29.03.2014

Wie Polens Nationalspieler zu WM-Helden wurden

Rebellen in kurzen Hosen

Polen legt sich mit dem großen Bruder UdSSR an, und mittendrin ein paar aufmüpfige Nationalspieler. Ein Film beim 11mm-Festival zeigt die Story der WM-Helden von 1982.

Text:
Sven Goldmann
Bild:
imago

Der Schnurrbart ist ein bisschen struppiger geworden, aber die Locken leuchten noch immer so rot wie die untere Hälfte der polnischen Flagge. Zbigniew Boniek ist vor ein paar Wochen 57 Jahre alt geworden und hat seine Karriere vor einem Vierteljahrhundert beendet, aber wenn er von damals erzählt, von den 16 Monaten der relativen Freiheit, von der Zeit während und nach dem Aufbruch von Solidarnosc, dann ist alles wieder da. Die verrückte Kampagne der polnischen Nationalmannschaft vor der Fußball-Weltmeisterschaft 1982 in Spanien in den politischen Wirren vor und während der Verhängung des Kriegszustandes. So, wie Wladimir Putin heute die Krim als »untrennbaren Teil Russlands reklamiert«, mochte Leonid Breschnew im Kalten Krieg Polen nicht aus dem Warschauer Pakt entlassen.

»Wir waren sozusagen die 16. Sowjetrepublik«, sagt Zbigniew Boniek.

Was der polnische Jahrhundertspieler über diese Zeit zu erzählen hat, ist in diesen Tagen beim Fußball-Filmfestival 11mm zu bestaunen. In »Mundial. The highest stakes«, einer aus Archivmaterial und aktuellen Interviews komponierten Geschichte, die der polnische Dokumentarfilmer Michal Bielawski erzählt. Alles beginnt im November 1980. In diesen Tagen ist Polen nicht mehr das Land, das es einmal war, ein treuer Vasall an der Seite der Sowjetunion. Es sind die Tage, in denen die inoffizielle Macht im Land bei Solidarnosc liegt, der vom Danziger Elektriker Lech Walesa angeführten Gewerkschaft. In Schwarz-Weiß-Bildern flackern die gewaltigen Aufmärsche der Arbeiter über die Leinwand. Eine Volksrepublik tritt in Streik gegen sich selbst, und noch ist nicht abzusehen, wie diese Konfrontation ausgehen wird.

Beseelt von Solidarnosc

Vor diesem Hintergrund trifft sich die polnische Nationalmannschaft am 28. November 1980 in einem Warschauer Hotel. Am nächsten Morgen soll es mit dem Flugzeug nach Italien gehen, ins Trainingslager für das erste WM-Qualifikationsspiel auf Malta. Am Abend zuvor brechen Torwart Jozef Mlynarczyk und Stürmer Wlodzimierz Smolarek noch auf zu einer heimlichen Spritztour in die Warschauer Innenstadt. »Sie haben halt ein paar Sodawasser getrunken«, sagt Zbigniew Boniek im Film. Es war wohl ein bisschen Geschmack in der Soda, denn als Mlynarczyk gegen 7 Uhr morgens zurückkommt, kann er sich kaum auf den Beinen halten. Trainer Ryszard Kulesza schickt ihn nach Hause.

Noch vor ein paar Monaten hätte sich niemand gewagt, diese Entscheidung auch nur zu kommentieren. Jetzt aber ist Polen in Aufruhr, und beseelt von Solidarnosc stellen Kapitän Wladyslaw Zmuda und seine Kollegen Zbigniew Boniek, Stanislaw Terlecki und Wlodzimierz Smolarek ihren Trainer vor die Wahl: Entweder Mlynarczyk fliegt mit oder wir bleiben alle hier! Terlecki, ein rebellischer Freigeist, verfrachtet den benommenen Mlynarczyk in seinen Privatwagen und fährt ihn hinter dem Bus her zum Flughafen. Dort wartet eine Abordnung des polnischen Fernsehens. Die Reporter sehen, wie der Nationaltorwart aus dem Auto taumelt, und als der Kameramann den Schlangenlauf filmen will, reißt ihm der aufgebrachte Terlecki das Netzkabel aus der Steckdose.

Trainer Kulesza will weiteres Aufsehen vermeiden und lässt Mlynarczyk doch mitreisen. Der Vorfall aber zieht schnell Kreise. Die angeschlagene Regierung wittert die Chance, die Öffentlichkeit von den Massenstreiks abzulenken, und inszeniert eine Pressekampagne gegen »die bösen Geister der Mannschaft«.

 
 
 
 
 
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