Wie sich die Anhänger des VfL Bochum in der Krise solidarisieren

Der Bo-Frust

An der Castroper Straße geht es bergab. Zum ersten Mal in seiner Vereinsgeschichte steht der VfL Bochum auf dem letzten Platz der Zweiten Liga. Doch trotz des vermeintlichen Niedergangs sorgt eine unverhoffte Solidarisierung der Fans für Erstaunen.   Wie sich die Anhänger des VfL Bochum in der Krise solidarisieren

In der übernächsten Woche beginnen beim VfL Bochum große Feierlichkeiten, die unpassender gar nicht kommen könnten. Am 8. Oktober 1911 wurde an der Castroper Straße zum ersten Mal ein Fußballspiel ausgetragen, und so kickt der VfL Bochum bzw. seine Vorgängerklubs seit einem Jahrhundert am gleichen Ort. Das können hierzulande nicht viele Vereine von sich sagen, weshalb es eine Festwoche mit Fotoausstellung und Filmabend, einen »Ball der Legenden« und ein Familienfest ums Stadion geben wird.

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Die wohlige Nostalgie passt auf den ersten Blick nicht zu einem sportlichen Absturz, wie er in der Geschichte des VfL Bochum ohne Beispiel ist. Noch im Mai stand die damals von Friedhelm Funkel trainierte Mannschaft mit einem Zeh in der Bundesliga und scheiterte erst in der Relegation knapp an Borussia Mönchengladbach. Am letzten Sonntag verlor sie, beileibe nicht nur durch Abgänge geschwächt, bereits ohne Funkel, daheim mit 0:4 gegen den SC Paderborn und fand sich auf dem letzten Tabellenplatz der Zweiten Liga wieder. Die Zuschauer mussten angesichts einer vor ihren Augen auseinander fallenden Mannschaft das Gefühl haben, der traditionsreiche Ort würde demnächst wieder umbenannt werden: in Marquis-de-Sade-Stadion. Schmerzgeplagt bejubelten die entsetzten VfL-Fans die beiden letzten Treffer der Gäste hämisch. Und wer den Klub in den letzten Jahren nur aus der Halbdistanz beobachtet hatte, fragte sich, was denn da eigentlich los ist. 

Trotz Niedergang immernoch ein gefühlter Erstligist

Eine Erklärung für die Entwicklung führt zur Jubiläumsfeier, denn dort geht es vor allem um die Jahre, in denen der VfL Bochum sich erst den Nimbus »unabsteigbar« erspielte und als er ihn doch verlor, wenigstens stets direkt wieder in die Bundesliga zurückkehrte und dort mitunter überraschende Coups schaffte. »Wir steigen auf, wir steigen ab und zwischendurch Uefa-Cup«, hieß mal ein populärer Fangesang in der Ostkurve. Nun erwartet in Bochum niemand, dass der VfL bald wieder im internationalen Fußball spielt, aber ein gefühlter Erstligist ist er für seine Fans schon. Nur ist das Gefühl zu realisieren immer schwieriger geworden, angesichts einer Konkurrenz von Klubs mit WM-Stadien, von drei durch Mäzene alimentierte Vereine wie Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim, die Bundesligaplätze sicher besetzen sowie im Ruhrgebiet eingekeilt zwischen den großen Rivalen Schalke 04 und Borussia Dortmund.

Dass es trotzdem geht, beweisen gerade wieder Mainz oder Freiburg, aber der VfL Bochum hat in den letzten Jahren die Orientierung verloren. Der 72 Stunden vor dem Spiel gegen Paderborn verpflichtete Andreas Bergmann ist der vierte Trainer und der zu Saisonbeginn verpflichtete Jens Todt der dritte Sportvorstand der letzten sechs Jahre. Sie stehen nun vor der Aufgabe, dem Klub mitten in der sportlichen Krise so etwas wie eine neue Genomstruktur zu verpassen. Denn die personellen Wechsel, zu denen auch der letztjährige Sturz des Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Altegoer gehört, sind fast immer im Geiste von Defensive und Krisendämpfung unternommen worden. Symbolisch dafür stand die von Beginn an umstrittene Verpflichtung Funkels, der noch keinem Klub einen Rosengarten versprochen hat, sondern bestenfalls freudlosen Ergebnisfußball. Und wenn es in Bochum mal in eine andere Richtung ging, nämlich bei der Verpflichtung von Heiko Herrlich als Trainer, entpuppte sich die Personalie als Desaster.

Verblüffender Solidarisierungseffekt bei den Fans

Die Folgen dieser Notprogramme zeigen sich nun bei der Zusammensetzung einer Mannschaft, die vor allem aus braven Durchschnittskickern besteht. Vom Glück begünstigt mögen sie auch ins Fliegen kommen, wie es in der letzten Saison zu sehen war, nun aber stürzen sie schon beim kleinsten Misserfolgserlebnis ein. Das Spiel gegen Paderborn war jedenfalls ein Musterbeispiel dafür, wie weit Spieler in Zeiten der Verunsicherung unter ihren Möglichkeiten bleiben können. 

Für den neuen Trainer Bergmann hat mit dem vermeintlichen Aufstiegskandidaten nun der Abstiegskampf begonnen. Das ist auch allen Fans klar und hat für einen nach dem Gemaule der letzten Jahre für einen verblüffenden Solidarisierungseffekt gesorgt. Vielleicht kommt er daher, dass der Kampf um den Klassenerhalt gewohnte Reflexe auslöst. Innerhalb von wenigen Tagen haben sich einem Aufruf unter der Überschrift »VfL, wir stehn´n zu dir. VfL, um jeden Preis« bereits 22 Fanklubs angeschlossen. Darin wird für das nächste Heimspiel gegen den MSV Duisburg mobilisiert. »Wer nun protestiert, ob laut oder leise durch Wegbleiben, erreicht damit nur, dass die Verunsicherung zunimmt«, heißt es. Zu den Unterzeichnern gehört auch eine Gruppe, die es so benannt wohl nur in Bochum geben dürfte:  bo-frust. Die Unvergraulbaren.

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