Wie Kevin-Prince Boateng vom Bad Boy zum Superstar wurde

Boa!

Lange galt Kevin Prince Boateng als Nitroglycerin-Kicker. Immer in Gefahr, in die Luft zu gehen. Beim AC Mailand lernte er, seine Explosivität in geordnete Bahnen zu lenken und ist nun  auf dem besten Weg zum globalen Markenartikel.

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Kevin Prince Boateng ist verknallt. Seine Finger dribbeln über die Tastatur eines elfenbeinfarbenen Smartphones. Jeder Buchstabe ein Nachweis für die Handlungsschnelligkeit des Hochbegabten. Digitale Doppelpässe mit der neuen Freundin Melissa Satta – einem Showgirl, wie sie hier in Mailand altmodisch sagen –, mit der er seit neun Monaten zusammen ist. Romantisches Tiki-Taka. In jeder Sprechpause, nach jedem Bissen Spaghetti Pomodoro, ein rascher, sehnsüchtiger Gruß. »Ti amo« simst sich schneller als »Ich liebe dich«.

Lounge-Musik schallt durch den lauen Innenhof des »Hotel Bulgari« im Herzen Mailands. Die Herberge gleicht einer Festung. Vor dem Eingang parken Geländefahrzeuge und Ferraris. Parkwächter in Anzügen nehmen Schlüssel entgegen. Latin Lover schlendern zum Dinner. Spitze Schuhe, helle Abendkleider, Damen mit Botox-Minen, ein begehbarer Humidor, Eichenholzverkleidung. Die Pasta ist zum Niederknien al dente. Nobles Understatement.

Boateng ruft einen Kellner heran und fragt nach Erfrischungstüchern mit Anti-Mückenstich-Tinktur. Hektisch reibt er sich die tätowierten Arme ein. Das verdammte Geschmeiß. Er tippt noch eine SMS. Sein Berater Roger Wittmann stellt fest, wie unhöflich es ist, wenn sein Klient im Gespräch ständig mit dem Handy rumfummelt. Boateng gibt sich leutselig, man müsse ihn doch verstehen: »Jungs, das ist Liebe.«

Mailand hat ihn verändert. Während in Deutschland der Ruf des »RAMBOateng«, des »Fußball-Rüpels« wie mit Superkleber an ihm haftet, hat er sein Temperament in Italien kanalisiert. Das einstige »Ghetto-Kid aus dem Wedding« (»Stern«) hat deutlich an Konturen gewonnen. Bei Milan wird der Fußballstar gleichermaßen für deutsche Willenskraft, seinen afrikanischen Individualismus und südländische Verve geliebt. Boatengs mitunter exzentrischer Auftritt auf dem Rasen ist den Mailändern keineswegs suspekt, sondern wird von ihnen als Zeichen von Stärke interpretiert. Boateng ist hier kein böser Bube, sondern ein sympathischer Filou, der Milan – lange Zeit ein komfortables Altersteilzeitmodell für in die Jahre gekommene Topstars – nach seiner Ankunft im Sommer 2010 ein ordentliches Pfund Seele verpasst hat.

Er hat den Schneid, in einem Champions-League-Spiel den Ball in vollem Lauf mit der Hacke um einen Weltklasseverteidiger wie Eric Abidal herumzuspielen und dann mit einem Außenristtor den FC Barcelona wie eine Elf aus Schuljungen aussehen zu lassen. Er ballert Milan nach seiner Einwechslung zur Halbzeit gegen US Lecce in nur 14 Minuten mit einem Hattrick auf die Siegerstraße. Nebenbei singt er mit Falsettstimme einen Geburtstagsgruß für einen TV-Sender ein, begleitet von Thiago Silva und Alexandre Pato, die devot für ihn die Human Beatbox geben. Er verwandelt mit geschmeidigen Tanzschritten selbst Koordinationseinheiten im Training in eine feurige Samba. Und bei der Meisterfeier der Rossoneri 2011 wird aus Prince mal eben Michael Jackson, als Boateng im überfüllten San Siro dessen »Moonwalk« aufführt.

Italienische Zeitungen beklagen traditionell, wie wenig aus dem Kader des AC Mailand an die Öffentlichkeit dringt, weil Berlusconis Medienkonzern bewusst das blitzsaubere Image seiner Kicker fördert. Doch Boateng ist der Gegenentwurf zum chemisch gereinigten Befehlsempfänger. In der Woche des Interviews ziert ein Paparazzi-Foto das Titelblatt des People-Magazins »VIP«, das ihn auf einer Yacht engumschlungen mit seiner neuen Gefährtin zeigt. Sie trägt einen Tanga-Bikini, er spannt die tätowierten Muskeln an.

Die Mitspieler beim AC Mailand nennen ihn »Popstar«, weil überall, wo er auftaucht, junge Frauen zu juchzen beginnen. Auch im Restaurant des »Hotel Bulgari« kichern am Nebentisch ständig drei Damen. Sie können ihren Blick nicht loseisen von dem Fußballer mit dem Hipster-Iro und den Rehaugen. Und er liebt es, wie die Augen auf ihm ruhen. Den Trubel. Er sagt, an manchen Tagen tauche er sogar am Mailänder Dom auf, eigentlich eine No-go-Area für prominente Profifußballer. Es sei doch schön, wenn er Menschen mit einem Autogramm oder einem Foto den Tag versüßen könne. Sein Fahrer passt auf ihn auf. Wenn Leute zudringlich werden, geht er dazwischen. Es erinnert an Rapper-Rhetorik, an die Poesie des Zukurzgekommenen, wenn er sagt: »Ich wollte immer mehr als ein Fußballer sein. Ich wollte als Persönlichkeit wahrgenommen und respektiert werden.«

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