30.09.2012

Wie Kevin-Prince Boateng vom Bad Boy zum Superstar wurde

Boa!

Seite 3/4: Der neue Berater
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Als Wittmann Boateng das erste Mal sieht, wundert er sich über dessen Leibesfülle. Er sagt: »Du siehst ja aus wie ich!« Die fettreiche Ernährung in England und der nicht immer professionelle Lebenswandel tragen dazu bei, dass er bei einer Körpergröße von 1,85 Meter zeitweise über 90 Kilo wiegt. Wittmann verordnet ihm einen Personal Trainer. Er muss mehr tun, wenn er weiterkommen will. Frühere Berater haben sich den Mund fusslig geredet. Boateng war stets der Ansicht, er wisse selbst am besten, was gut für ihn ist.

Doch Roger Wittmann, Chef von Rogon Sportmanagement, einem globalen Unternehmen zur Vermittlung von Profis, trifft den richtigen Ton. Beim Interview wirken die beiden wie der seriöse Onkel und sein unsteter Neffe. Boateng sitzt ständig der Schalk im Nacken. Der Umgang zeugt von großer Wertschätzung, auch wenn Boateng jeden kleinen Rüffel ironisieren muss. Er fragt den Berater, ob es okay sei, wenn er nach der Pasta noch ein kleines Steak bestelle, und als Wittmann wegschaut, schnappt er sich dessen Weinglas und trinkt mehr oder weniger heimlich einen kleinen Schluck.

Die Gespräche mit dem neuen Berater bringen den Berliner zu der Erkenntnis, dass er in seiner Karriere genug Zeit verplempert hat. Wittmann benutzt den Begriff »Kapitalisieren«, wenn er über das Potential eines Spielers spricht. Zweifelsohne hat Boateng das Zeug zum Weltklassespieler, doch im Gegensatz zu seiner Reaktionsschnelligkeit auf dem Feld, fehlt es ihm im Leben bei der Umsetzung seiner Ansprüche offenbar öfter an Durchblick. Der Spieler hat das Gefühl, dass ihm zum ersten Mal jemand zuhört – und sich nicht scheut, ihm die ungeschminkte Wahrheit zu sagt.

Gerade am Anfang seiner Karriere sei er überfordert gewesen. »Ich war zwanzig, bekam einen Haufen Geld und die Leute sagten: mach mal!« Niemand habe ihn darauf hingewiesen, dass ein Profi jeden Tag aufs Neue ans Limit gehen muss, wenn er Erfolg haben will. Früher sei er zufrieden gewesen, wenn er von zehn Spielen zwei gute gemacht habe und er sich ein dickes Auto leisten konnte. Es schwingt Boxer-Pathos mit, wenn er davon spricht, wie hart er inzwischen für seine gesellschaftliche Stellung schuftet. Dass die Italiener ihn für das lieben, was er ist: »Ein erfolgreicher Fußballer, der hart arbeitet und sich nichts zuschulden kommen lässt.«

Denkt er manchmal zurück an die kleine Wohnung im Wedding? Kann er sich vorstellen, auf den Luxus, der ihn jetzt umgibt, das Leben in der High Society zu verzichten? Es sind Fragen, die nicht in sein Weltbild passen. Profis denken progressiv: »Auf gar nichts will ich verzichten! Weil ich mir all das, was ich jetzt habe, hart erarbeitet habe und es auch mein gegenwärtiges Glück mitbestimmt. Warum sollte ich darauf verzichten?«

Als er im Sommer 2010 zum AC Mailand wechselt, hat er zwölf Kilo abgespeckt und sieht aus wie ein Modellathlet. Es ist der Schritt in ein neues Leben. Er schwört sich, dass alle Eskapaden nun der Vergangenheit angehören sollen. Die Welt soll den Fußballer Boateng endlich in ihr Herz schließen.

Sein Bruder George hat ihm mit auf den Weg gegeben: »Denk immer dran, du bist Berliner. Die sind wie Chamäleons, die können sich überall anpassen. In jeder Gesellschaft, jedem Verein, auf jeder Straße.« Am Abend vor dem ersten Training betrachtet er stolz die Trainingskluft seines neuen Vereins. Nun ist er endlich angekommen in der Beletage des europäischen Fußballs. Gemeinsam mit seinem Berater hat er sich gut vorbereitet. Milan hat ihn als Back-up auf der Sechs eingekauft. Auf der Position erwarten ihn zwei erfahrene Kräfte mit einer langen Historie im Klub: Massimo Ambrosini und Gennaro Gattuso.

Als er, begleitet von zackigen »Jarrr«- und »Neinnn«-Rufen, dem Elementar-Deutsch seiner neuen Kollegen, auf den Trainingsplatz trottet und Andrea Pirlo ihn im Stile des Fußballweisen freundlich mit »Ausfahrrrt lllinks« begrüßt, will Gattuso dem Neuankömmling gleich mal auf den Zahn fühlen. Im Trainingsspiel kommt es schon in den ersten Minuten zu kleinen Hakeleien. Doch Boateng hat vielleicht Respekt vor dem Weltmeister, Angst aber hat er auf dem Feld noch nie empfunden. Das Match ist keine zehn Minuten alt, da grätscht er den italienischen Wadenbeißer beherzt über die Seitenauslinie. Der Zweikampf läutet den längst überfälligen Generationswechsel im honorigen Mittelfeld des AC Mailand ein. Es wird Gattusos letzte Saison im erweiterten Kader der Rossoneri. Gegen Boatengs couragierten Straßenfußballerinstinkt ist der alternde Held chancenlos.

Nach dem Training lümmelt Boateng auf dem Platz, schaut seinem Idol Ronaldinho zu, wie er mit dem Ball jongliert. Er bettelt: »Mach Tricks für mich.« Der Brasilianer verfügt über eine natürliche Gabe, der selbst ein Ausnahmetalent wie Boateng nur mit offenem Mund begegnen kann. Es gibt nichts, was er am Ball nicht kann. Mit eigenen Augen sieht er, wie Ronaldinho von der Mittellinie so an die Latte des Tores schießt, dass die Plastikkugel in einer präzisen Flugbahn zurück zum Anstoßpunkt prallt.

Ansonsten fehlt es dem Brasilianer zusehends an Biss. Während der Megastar seinen Vertrag mit Kabinettstückchen aussitzt, trainiert Boateng für die Weltkarriere. Im Spätherbst stellt Coach Allegri ihn statt Ronaldinho im offensiven Mittelfeld hinter den Spitzen auf. Der Weltmeister von 2002 ist mit knapp 30 Jahren zu langsam für die Serie A. Im Winter verlässt Ronaldinho Mailand. Sein Nachfolger hat Verständnis: »Er hat drei Jahre auf dem höchsten Niveau gespielt – und alles gewonnen. Was hat ein Mensch da noch für Ziele?«

KPBs Körper gleicht zusehends einer historischen Landkarte. Wie Kontinente liegen die rund 40 Tätowierungen über den Torso verteilt. Gerade erst hat er sich ein Spinnennetz überm linken Knie stechen lassen. Sein neuralgischer Punkt. Wie viele Behandlungen und OPs hat es schon über sich ergehen lassen? Mit den Kniebeschwerden sei es wie mit Spinnweben in den dunklen Ecken der Wohnung, erklärt er. An einem Tag feudelt man sie weg, tags drauf sind sie wieder da. Tattoos sind für globetrottende Profis offenbar ein Weg, Nachhaltigkeit in ihrem unsteten Leben zu schaffen. Ein Dasein, das wenig Raum für Reflexion und Muße lässt. Tätowierungen ermöglichen es Kevin Prince Boateng, Gedanken und Gefühle festzuhalten. »Es ist ein schnelles Leben und ein schneller Beruf«, sagt er mit dem Hart-aber-herzlich-Blick des Anführers der Motorradgang, »Fußball ist ein Tagesgeschäft – es geht schnell rauf und schnell wieder runter.«

Längst nicht jeder Entschluss hat sich als richtig entpuppt. Er gibt zu, dass er zwar oft der Leader gewesen sei, aber weiß Gott nicht immer ein vorbildlicher. Doch man kauft Boateng ab, dass er mit dem bisherigen Verlauf seines Lebens zufrieden ist. »Alles, was falsch gelaufen ist oder was ich verloren habe, hat mich an diesen Punkt gebracht.«

 
 
 
 
 
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