen Fußball. Nur wenige in Portsmouth haben daran geglaubt, dass er noch weiter erklingen würde.

 
 
 
 
 
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