30.09.2012

Wie Kevin-Prince Boateng vom Bad Boy zum Superstar wurde

Boa!

Seite 2/4: Berliner Käfig
Text:
Bild:
Imago

In der Sommerpause hat Coach Massimiliano Allegri ihm das prestigeträchtige Trikot mit der Nummer zehn ausgehändigt. Vor ihm trug es jahrelang der unzerstörbare Clarence Seedorf. Eine Milan-Legende, der einzige Spieler, der je mit drei Klubs die Champions League gewann. Ein unmissverständliches Zeichen: Boateng soll zukünftig den Ton angeben. Der Berlusconi-Klub hat im Sommer Thiago Silva und Zlatan Ibrahimovic für insgesamt 63 Millionen Euro verkauft, weil die Tochter des Mäzens neuerdings die Geschäfte bestimmt. Im Gegensatz zu ihrem Vater, der gerade mal wieder eine Rückkehr in die Politik plant, ist sie nicht bereit, weiterhin die Verluste des defizitären Vereins auszugleichen. Insider gehen davon aus, dass Milan im Jahr 80 Millionen Euro minus macht. Mit Mark van Bommel und Clarence Seedorf verschwanden weitere prägende Charaktere von der Gehaltsliste. Der AC Mailand braucht diese Frischzellenkur. Der große Hoffnungsträger in diesem risikoreichen Manöver ist nun der 25-jährige Kevin Prince Boateng.

Die Odyssee, zu der er im Sommer 2007 aufgebrochen war, ist zu Ende. Für 7,9 Millionen Euro war er damals von Hertha BSC zu Tottenham Hotspur verkauft worden. Der Beginn einer langen Reise durch die europäischen Topligen, die in vielen Punkten einem Selbstfindungstrip glich.

In Berlin war er stets ein Anführer gewesen. Er war gesegnet mit einem herausragenden Talent und verfügte über die fürs Profigeschäft nötige Robustheit – psychisch und physisch. Schon damals wurde deutlich, dass er den Status quo des Jungprofis über alle Maßen genoss und Bling-Bling ihn magisch anzog. Doch für seine Trainer war er ein freundlicher Junge, der pünktlich zur Arbeit kam und im Sinne seiner Kollegen den Job versah. Ein ungeschliffener Diamant.

In der legendären U 23 von Hertha BSC war KPB der Leader unter Spielern wie Ashkan Dejagah, Sejad Salihovic oder Patrick Ebert – obwohl die teilweise älter als er waren. Den Sprung zu den Profis schaffte er ansatzlos.

Bis dato hatte Boateng nie weiter gedacht, als mit Hertha in der Bundesliga zu reüssieren. Doch ein Konflikt mit Coach Falko Götz im Frühjahr 2007 führte zum Bruch mit dem Verein. Als der Trainer nach der Jugendarbeit des Klubs gefragt wurde, sagte Götz: »Kevin hat viele Geschwister, alle von anderen Vätern. Aber das ist kein Makel. Berlin ist eben multikulturell.«

Gemeinsam mit seinem Bruder Jerome stellte Boateng mit tief in die Stirn gezogener Baseballkappe den Übungsleiter in der Kabine. Doch sowohl Götz als auch der Verein zeigten sich unfähig, die sorgsam ausgebildeten Youngster in gebührender Form zu besänftigen. Herthas Kassen waren leer. Als das Angebot aus London kam, ergriff Manager Dieter Hoeneß die Gelegenheit. Er legte beiden Boatengs einen Wechsel nahe. Die Brüder, tief in ihrem Stolz getroffen, fackelten nicht lang und kehrten ihrem Ausbildungsverein den Rücken. Jerome ging zum HSV, Kevin Prince ins ferne London. Damals beschrieb er den Schritt als Flucht. Heute sagt er: »Mit mir wurde Geld gemacht, und man hat mich gedrängt, diesen Schritt zu gehen.« Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen.

Bei Tottenham eröffnete ihm Trainer Martin Jol nach der Vorbereitung, dass er nicht mit ihm plane. Boateng hatte keine Ahnung, was er mit der Ansage anfangen sollte. Er war es nicht gewohnt, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Er doch nicht, der Junge aus dem Wedding, dem Stadtteil, über den er selbst im Streetfighter-Duktus verkündet hatte: »Da wird man Drogendealer, Gangster oder Fußballer«. Er reagierte mit Trotz, weil er nicht verstand, dass der schrullige Niederländer ihn auf die Probe zu stellen versuchte – und begab sich 18 Monate in den Clinch mit seinem Ego.

Er verprasste Geld in Bars, kaufte Nobelkarossen – einmal sogar drei in einer Woche –, suchte sein Glück abseits des Fußballs. »Ich war schlicht und einfach unglücklich.« Luxusgüter gaben ihm für Momente so etwas wie Halt und Geborgenheit. »Kurzzeitig war mir egal, dass ich auf der Tribüne saß, nicht bei den Profis auflief und mittwochs bei den Amateuren vor drei Leuten spielte. Doch nach vier Wochen war das mit den Autos langweilig und die Probleme des Alltags kamen zurück – mit voller Wucht.« Seiner hochschwangeren Frau Jenny wurde es zu viel. Das junge Eheglück zerbrach. Sie verließ England und zog zurück nach Meerbusch ins Rheinland, wo sie bis heute mit dem gemeinsamen Sohn Jermaine lebt.

Erst als Boateng sich im Winter 2009 an Borussia Dortmund ausleihen ließ, schien er langsam zurück in die Spur zu finden. Jürgen Klopp gab ihm das Vertrauen, das er von Jol und dessen Nachfolger Harry Redknapp nie bekommen hatte. Obwohl er von 17 Spielen nur zehn absolvierte, oft sogar nur als Ergänzungsspieler, arbeitete er akribisch daran, langfristig vom BVB verpflichtet zu werden. Er spürte die Aufbruchstimmung, die Klopp in dem jungen Kader erzeugte. Ohne dass er es sich selbst eingestand, war es doch deutlich spürbar: Boateng hatte Heimweh nach Deutschland.

Doch der BVB verpasste die Qualifikation zur Europa League und konnte sich die Verpflichtung der Leihgabe nicht leisten. Schwerer noch wog, dass in dieser Phase verschiedene Ereignisse sein Bild in der Öffentlichkeit veränderten. Das Image des Weddinger Halbstarken verdichtete sich in den Medien zusehends zum Zerrbild eines Fußballchaoten, der wie Nitroglycerin ständig in Gefahr war zu explodieren: Für einen Tritt an den Kopf des Wolfsburgers Makoto Hasebe, der mit sieben Stichen genäht werden musste, wurde er vom Platz gestellt. Bei einem Besuch in Berlin wurde er bezichtigt, betrunken mit seinem Kumpel Patrick Ebert bei 13 Autos die Außenspiegel abgetreten zu haben. Im Trainingslager vor der U 21-Europameisterschaft kehrte er nachts von einem Discobesuch mit einstündiger Verspätung zurück. Juniorentrainer Horst Hrubesch, der ihn trotz vieler Zweifel beim Verband ins DFB-Team zurückgeholt hatte, schickte ihn nach Hause.

Boateng galt fortan als beratungsresistent, unberechenbar und schwererziehbar. Und als er am 15. Mai 2010 im FA-Cup-Finale als Spieler des FC Portsmouth Chelseas Michael Ballack das Innenband kaputttrat und dem »Capitano« die WM-Teilnahme verbaute, war aus ihm endgültig Deutschlands Staatsfeind Nummer eins geworden.

Viele Profis wären an diesem Schlagzeilenmassaker zerbrochen. Aber die Karriere des Kevin Prince Boateng kennzeichnet abgesehen von zahlreichen Brüchen auch ein unbändiger Selbsterhaltungstrieb. Jürgen Klopp schwärmte einst, er sei auch deshalb so ein besonderer Spieler, weil er für jede Situation hundert Lösungsansätze und Ideen habe. Eine aussichtslose Lage fordert Boateng also erst heraus. Wie tief es ihn verletzte, dass seine Familie durch die Ballack-Causa in Mitleidenschaft gezogen und rassistisch beleidigt wurde, kann nur er allein ermessen. Dennoch hat seine gewundene Vita die Überzeugung reifen lassen, dass es immer weitergeht: »Natürlich bedrückt es mich, wenn mich Leute für einen Bescheuerten halten. Aber ich habe gelernt, die Dinge nicht zu sehr an mich heranzulassen. Es macht im Fußball den Unterschied aus, wie ein Spieler mit solchem Druck zurechtkommt.«

So wird der tragische Frühling 2010 auch zum Wendepunkt in Boatengs Karriere. In den Wochen des historischen Zusammenstoßes mit dem Kapitän der deutschen Nationalelf trifft er in London erstmals seinen neuen Berater Roger Wittmann. Die Saison 2009/10 als Spieler des FC Portsmouth ist ganz ordentlich für ihn gelaufen. Coach Paul Hart, ein bodenständiger Fußballlehrer, beordert ihn ins zentrale Mittelfeld und gestattet ihm alle Freiheiten. Vor dem Auflaufen flüstert er ihm ins Ohr: »Spiel, Junge, mach, was du willst! Nur bitte, bitte keine Rote Karte.«

 
 
 
 
 
1234
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden