Wie sich das Berufsbild »Bundesligatrainer« verändert hat
10.03.2012

Wie sich das Berufsbild »Bundesligatrainer« verändert hat

Grantler war gestern

Der Knurrer. Der Taktikfuchs. Der Einflüsterer. Der Motivator. Fußballtrainer haben vor allem eines: Ein Image. Doch das Berufsbild der Bundesliga-Übungsleiter hat sich gewandelt. Längst zählen soziale und kommunikative Kompetenzen.

Text:
Mathias Klappenbach
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Imago

Da sitzt er, am Rand, und beobachtet alles und jeden. Sprechen will der Bundesligatrainer auch nach dem Spiel nur gelegentlich, lieber eine rauchen. So war das Bild des vor 20 verstorbenen Ernst Happel, auch deswegen ist der Grantler aus Wien Kult. Auf diese Weise könnte man aber heute nicht mehr auftreten.



»Früher gab es Übungsleiter, dann wurde daraus der Trainer und in der heutigen Zeit muss man fast schon vom Manager sprechen«, sagt Frank Wormuth. Er leitet die Trainerausbildung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), wer einen Profiklub trainieren will, benötigt die Fußballlehrer-Lizenz. Und kann beim Erwerb eine Menge lernen. Wenn er will.

»Sozialkompetenz ist wichtig«

»In der Ausbildung haben wir ein Modell mit acht Kompetenzen aufgestellt. Die Fachkompetenz ist so selbstverständlich, dass man sie schon gar nicht mehr erwähnen muss«, sagt Wormuth. »Aber die muss man auch den Spielern mitteilen können, was sich in der Vermittlungs- und Sprachkompetenz widerspiegelt. Weiter spielt die Sozialkompetenz eine immer größere Rolle.«

Ein Spieler braucht eine klare, eingegrenzte Anweisung, der andere kann komplexere Anforderungen erfüllen. Von ehemaligen Profis, die auch Trainer werden wollen, werden Wormuth und die modernen Inhalte bisweilen belächelt. Sie wüssten doch aus eigener Erfahrung, worauf es im Fußball wirklich ankomme. Jens Lehmann sagt, er habe als Spieler des FC Arsenal bei Arsène Wenger so viel gelernt, dass er morgen eine Mannschaft trainieren könne. Seinen Trainerschein wollte er in Wales machen, der DFB verweigerte jedoch die Freigabe. »Wir wollen keinen Lizenz-Tourismus«, sagte DFB-Sportdirektor Matthias Sammer.

Es wäre interessant, einer Kabinenansprache Lehmanns zu lauschen. Der mündige Spieler will inzwischen mit Argumenten überzeugt werden, wenn er beispielsweise auf der rechten Seite offensiver sein soll. Auch der Mitarbeiterstab, vom Co-Trainer bis zum Physiotherapeuten, besteht nicht aus bloßen Befehlsempfängern. Da kann eine Ausbildung, in der Elemente aus der Psychologie und der Pädagogik vorkommen, von Vorteil sein. Ein Bundesligatrainer ist ein leitender Angestellter mit großem Aufgabenbereich. »Neben der Führungskompetenz wird die Medienkompetenz immer wichtiger. Die Medienarbeit erfordert unheimlich hohen Aufwand«, sagt Wormuth.

Ein Trainer wie Leverkusens Robin Dutt muss schon gute Nerven haben, um noch dem tausendsten Fragesteller eines lokalen Radiosenders zu erklären, was denn nun mit Michael Ballack sei. »Wir halten entsprechend auch Rhetorik- und Kommunikationskurse ab, natürlich nicht in der Intensität wie in der freien Wirtschaft.« Für das Image des Trainers ist auch entscheidend, wie er vor dem Mikrofon auftritt und welches Bild von ihm in den Medien transportiert wird. Otto Rehhagel inszeniert sich als oberschlauer Dampfplauderer, Thomas Tuchel ist der Taktiktüftler, Jürgen Klopp der authentische Fußballkumpel.

Huub Stevens ist der Knurrer aus Kerkrade und überrascht, wenn er wenige Minuten vor einem Bundesligaspiel einem ausländischen Fernsehsender auf Englisch gut gelaunt erklärt, worin der spezielle Reiz der heutigen Partie liege. Entscheidend ist eh auf dem Platz, die schönste Zeit für jeden Trainer ist laut Wormuth ohnehin, wenn 90 Minuten oder zwei Stunden Training ist. Da werde der Trainer in Ruhe gelassen und könne mit den Spielern auf dem Platz arbeiten. Das ist aber nur noch ein Teil des Berufes.

Auch wichtig: Netzwerk-Kompetenz

Es ist beispielsweise nicht leicht zusammenzufassen, was in der Ausbildung als Ich-Kompetenz bezeichnet wird, eine Prüfung darüber gibt es nicht. Viele der im Modelldiagramm getrennten Kompetenzen fallen zusammen. »Wir arbeiten ganzheitlich in unserer Ausbildung, so dass all die Kompetenzen in einer Thematik oft gleichzeitig abgehandelt werden«, sagt Frank Wormuth. Wichtig sei auf jeden Fall die Netzwerk-Kompetenz. »Egal, wie wir ausbilden, wenn man kein Netzwerk hat, kommt man nur schwer hoch. Das gilt auch umgekehrt: Egal, wie viele Defizite ein Kandidat aufweist, mit einem guten Netzwerk ist die Chance erhöht, oben zu trainieren.«

Also kommt es doch weiterhin mehr auf die Beziehungen im realen Leben (auch die zeugen von sozialer Kompetenz) an? Bringt es mehr, sich bei Sportdirektoren beliebt zu machen und die vielen Kompetenzen im Sinne der legendären Erläuterung Edmund Stoibers einfach Kompetenzkompetenzen sein zu lassen? Auch für die Vereinsmanager fordert Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft, eine Qualifizierungsmaßnahme. Möglich wäre dies auch per Fernstudium, Hauptsache neues Wissen wird vermittelt. Die Berufsbilder im Fußballgeschäft werden auf jeden Fall komplexer, eine Ausbildung kann das nur theoretisch abbilden. »Natürlich wissen wir, dass in den Lehrgängen die realen Situationen bei allem Praxisbezug nicht nachgestellt werden können«, sagt Frank Wormuth. »Wir können aber wertvolle Hinweise geben.«

Es bleibt offen, welche dauerhaften Auswirkungen die Vermittlung dieser Inhalte und die Hinweise haben, die Mathekenntnisse aus dem Abi benötigt man schließlich auch nicht mehr. Um den Unterschied zwischen Theorie und Praxis weiß natürlich auch Chefausbilder Wormuth. »Wir scheuen uns nicht, jemandem zu sagen, wenn er mit den Händen in der Hosentasche nicht so gut wirkt. Dass viele dennoch irgendwann in alte Muster zurückfallen, ist eine andere Geschichte.« Jens Lehmann wird das auch wissen.

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