30.03.2012

Wie Pyrotechnik legalisiert werden könnte

Zündeln erlaubt

Seite 3/3: Die Situation in der Schweiz
Text:
Ron Ulrich
Bild:
Imago

Im Unterschied zu Deutschland wurde die Diskussion nicht öffentlich geführt, die Vereine waren zudem von Beginn an involviert. »Der Verband hat eingesehen, dass er Pyrotechnik im Stadion sowieso nicht stoppen kann«, sagt Eggen. »Mit der Legalisierung wurde dann gewährleistet, dass keine illegalen Stoffe ins Stadion kommen und kontrolliert gezündet wird.« Ein wichtiger Faktor sind in Norwegen die Vereine, die letztendlich den Antrag einreichen und die Haftung übernehmen.

»Bei den Vereinen und in der Öffentlichkeit herrscht eine große Akzeptanz für das Anliegen der Ultras. Die Leute sehen Ultras als diejenigen an, die den Fußball auf ein höheres Level heben«, berichtet Erling Rostvag, Fanvertreter des Klubs Valerenga. Die Anerkennung der Fans hängt auch damit zusammen, dass es im norwegischen Fußball so gut wie keine Ausschreitungen bei den Spielen gibt. Die Vereine nutzen Bilder der Pyrotechnik zu Werbezwecken, sie setzen auf die Anziehungskraft des Spektakels.

Der Zuschauerschnitt in Norwegen ist deutlich niedriger als in Deutschland, die Stadien sind selten ausverkauft. Das erleichtert die Einrichtung einer Pyro-Zone, für die die Vereine auf ein paar Zuschauerplätze verzichten müssen.

Ein Zugeständnis, das auch österreichische Vereine zugunsten der Pyrotechnik- Befürworter machen. Viele Klubs und Politiker haben sich mit der Idee der Fans solidarisiert, auch weil die Verwendung von Pyrotechnik bei Sportveranstaltungen wie dem Skispringen in Österreich Tradition hat. Gezündet wurde in österreichischen Fußballstadien schon immer viel massiver als in Deutschland, erst mit dem Pyrotechnikgesetz von 2010 wurde das Zündeln strikt geahndet. Daraufhin gründete sich die Initiative »Pyrotechnik ist kein Verbrechen«, ein Vorbild für ihr deutsches Pendant. Sie einigte sich vor anderthalb Jahren mit dem Fußballverband auf eine Ausnahmeregelung wie in Norwegen.

Rückgang um 84 Prozent

In den Augen des Verbandes ist das Modell ein Erfolg. Christian Ebenbauer sitzt im Vorstand des österreichischen Fußball- Verbandes, zuständig für Recht und Spielbetrieb. »Die Statistik beweist, dass die Vergehen zurückgegangen sind«, sagt Ebenbauer. »Wir sind grundsätzlich zufrieden und denken, dass dies ein guter Weg ist.« Im ersten Spieljahr, in dem die Ausnahmeregel praktiziert wurde, ging die Zahl der Anzeigen bei Spielen um 80 Prozent zurück, die Zahl der Verstöße gegen das Pyrotechnikgesetz um 84 Prozent. Tendenz: weiter sinkend. Der Entschärfungsdienst im österreichischen Innenministerium kommt in seiner Studie zu pyrotechnischen Erzeugnissen bei Sportveranstaltungen zu dem Schluss: »Solange diese bestimmungs- und widmungsgemäß, d.h. entsprechend den Herstellervorgaben, der Gebrauchsanweisung und der gesetzlichen Bestimmungen verwendet werden, geht von ihnen i. d. R. eine gut einschätzbare und üblicherweise (sehr) geringe Gefahr aus.« In Norwegen und Österreich hat das Modell der Eigenverantwortung funktioniert.

Das Abbrennen der Pyrotechnik verläuft kontrolliert und sicher. Das mag zum einen an den niedrigeren Zuschauerzahlen und baulichen Voraussetzungen liegen, zum anderen aber auch an der Bereitschaft aller beteiligten Institutionen zum Dialog.

Doch trotz der Privilegien und der Ausnahmeregelung herrscht sowohl in Norwegen als auch in Österreich bei den Fans keine endgültige Zufriedenheit. »Wir Fans bei Rapid reichen keine Anträge mehr ein, da wir schlechte Erfahrungen gemacht haben «, sagt Sebastian Kiss, ein Sprecher der Fan-Initiative. »Das hat nicht mehr in unser Bild gepasst von einer freien und spontanen Kurve. Teilweise gab es absurde Auflagen der Behörde, wie zum Beispiel die Räumung eines 3 mal 40 Meter großen Bereiches. «

Die Fans wollen die zeitliche Einschränkung abschaffen, also auch den Zeitpunkt für Pyrotechnik während des Spiels selbst bestimmen. Zudem ist sowohl eine Abschaffung der Absperrung als auch eine Art Dauerbewilligung für die gesamte Saison avisiert, um das Prozedere des Antrags nicht alle zwei Wochen wiederholen zu müssen. Die Behörden würden zu willkürlich entscheiden. Von Verbandsseite werden die weitergehenden Forderungen argwöhnisch betrachtet. »Da fehlt mir etwas das Verständnis. Wir können nicht noch weiter entgegenkommen«, sagt Verbandsvorstand Ebenbauer.

Outlaws und Helden

An dem Umgang mit Pyrotechnik in den Stadien manifestiert sich die Frage, wie nachhaltig ein Kompromiss überhaupt sein kann zwischen Verband, Behörden und Polizei auf der einen Seite und Fan- Gruppierungen auf der anderen, die genau diesen Institutionen mit einer gewissen Skepsis gegenübertreten. Ultras, die den Großteil der Pyro-Befürworter ausmachen, gelten als Subkultur, deren Vertreter bei jedem Arrangement fürchten müssen, sich selbst zu domestizieren. »Pyrotechnik ritualisieren?«, betitelte der Blogger Matthias in der Weide einen Beitrag, in dem er den genau reglementierten Einsatz von Pyrotechnik mit der gewandelten Erscheinung des Fan-Trommlers verglich. Von einem »Outlaw und Helden der Kurve« zu einem »schmückenden Beiwerk und einer aufblasbaren Luftsäule«.

»Aus dem Symbol einer lebendigen, sich nicht unterordnenden Fankultur ist die Karikatur eines gleichgeschalteten, vereinnahmten, pflichtbewussten Vertragsjublers geworden.« Sebastian Kiss von der österreichischen Pyro- Initiative verneint, dass das Abbrennen der Fackeln nach einer Legalisierung an Faszination verlieren würde, er sagt aber: »Es bleibt die Frage, wie vielen Regeln man sich unterwerfen will.« Der gemeinsame Weg zwischen Verbänden und Fans ist steinig - auch in Österreich und Norwegen. Doch das Konzept ist zumindest erfolgversprechender als alles, was bisher in Deutschland angedacht wurde.

Den irrwitzigsten Versuch unternahm man dahingehend schon im Jahr 1991 in Duisburg. Beim MSV verteilte man tausend Holzratschen, damit »eben keine Feuerwerkskörper abgebrannt werden, sondern man so akustisch seiner Freude Ausdruck verleiht.« Der Erfolg der Holzratschen war dann doch eher bescheiden.

 
 
 
 
 
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