Wie Sekunden über die Bewertung eines Trainers entscheiden

Am Rande des Abgrunds

Am Mittwochabend um 22:33 Uhr wirkte Pep Guardiolas Ära mit einem Mal banal und beinahe desaströs. Aber dann kam Thomas Müller.

imago

Den Laden sofort dichtmachen! Pep Guardiola noch vor Ablauf der Saison feuern! Karl-Heinz Rummenigge, Matthias Sammer und all die anderen gleich hinterher! Ach, am besten wäre es vermutlich, wenn man alles einfach komplett auflösen und noch mal ganz von vorne anfangen würde. Mit Jupp Heynckes als König von Bayern.
 
Wer sich am Mittwochabend während der regulären Spielzeit zwischen Bayern und Juventus ein bisschen durch die sozialen Netzwerken klickte, musste tatsächlich glauben, dass der FC Bayern und der gesamte Freistaat kurz davor waren, von der Landkarte zu verschwinden. Es fehlte nur ein Pop-Up-Fenster auf dem Fernsehbildschirm mit der Nachrichtt: »Sie können Bayern jetzt ausschalten.« Ein Aus im Achtelfinale des Europapokals: Wann hatte es das zuletzt gegeben? Vermutlich irgendwann, als Helmut Kohl noch Kanzler war.

Erfolg ohne Titel?
 
Es mag eine Binse sein, dass Fußball oft ein großes Glücksspiel ist. Eine Sache, in der eine Extraminute, eine Zehenspitze, der Pfosten oder eben der Kopf von Thomas Müller die Bewertung einer ganzen Ära maßgeblich beeinflussen kann. In der man in der einen Sekunde der größte Versager und einen die Fans mit Mistgabeln aus der Stadt jagen. In der man aber auch in der nächsten Sekunde schon in einem goldenen Palast sitzt, während einem devote Anhänger Trauben und Wein darreichen.    
 
Einige Medien hätten am Donnerstag das vermeintliche Desaster eines Ausscheidens sicherlich sachlich eingeordnet, hätten erklärt, dass Erfolg nicht immer nur Titel bedeuten. So wie Pep Guardiola es seit Wochen gebetsmühlenartig wiederholt. Sie hätten darauf hingewiesen, dass er, auch wenn er in seinen drei Jahren nie die Champions League nach München holte, tatsächlich der Trainer war, der jeden Spieler jeden Tag ein bisschen besser gemacht hat.

Was würde unterm Strich wohl bleiben?
 
Aber wäre das der Grundtenor? Auch in dieser Redaktion gehen seit Wochen die Meinungen darüber auseinander, wie die Bayern-Zeit Pep Guardiolas zu bewerten sei. Einige Kollegen behaupten, dass er der beste Trainer sei, den der Klub je hatte. Trotz Udo Lattek. Trotz Jupp Heynckes.
 
Andere glauben, dass er einfach die besten Voraussetzungen in der Geschichte dieses Vereins vorfand.  Auch sie fragten am Mittwoch, irgendwann nach dem 0:2 durch Turins Juan Cuadrado, was unterm Strich wohl bleiben würde. Zwei oder drei Deutsche Meisterschaften, dazu ein oder zwei DFB-Pokal-Siege. Aber sonst? Von einem Trainer, der vor drei Jahren in München gelandet war wie ein Außerirdischer und von dem man annahm, er könnte mit den Bayern sogar Weltmeister werden, hätte man an der Säbener Straße doch mehr erwarten müssen als eine Bilanz, die selbst Felix Magath in seiner Vita stehen hat.

Es ist das Perverse und zugleich das Faszinierende dieses Sports, dass die kleinsten Dinge oft über größten Karrieren entscheiden. Dass man am Ende dasteht mit all diesen »Was wäre, wenn«-Fragen, auf die es nie eine Antwort geben kann.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!