30.03.2012

Wie Pyrotechnik legalisiert werden könnte

Zündeln erlaubt

Keine andere Frage bewegt die deutsche Ultra-Szene so sehr wie diese: Wann wird Pyrotechnik auch hierzulande legalisiert? In Norwegen und Österreich ist man da schon weiter – und hat mit den neuen Maßnahmen Erfolg.

Text:
Ron Ulrich
Bild:
Imago

ie Krefelder Grotenburg leuchtete rot. Unzählige bengalische Fackeln stachen aus dem Fahnenmeer hervor, 25 000 Zuschauer bereiteten den beiden Mannschaften einen lautstarken Empfang, als die Spieler von Bayer Uerdingen und dem MSV Duisburg das Feld betraten. Ein Derby, ein Viertelfinale im DFB-Pokal. Als die Kamera auf einen völlig ekstatisch mit einer Fackel in der Hand hüpfenden Fan schwenkte, bemerkte der Kommentator: »Fußballfieber am Niederrhein, ähnlich wie in Italien.« Das war am 30. März 1991. Bayer Uerdingen spielt mittlerweile in der fünften Liga, die großen Fußballfeste finden in anderen Stadien als der Grotenburg statt. Doch damals wie heute werden dabei gern bengalische Feuer gezündet. Für die Freunde von Pyrotechnik ein Ausdruck ihrer zügellosen Leidenschaft, eine Art Katalysator der Stimmung und viel mehr als ein rein optisches Mittel. Was für den damaligen Kommentator »Fußballfieber« symbolisierte, steht heute allerdings für einen breiten Teil der Öffentlichkeit für Chaos und Gefahr.

Alarmierende Beispiele gibt es genügend:

Im vergangenen Jahr warfen beispielsweise Dresdener Anhänger in Dortmund mit Feuerwerkskörpern, beim Spiel zwischen St. Pauli und Rostock zündeten Pauli-Anhänger Pyros, schossen Rostocker Raketen in den gegnerischen Block. Doch Pyrotechnik mit Gewalt gleichzusetzen, wäre undifferenziert.

Die Verbände reagieren mit Geldstrafen, in der bisherigen Spielzeit mussten allein die Vereine aus der ersten und zweiten Liga über 300 000 Euro zahlen. Klubs wie Hannover 96 gehen mittlerweile dazu über, Geldstrafen an die ermittelten Täter weiter zu geben. Allerdings geben Polizeibeamte hinter vorgehaltener Hand zu, dass es schwierig sei, die Täter zu identifizieren.

Chemnitzer Weg

Zum anderen sei es unmöglich, jegliche Form von Pyrotechnik beim Einlass zu erkennen. »Manche haben einen doppelten Boden im Schuh, andere nähen Rauchpulver in die Innenseite der Jacke«, sagt ein szenekundiger Beamter aus Rostock. Bei den Ultras, den größten und am besten organisierten Gruppierungen innerhalb der Fanszenen, ist von einer Abkehr von Pyro keine Rede, für sie ist sie ein integraler Bestandteil der Fankultur. So dreht sich die Spirale weiter. »Fakt ist eins: Pyrotechnik wird man niemals aus den Stadien bekommen«, sagt Ronny Licht von den Ultras Chemnitz. Die Chemnitzer stellten 2010 in einem offenen Brief an den DFB ihr Konzept für ein behördlich genehmigtes Zündeln vor - unterstützt vom Fanprojekt, der Polizei und dem Verein. Und tatsächlich kam es im Sommer 2011 zu einer Annäherung zwischen der bundesweiten Initiative »Pyrotechnik legalisieren« und dem DFB unter der Leitung des damaligen Sicherheitsbeauftragten Helmut Spahn. Thema hierbei war nicht die endgültige Legalisierung, sondern lediglich ein Plan für Pilotprojekte.

Als Spahn jedoch seinen Posten beim DFB aufgab und sich seiner neuen Tätigkeit beim Internationalen Zentrum für Sicherheit im Sport widmete, beendete der DFB die Arbeitstreffen mit den Fans. Auf einer Präsidiumssitzung im August wurde entschieden, ein Rechtsgutachten zur Pyrotechnik einzuholen.

Am 2. November 2011 gaben DFL und DFB eine Pressemitteilung heraus. »DFB und Ligaverband beenden Diskussion um Pyrotechnik.« Es klang wie ein Machtwort.

 
 
 
 
 
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