Wie Lampard den Boulevard bekämpft

Anruf von Frank

Der britische Boulevard-Journalismus gilt als besonders aggressiv. Doch Chelseas Frank Lampard wusste sich zu wehren, als sein Privatleben öffentlich seziert wurde. Er griff zum Telefon und klingelte einfach im Funkhaus durch. Wie Lampard den Boulevard bekämpft
Heft #91 06/2009
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»Phone-In«-Sendungen stellen Moderatoren immer wieder vor große Herausforderungen. Egal wie sorgfältig die Redaktion den Anrufer geprüft hat, immer wieder rutscht ein Verrückter durch. Und der will dann souverän abgefrühstückt sein.

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Neulich zum Beispiel klingelte Simon aus Leicester bei »MUTV« durch, um die Frontfrau Hayley McQueen hart zu prüfen. Kurz und treffend gratulierte er Gastkommentator Gary Pallister zu der extraordinären Größe seines Geschlechtsorgans, die er unter der Anzughose auszumachen glaubte. Pallister wirkte froh, sein Kollege Paul Parker nicht unamüsiert. McQueen dagegen rang um Worte und kam am Ende zu der überraschenden Einschätzung, dass es vermutlich nur der Blickwinkel sei, der den Anrufer in die Irre geführt hatte. Nicht überliefert ist, wie Pallister sich zu diesem Erklärungsversuch positionierte.

Wesentlich sicherer in der Sache war sich vor ein paar Wochen Radiomoderator James O’Brien. Bildlich gesehen saß er auf einem marmornen Thron in der Mitte jener moralischen Anhöhe, auf der er sich zu befinden glaubte, und predigte von dort auf die Hörerschaft herunter. An diesem Morgen sprach O’Brien von einem Mann, dessen ehemalige Verlobte und dessen zwei kleine Kinder aus der gemeinsamen Villa hatten ausziehen müssen, nachdem er sich von ihr getrennt hatte. Während sie nun mit den Kindern und einem gebrochenen Herzen in einer kleinen Wohnung lebt, führt er das Leben eines Junggesellen, reich an Ausschweifungen und frei von den Zwängen einer festen Bindung.

Auf der Basis eines Tabloid-Artikels


Mit deutlichen Worten kommentierte der Moderator die so genannte Story über ein so genanntes Interview von so genannten Journalisten, die die Frau in einem Londoner Nachtclub befragt und um einige deutliche O-Töne erleichtert hatten. Auf Basis dieses Tabloid-Artikels schätzte O’Brien den Mann nun als charakterschwach ein. Das Wort Abschaum ging über den Äther. Dann klingelte in der Redaktion von »LBC« das Telefon. Der Anrufer war kein Verrückter, sondern der Mann, dessen Leben gerade öffentlich seziert worden war. Und am Ende des live übertragenen Telefonats zwischen James O’Brien und Frank Lampard saß ersterer nicht mehr in exponierter Höhe, sondern kauerte – noch ohne es zu wissen – im Büßergewand auf einem klapprigen Angelstuhl vor einem Heer von Anklägern.

Denn Frank Lampard machte seine Sache verdammt gut. Er informierte den Moderator nicht nur darüber, dass er drei Tage die Woche auf seine Kinder aufpasse und ihnen und der Mutter gerade ein sehr vernünftiges Haus herrichten lasse. Er fand dabei auch sehr deutliche Worte über die journalistischen Standards, die in England und Britannien zu herrschen scheinen, und denen offenbar auch O’Brien folgt. Bemerkenswert war nicht nur, was, sondern auch, wie er es sagte. Denn Lampard konfrontierte seinen Gesprächspartner erfrischend natürlich und direkt. Auf einmal war er nicht mehr der unnahbare Premier-League-Millionär, der in Festungen aus Designerwäsche oder dem Hause Aston Martin vor den allgegenwärtigen Paparazzi durch den Londoner Alltag flieht. Auf einmal war er auf Augenhöhe mit den Hörern, als er O’Brien versprach, ihn das nächste Mal »von Mann zu Mann« sprechen zu wollen.

Mit seiner temperamentvollen Verteidigung stillte er bei den Hörern nicht nur einen wachsenden Hunger nach Echtheit. Er traf mit seiner Kritik an der aggressiven Impertinenz des Boulevards offenbar ins Schwarze, wie das unübliche landesweite Lob für den Chelsea-Akteur zeigte. James O’Brian dagegen kam nicht so gut dabei weg. Entschuldigen wollte er sich trotzdem nicht, als er wenige Stunden später auf »Sky News« danach gefragt wurde. Immerhin rang er sich Worte der Anerkennung für Lampard ab: »Er ist mehr Mann, als ich heute Morgen um zehn gedacht habe.«

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