Wie palästinensische Fußballfans die Mauer nutzen

Das Betonmonster

In Beit Jalla wird ein Restaurant von der Mauer durchzogen, die das Westjordanland und Israel trennt. Doch anstatt täglich auf das Betonmonster zu schimpfen, nutzt man es – als Leinwand für Fußballübertragungen. Wie palästinensische Fußballfans die Mauer nutzenImago Das Restaurant »Bahamas« in der palästinensischen Stadt Beit Jalla hatte früher eine unschlagbare Aussicht: Im Norden sah man Jerusalem, im Südwesten die Kirchturmspitzen Bethlehems. Diese Aussicht ist jetzt blockiert. Denn in den vergangenen Jahren hat Israel das Westjordanland mit einer Mauer abgeriegelt, und hier in Beit Jalla schneidet sie den Hof des Restaurants in zwei Teile.

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Aber die Besitzer des »Bahamas« sind, wie viele Palästinenser, Experten darin, saure Zitronen in süße Limonade zu verwandeln. Zunächst fanden sie eine originelle Möglichkeit, das Betonmonster zu nützen: Sie schrieben einfach ihre Speisekarte darauf. Da stehen jetzt sogar Muscheln – ein Rätsel, wie diese es über die Mauer geschafft haben, die ja zwischen Beit Jalla und jeder Muschel dieser Erde steht.

Ein Drittel aller Israelis drückte der DFB-Elf die Daumen


Am Mittwoch waren Muscheln jedenfalls Gesprächsthema, und zwar die Muscheln, die in Oberhausen gegessen worden waren. Das »Bahamas« hatte beschlossen, das Spiel Spanien-Deutschland auf die Mauer zu projizieren, um herauszufinden, ob Krake Paul wieder Recht behalten sollte. Und so fuhr ich nach Beit Jalla, um Deutschland zu unterstützen.

Unsere Zeitungen berichteten kürzlich, dass ein Drittel aller Israelis Löws Truppe die Daumen drückt. Ein Zeichen, dass die Israelis das heutige Deutschland mögen. Was nicht heißt, dass damit alle Feindschaften vom Tisch wären: Es wird wohl lange dauern, bis Israelis ein palästinensisches Team anfeuern würden und umgekehrt. (Zugegeben, beide Teams würden sich auch erst für eine WM qualifizieren, wenn selbst die Marsianer dabei wären!) Ungefähr 100 Fans waren ins »Bahamas« gekommen, die Hälfte Palästinenser, die andere Hälfte Ausländer.

Eine einsame Vuvuzela

Eigentlich verbietet Israel seinen Bürgern, nach Beit Jalla zu fahren. Trotzdem wagte ich den kleinen Grenzverkehr. Im »Bahamas« waren außer mir fast nur Spanien-Fans, wahrscheinlich identifizieren sich die Palästinenser mit der mediterranen Mentalität, jedenfalls hat der FC Barcelona hier jede Menge Fans. In der ersten Hälfte war das allerdings kaum zu hören: Die einzige Vuvuzela, die es über den Checkpoint geschafft hatte, tutete zwar bei jedem Angriff der Roten, aber ich fand heraus, dass sie einer Gruppe spanischer Diplomaten gehörte. Erst als Puyol traf, brach Jubel aus: Hinter mir begannen ungefähr 20 palästinensische Mädchen zu singen, Beduinen-Lieder und arabische Versionen von »Viva España« hallten gegen die Mauer. Der deutsche Ausgleich blieb aus, ich tröstete mich mit den leckeren Pasten, Salaten und gegrilltem Fleisch. Das palästinensische Bier »Taybeh« war leider schnell aus, wir mussten uns mit nicht annähernd so guten europäischen Marken begnügen. Für mich hat das Abenteuer die Niederlage allerdings wettgemacht.

Und am Ende war etwas anderes für meine schlechte Stimmung verantwortlich: Ein paar Schritte vom Restaurant entdeckte ich ein Haus, das von drei Seiten von der Mauer umschlossen ist. Das ist etwas, was fast kein Israeli zu Gesicht bekommt. Danach war mir egal, ob die Spanier gewinnen oder die Deutschen ihre Krake auf den Grill werfen. Und ich war dem Fußball dankbar, dass er mich hierhergebracht hatte.

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