Wie nerdig ist Fußball wirklich?

Wir nennen es Hobby

Für unsere aktuelle Ausgabe sprachen wir mit Hobby-Statistiksammlern aus Indien, Südafrika, Bulgarien und Deutschland. Das begeisterte Andreas Bock so sehr, dass er selbst anfing, Dinge zu archivieren. Geständnisse eines Sammlers. Wie nerdig ist Fußball wirklich?imago
Heft#111 02/2011
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Ein Schulfreund von mir sammelte früher Obstaufkleber verschiedener Firmen. Von Danone oder Chiquita zum Beispiel. Aber auch raren Stoff von mir unbekannten Labels wie Frutimur. Er zog die Sticker behutsam von der Frucht und klebte sie dann in ein eigens angefertigtes Album. Zum ersten Mal sah ich seine Fingernägel an Bananen und Äpfeln knibbeln, als wir eine Klassenreise nach Frankreich unternahmen. An einem Pariser Marktstand, an dem ein alter Mann uns bis dato unbekannte Ware feilbot, leuchteten seine Augen sehr hell. In jenen Minuten zog er außerordentlich viele Aufkleber von den Früchten.

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Den Begriff »Nerd« gab es damals, Ende der Achtziger, noch nicht. Es war nicht nur sein, sondern auch mein Glück, denn ich entschied mich zur selben Zeit – ich war elf oder zwölf Jahre alt – Philatelist zu werden. Keine halben Sachen, kein Album mit ein paar Marken, die ich mit Wasserdampf von alten Briefen aus Kisten meiner Großeltern ablöste, nein, es sollte die große Nummer werden. Ich besorgte mir den »Michel«, einen Katalog, in dem alle jemals erschienenen deutschen Briefmarken ab 1945 erfasst sind. Anhand dieses Katalogs pflegte ich mein Büchlein und meine Marken, und während meine Klassenkameraden mit He-Man-Figuren den dritten Weltkrieg vorspielten und zu den neuesten Scheiben von New Kids On The Block durch ihre Zimmer zuckelten, pinzettete ich eine Marke nach der anderen hinter die Folien des Albums. Wann immer ich eine Seite komplett gefüllt hatte, stellte sich das wohlige Gefühl der Ruhe ein. Es war die Schönheit der Ordnung, die auf der Gewissheit beruhte, einen kleinen Rahmen komplett ausgefüllt zu haben. Wenn Freunde mich allerdings fragten, warum ich das mache, antwortete ich geschäftsmännisch: »Diese Marken werden eines Tages sehr wertvoll.«

Wichtig? Das Spiel zwischen Sozopol und Stambolovo endete 0:7

Vor zwei Wochen fand ich das Album wieder, es musste, laut »Michel«, einen Einkaufswert von mindestens 500 Mark haben (die Wertsteigerung nicht eingerechnet). Ich wollte es also verkaufen. Der siebte Händler erbarmte sich schließlich und drückte mir zehn Euro in die Hand. Ein elender, zum Inventar seines Ladens gewordener alter Mann. Ich machte, dass ich davon kam.

Am Abend telefonierte ich mit Iordan Tsirov. Er ist Bulgare und sammelt. Wie ich. Allein, er sammelt etwas, das keinen monetären Wert hat: Fußballstatistiken. Früher antwortete er neugierigen Freunden: »Diese Daten werden eines Tages sehr wichtig.« Heute versteht er seine Recherche als die Suche nach Wahrheit. Er erzählte mir von einem Ergebnis aus der bulgarischen Amateurliga Yugoiztochna (5. Liga), die lange lückenhaft gewesen sei. Es fehlte der Eintrag zum Spiel Sozopol gegen Stambolovo vom 12. Spieltag der Saison 2007/08. Iordan Tsirov wühlte sich wochenlang durch Zeitungsarchive, kontaktierte andere Statistiker, den Verband, die Vereine – ohne Erfolg. Schließlich fand er den Namen des damaligen Trainers von Sozopol heraus und rief ihn an. Seitdem ist alles gut. Das Spiel endete 0:7. »Könnte es eines Tages sehr wichtig werden?« frage ich. »Vielleicht«, sagt er.

Entenjagd mit Schnappschuss – Fußballer und ihre Hobbys >>

Am darauffolgenden Tag sprach ich mit Dirk Henning. Er ist 43 Jahre alt, lebt in Kassel und sammelt mit seiner Frau nahezu alles, was sich sammeln lässt: Modellautos, Parfüm-Miniaturen, Werbe-Plastiktüten, Telefonkarten, Mad-Hefte, ausländische Euros, Edgar-Karten und Sturmtruppen-Taschenbücher. Eines Tages wurde er Mitglied im Deutschen Sportclub für Fußballstatistiken e.V., heute ist er Vorsitzender. Der Club listet Daten von deutschen Fußballspielen und kennt dabei keine Ränder. Es werden Partien von 1946 aus der Berliner Stadtliga erfasst (»Jedes Ergebnis ist wie eine blaue Mauritius für sich«) oder aktuelle Begegnungen der hessischen C-junioren-Bezirksliga. Warum Dirk Henning das macht? »Vielleicht weil ich Perfektionist bin«, antwortet er. Es ist eigentlich ein Dilemma.

Ein englischer Sportjournalist schrieb einmal: »Männer lieben zwei Dinge: Fußball und Dinge in Listen zu erfassen.« Ein Musikjournalist antwortete später: »Frauen hören Musik, Männer sammeln sie.« Allein, was sammeln die Männer eigentlich? Den Inhalt oder nur den Verweis darauf? Pflegen sie ihre Erinnerung oder schlichtweg ihr System?

Das kollektive Gedächtnis gibt keine Ruhe


Seit ich das Briefmarkensammeln erfolglos beendete, habe ich keine Hobbys mehr. Einige Freunde sagen: »Kopf hoch, es gibt nichts, was so antiquiert ist wie ein Hobby!« Und vermutlich haben sie Recht. Wo sind heute die Grenzen zwischen Freizeit und Arbeit? Nach dem Gespräch mit Iordan Tsirov klickte ich mich also arbeitssam in meiner freien Zeit durch die Statistik-Internetseite rsssf.com. Und am nächsten Morgen hatte ich zum ersten Mal nach 1989 den dringenden Wunsch, Dinge zu sammeln und festzuhalten. Ich schaute mich im Zimmer um und sah: Schallplatten. Jede Menge. Hatte ich die in den letzten Jahren etwa gesammelt oder hatten die sich schlichtweg angesammelt? Wie auch immer – ich meldete mich auf der Music-Collectors-Seite Discogs an und erfasste die Tonträger. Alphabetisch, chronologisch, nach Pressung, nach Format. Die ganze Nacht. Das war vor zwei Wochen. Aktuell verbringe ich meine Abende so, denn es gibt immer noch ein Cover, das fehlt, eine Pressung, die nicht gelistet ist, ein Songtitel, der fehlerhaft notiert wurde. Das kollektive Gedächtnis der Musik gibt keine Ruhe. Niemals. Denn es wird nie vollständig und von allen Fehlern bereinigt sein.

Ein Freund saß einmal auf meiner Couch, er zappte durch die Kanäle, und während ich in die Tasten tippte, tippte er an seine Stirn. Ich kam mir blöd vor. Heute morgen schließlich sagte ein Kollege zu mir: »Ich muss dir was gestehen: ich sammele Magic Cards. Ich werde sie vermutlich bald in einer Liste erfassen.« Ich nickte, und sagte geschäftsmännisch: »Sie werden dank dieser Liste eines Tages sehr wertvoll sein.« Er schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, diese Daten werden eines Tages sehr wichtig sein.«

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Im aktuellen 11FREUNDE-Heft: Sie sammeln Aufstellungen der Berliner Stadtliga von 1946, die ewige Tabelle der 2. usbekischen Liga oder Resultate aus der südafrikanischen Natal Provinz von 1887. Es ist ihr Hobby. Innenansichten des unbekannten Wesens Freizeit-Statistiker.

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