Ein Hauch der großen Fußballwelt schien an die Grünwalder Strasse zurückzukehren, als Mitte Januar die Ankunft von Sven-Göran Eriksson bei 1860 München angekündigt wurde. Der Traum von einem ehemaligen Nationaltrainer in der 2. Bundesliga, der auch in den feinsten Adressen des europäischen Vereinsfußballs gearbeitet hat, platzte jedoch ziemlich schnell. Noch bevor sich Eriksson einen Trainingsanzug bei den Löwen überstreifte, sagte er lieber ab und entschied sich für den Job des Technischen Direktors bei al-Nasr Sports Club in Dubai.
Bei dem ganzen Trubel um Eriksson ging jedoch unter, dass einem anderen bayerischen Zweitligisten bereits Anfang des Jahres ein Trainercoup gelungen ist. Ausgerechnet beim Tabellenletzten Jahn Regensburg unterschrieb Franciszek Smuda bis zum Ende der Saison. Jener Smuda, der noch sieben Monate zuvor Stars wie Robert Lewandowski, Lukasz Piszczek, Jakub Blaszczykowski oder Wojciech Szczesny aufstellte, um Polens Traum von einem eigenen Sommermärchen zu erfüllen.
Ein Sommermärchen, dass für die Polen bekanntlich in einem Alptraum endete. Mit nur zwei erzielten Toren endete für die Co-Gastgeber die EM bereits nach der Gruppenphase. Und dies, obwohl nach Ansicht der Experten Polen mit Russland, Griechenland und Tschechien die leichtesten Gruppengegner hatte.
Harte Kritik von Robert Lewandowski
Den Verantwortlichen für dieses Desaster hat man an der Weichsel ziemlich schnell ausgemacht: Franciszek Smuda. Schon wenige Minuten nach der entscheidenden 0:1-Niederlage gegen Tschechien überboten sich viele polnische Medien und Fans in ihren Vorwürfen gegen Smuda. 2009 war er noch Liebling der polnischen Öffentlichkeit, die dem Verband PZPN Smuda als Nationaltrainer quasi aufdrang. Wenig Rückhalt erhielt der Trainer in dieser Situation auch vom Verband und einigen Spielern. Während der damalige PZPN-Präsident Grzegorz Lato erklärte, dass eine polnische Nationalmannschaft noch nie zuvor so gute Bedingungen bei einer Turniervorbereitung hatte, gab Robert Lewandowski allein Franciszek Smuda die Schuld für den enttäuschenden Turnierverlauf. »Der Trainer hatte sehr viel Zeit, um uns auf das wichtigste Turnier unseres Lebens vorzubereiten. Doch er hat es nicht getan«, sagte der Dortmunder Stürmer in einem vielbeachteten Interview für die »Gazeta Wyborcza«. Dass es Smuda war, der ihn 2008 vom damaligen Zweitligisten Znicz Pruszkow zum polnischen Spitzenclub Lech Posen holte und ihm somit seine internationale Karriere ebnete, hat Lewandowski in dem Interview nicht erklärt.
»Smuda wurde nach dem Turnier zu so etwas wie einem Sündenbock gemacht«, sagt Michal Pol, einer der bekanntesten polnischen Fußballjournalisten, gegenüber 11freunde.de. Auch wenn Pol dem Trainer dafür eine Mitschuld gibt. »Kurz nach dem Turnier-Aus hat Smuda ein Interview gegeben, in dem er jede Kritik von sich wies und sagte, dass er alles noch einmal so machen würde. Dies hat den Zorn der Fans auf ihn verstärkt.«
Häme und Protest aus der Heimat
Eine Wut, die Smuda auch noch sieben Monate nach der EM zu spüren bekommt. Während sich die »Kadra« mit dem neuen Coach Waldemar Fornalik in der WM-Qualifikation bisher beachtlich gut schlägt, und dabei jene Spieler glänzen, die bei Smuda nie eine Chance gehabt haben, muss sich der neue Regensburger Trainer immer noch Häme und Kritik über sich ergehen lassen. Das in Polen beliebte Fußballportal Weszlo.com veröffentlicht mittlerweile fast wöchentlich Texte, in denen Smuda sein Fett abbekommt. Und dass dies sich auch auf seine berufliche Laufbahn auswirken kann, musste Smuda ebenfalls erfahren. Als Wisla Krakau, einer der wenigen polnischen Vereine, der die finanziellen Erwartungen des Trainers hätte erfüllen können, Smuda Ende 2012 zum neuen Coach machen wollte, war der Protest der Wisla-Fans so groß, dass Smuda den fertigen Vertrag nicht unterschrieb.
Wie eine Rettung muss in dieser Situation das Angebot von Jahn Regensburg vorgekommen sein, welches Smuda zwei Tage vor Weihnachten erhielt. »Meine Frau und ich haben uns noch vor Heiligabend dafür entschieden«, sagte Smuda diese Woche der Tageszeitung »Rzeczpospolita«. Doch auch der neue Job in Regensburg, den Smuda auch wegen seiner langjährigen Bekanntschaft mit dem dortigen Sportdirektor Franz Gerber annahm, bringt ihm keine Ruhe vor den polnischen Medien. Smudas Unterschrift beim Tabellenletzten der 2. Bundesliga wurde von vielen Sportjournalisten spöttisch kommentiert.
»Genug Geld hat er ja«
Doch zumindest gegen diesen Spott versucht sich Smuda zu wehren. »Wie viele polnische Trainer haben überhaupt schon ein Jobangebot aus der Bundesliga erhalten, selbst wenn es nur die Zweite ist«, verkündete Smuda, dessen Traum immer die Bundesliga gewesen war, mittlerweile in mehreren Interviews. Ein Einwand, gegen den kein Smuda-Kritiker etwas sagen kann, da der Ruf der polnischen Trainergilde nicht gerade gut ist. Diese hat mehr mit Korruptionsskandalen international für Aufsehen gesorgt als mit sportlichen Erfolgen.
Deswegen gibt es in Polen auch Stimmen, bei denen Smudas Entscheidung für Regensburg auf Bewunderung trifft. »Meinen Respekt hat er. Denn es gehört schon viel Mut dazu, sich so einer Herausforderung zu stellen«, sagt Michal Pol. »Immerhin hätte er es sich auch einfach machen können indem er auf andere, bessere Angebote wartet. Genug Geld hat er ja«, so Pol weiter, der im polnischen Fernsehen Champions League-Spiele kommentiert.
Und dass Smuda, der 2007 Trainer bei Energie Cottbus werden sollte, Regensburg vor dem Abstieg retten könnte, ist nicht unwahrscheinlich. »Smuda ist ein besserer Vereins-, als Nationalmannschaftstrainer«, so Pol. Und Smudas Erfolgsliste bestätigt diese Aussage. Mit drei Meisterschaftserfolgen, einem Pokalsieg, mehreren Vize-Meisterschaften sowie Achtungserfolgen in den europäischen Vereinswettbewerben ist Smuda der erfolgreichste polnische Trainer der letzten zwei Jahrzehnte. Eine Vita, die selbst Jahn Regensburg hoffnungsvoll auf die Rückrunde blicken lassen könnte.