Inwieweit das auch auf seine Verbannung aus der U 21 zutrifft, ist fraglich. Es war die düsterste Stunde seiner Karriere. Seit seiner Jugend hegte er den Traum, für Deutschland zu spielen. Im Jahr 2009 sollte er die U 21 als Kapitän in Schweden ins EM-Finale führen. Am Tag vor seiner Suspendierung wurden noch gemeinsam Laufwege trainiert. Die Elf strotzte vor Selbstbewusstsein – so wie Boateng.
Nachdem Hrubesch ihm seine Entlassung mitgeteilt hatte, war er überzeugt, dass es für ihn keinen Weg mehr zurück gab. Aus Ghana machten sie ihm das Angebot, bei der WM als Stammspieler mitzuwirken. Bis zu diesem Zeitpunkt war Boateng noch nie in der Heimat seines Vaters gewesen. »Die Tür schlug vor meiner Nase zu«, sagt er heute, »und mir blieb nichts anderes übrig, als durch eine andere, die sich öffnete, hindurchzugehen.« Über Nacht entschied er, für Ghana zu spielen. Roger Wittmann sagt, er hätte, wäre er damals schon für ihn zuständig gewesen, seinem Schützling abgeraten. Vielleicht wäre mit etwas Abstand noch mal eine Annäherung an den DFB möglich gewesen. Denn es ist kein Geheimnis, dass in der Nachwuchsabteilung des Verbandes einige nach den Beruhigungspillen griffen, als sie von dem Entschluss Wind bekamen.
Inzwischen hat er, nach nur neun Länderspielen, im Herbst 2011 das Ende seiner Nationalmannschaftskarriere bekanntgegeben. Als Grund gab er die anstrengenden Reisen zum Auswahlteam bei gleichzeitig steigendem Leistungsdruck in Mailand an. Die Reaktionen in Ghana waren heftig. Ihm wurde Opportunismus vorgeworfen. Er habe die WM nur als Bühne nutzen wollen.
Wie auch immer, man mag sich gar nicht vorstellen, welche Durchschlagskraft das Team von Jogi Löw entfalten könnte, wenn dem Bundestrainer im offensiven – wahlweise auch im defensiven – Mittelfeld ein Spieler wie Kevin Prince Boateng zur Verfügung stände. Als Deutschland im EM-Halbfinale auf Italien traf, habe er seinem Bruder Jerome die Daumen gehalten, sagt er trotzig. Der Ausgang des Spiels sei ihm egal gewesen. Und er fügt hinzu: »Es lohnt sich nicht mehr, darüber nachzudenken und sich unnötig Stress zu machen.«
Sein rasantes Leben lässt keinen Platz für nächtelanges Grübeln. Boateng löffelt inzwischen mit der Gleichmäßigkeit eines Schaufelradbaggers das Tiramisu im »Hotel Bulgari«. Er genießt das Leben – und er genießt schnell. Fast 320 000 Twitter-Follower halten er und seine Freundin Melissa mit Liebesbekundungen über den Stand ihrer Zuneigung auf dem Laufenden. Das Glamour-Paar plant, sich einen Gitarrenlehrer zu suchen. Es sei doch wichtig, dass Paare gemeinsame Hobbys hätten, weil dies den Zusammenhalt stärke. Boateng lacht, wenn er solche Weisheiten aus Beziehungsratgebern wiederkäut. Obwohl er öffentlich keine Gelegenheit auslässt, dem Model, das vor ihm fünf Jahre mit Christian Vieri liiert war, seine Liebe zu gestehen, wirkt er manchmal, als sei die Sache zwischen den beiden für ihn nur ein großer Spaß. Ein erotischer Tango im Blitzlichtgewitter.
Auf die Frage, ob es abseits der zahllosen Skandalmeldungen über ihn auch eine Schlagzeile gebe, die ihn gefreut habe, antwortet er, eine deutsche Zeitung habe vor kurzem mit »Boateng, der Sexgott« getitelt. Und wieder lacht er sich halb schlapp. Melissa Satta hatte der italienischen Presse erzählt, die beiden hätten zwischen vier und sieben Mal Sex in der Woche. Daraufhin mutmaßten einige Blätter, ob Boatengs muskuläre Probleme, die ihn in der vergangenen Saison oft pausieren ließen, womöglich mit seinen Aktivitäten im heimischen Schlafzimmer zusammenhingen. »Im Ernst: So toll fand ich das nicht«, stellt er richtig, »Sie hat da leider etwas amateurhaft geantwortet.« Immer wieder legt Satta in den italienischen Medien mehr oder weniger pikante Details aus dem Leben mit dem Fußballstar offen. Und Boateng hat genug zwischenmenschliche Verwerfungen erlebt, um auf der Hut zu sein. Doch sein Ritt als Champagnerkorken auf den Wogen des Boulevards gefällt ihm gerade wohl zu gut, um etwas dagegen zu unternehmen. Er kann es halt. Er ist Berliner. Ein Chamäleon. Die Aufmerksamkeit macht mehr aus ihm als einen guten Fußballer. »Boa«, wie die Italiener ihn ehrfurchtsvoll rufen, ist auf dem besten Weg zur Marke. So wie vor ihm »Becks«, »Il Fenomeno« oder »Zizou« das Bild des globalen Fußballers prägten, will auch »Boa« es tun. Wie nannten ihn die Kollegen beim AC Milan doch noch gleich?
Die kichernden Damen vom Nebentisch sind mit Autogrammbüchern an den Tisch getreten. Sie fragen nach einem Foto. Handys werden gezückt, im Halbdunkel des mondänen Restaurants flackert Blitzlicht. Roger Wittmann nölt, Boateng solle daran denken, dass die Bilder in den sozialen Netzwerken auftauchen. Die italienische Presse hätte in Ermangelung anderer Glamour-News nie Gewissensbisse, ein Abendessen mit Journalisten zur wilden Partynacht mit High-Society-Girls hochzujazzen. Boateng hört gar nicht hin, geduldig lässt er die Damen knipsen. Er genießt den Rummel, er hat lange darauf warten müssen.
Ist noch Zeit für eine letzte Frage? »Aber wir haben doch alles besprochen«, sagt Kevin Prince Boateng und lacht: »Sie können ruhig schreiben: ›Ja, ich bin der beste Fußballer der Welt.‹«