Wie Kaiserslautern die Felge feiert

Pfalz unter

Wie Kaiserslautern die Felge feiertPrivat Es ist 16:50 Uhr, als Gerry Ehrmann losspurtet. So wie sich der Mann mit dem großformatigen Brustkasten einst den Stürmern der Liga entgegenwarf, stapft er jetzt mit ausgebreiteten Armen gen Westen. Als das Grüppchen Fans, das Sekunden vorher das Platzsturmverbot ignorierend aus dem Block gehüpft ist, Lauterns »Exekutive« (Stefan Kuntz über Ehrmann) nahen sieht, machen die Anhänger das, was auch die Angreifer früher am liebsten gemacht hätten: Auf dem Absatz kehrt. Als er die verschüchterten Ultras erfolgreich vom Rasen getrieben hat, klatscht »Tarzan« mit ihnen ab. Man feiert zusammen, an diesem Tag im Mai.

[ad]

Und das nicht zu knapp. Zehn Minuten, bevor Lauterns Torwarttrainer zum Chefordner wird, ist das Fritz-Walter-Stadion von einem fünfzigtausendfachen Jubelschrei erfüllt worden. Kein Ereignis auf dem Rasen, auf dem sich zu dem Zeitpunkt der 1. FC Kaiserslautern mehr schlecht als recht mit der B-Elf des FC Augsburg abmüht, sondern ein Zwischenstand aus dem fernen Hamburg startet die Pfälzer Ekstase. St. Pauli liegt gegen Paderborn zurück, die »Radkappe«, jener noch recht neue Siegerpreis für den Zweitligameister, wird in die Pfalz wandern.

Jendriseks letzte Tat

Ab dann steigt die Stimmung minütlich. Im Stadion werden die Taschentücher gezückt, der scheidende Jendrisek erzielt in seiner letzten Amtshandlung im FCK-Dress in der 91. Minute den Ausgleich, per Stadiondurchsage wird der Meistertitel offiziell bekannt gegeben, Aida aus den Boxen, wilder Pogo auf dem Rasen, Marco Kurz ist der beste Mann, dann auch Stefan Kuntz, Landesvater Kurt Beck nicht, der knuffige SPD-Patron lässt sich nichtsdestotrotz bereitwillig zum Fernseh-Mikro führen. Es feiert ja, wie gesagt, die ganze Pfalz. Und dann, um kurz nach fünf, betritt ein Weltmeister das Grün.

Horst Eckel schreitet im blaugrünen Zwirn zur kurz vorher errichteten Bühne. Ein Name wie ein Ausrufezeichen hinter der glorreichen Vergangenheit dieses Klubs. Eckel, den Fritz Walter einst an Sohnes statt adoptierte, wird die Trophäe an die FCK-Co-Kapitäne Martin Amedick und Srdjan Lakic überreichen.

Schale zweiter Klasse

Es ist ein Titel, den es bis vor einem Jahr nicht gab, ein künstliches Produkt des durchgestylten Fußballs im 21. Jahrhundert, aber immerhin: Es ist ein Titel. Und als »We are the champions« durchs Rund wummert, da sieht sie von hoch oben auf der Tribüne ein ganz klein bisschen aus wie die richtige Salatschüssel, diese Schale zweiter Klasse, wie sie so in der Abendsonne glänzt. Man hätte sich vor einigen Monaten kaum ausmalen können, dass dieses Lied hier oben überhaupt noch einmal gespielt würde.

Zwei Stunden später, unten in der Stadt. Hunderttausende sind auf den Beinen, sie wollen »die Mannschaft sehen« und tun dies auch immer wieder lautstark kund. Allein: Sie kommt nicht, die Mannschaft. Sie kämpft sich noch motorisiert durch die Massen. Im Schneckentempo werden die zwei Kilometer vom Stadion zum Rathaus zurückgelegt. Sie ist jetzt proppenvoll, diese kleine Pfälzerstadt, voll mit feierwütigen Menschen. Auf Balkonen stehen sie, auf Straßen, Gehwegen, in Parks und Blumenbeeten. Selbst in der Kirche St. Martin in der Innenstadt hat Pfarrer Kaiser für die Abendmesse einen FCK-Schal auf dem Lesepult drapiert.

Manche Anhänger draußen vor den Kirchtoren haben Teufelsmasken auf, unzählige tragen das Aufstiegs-T-Shirt. »Mit Herzblut zurück«, ist da zu lesen. Anderen wiederum hat die Mischung aus Euphorie und Alkohol die dominierende Vereinsfarbe ins Gesicht getrieben. Stunden später wird ein Fan beim Versuch, die ihm entglittene Hose wieder in anständige Höhen zu ziehen, einfach umfallen, von der Schwerkraft überrascht. Die Kollateralschäden der stadtweiten Party.

»Wir wollen die Mannschaft sehen!«

Und dann kommt sie, die Mannschaft. Im Konvoi mit drei Doppeldeckerbussen, auf dem ersten die Spieler und der Trainer. Während Sturmtank Adam Nemec eine mäßig schicke Sonnenbrille mit Fußballrand trägt, hat sich Rechtsaußen Markus Steinhöfer hoch auf dem roten Wagen auf einmal in einen Sechsjährigen mit FCK-Trikot verwandelt. Vielleicht aber ist es auch ein Spielersohn, man weiß das schon nicht mehr so genau.

Etwas später erscheint die Mannschaft auf dem Balkon des Rathauses, um den Fans erneut die Schale zu präsentieren. Defensivchef Amedick stimmt einmal mehr seinen Lieblingsgesang an. »Eine Abwehr aus Granit...« Sehr passend, war es doch das steinharte Verteidigungsbollwerk der Lauterer um den Ex-Dortmunder, das den Titel sicherte.

Der blutrote Abendhimmel und das Weiß des 60er-Jahre-Turmbaus verschmelzen zu einer horizontumspannenden Vereinsfahne. Schon in wenigen Wochen wird das Grau in Grau des Bundesliga-Abstiegskampfs die Farbgebung dominieren. Doch wer wollte an diesem freudetrunkenen Abend daran denken?

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier rechtes Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder die Diskussion einen unschönen Ton annimmt, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen!