Wie Juden den Fußball prägten

Schlappekicker, Kafka und Hakoah

Ohne dass sie je verstummt wären, werden die antisemitischen Schmährufe aus den Kurven wieder lauter. In seiner Wut möchte man den Urhebern erwidern: Ohne die, die Ihr beleidigt, würdet Ihr vor einer leeren Wiese sitzen. Hakoah-Archiv „Hoppauf, Herr Jud, hoppauf!“
(Anfeuerungsrufe in Wien, 1920er-Jahre)

Was alles würde dem deutschen Fußball fehlen, hätte es keine Christen in Deutschland gegeben? „Gute Frage!“ Höre ich so manchen verlegen antworten, der um ein wenig Bedenkzeit buhlt. „Vielleicht hätte das neue Stadion von Schalke 04, die Gerstenbräu-Arena, keine so schmucke Kapelle mit integriertem Kaplan erhalten.“ Die Antwort ist nicht nur richtig, sie ist auch erschöpfend.

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Andererseits: Was alles würde dem deutschen Fußball fehlen, hätte es keine Juden in Deutschland gegeben? „So ziemlich alles“, wäre eine ziemlich richtige Antwort. Der deutsche Jude Walter Bensemann war 1900 maßgeblicher Mitbegründer und Namensgeber des Deutschen Fußball-Bundes DFB; 1920 gründete er die erste Fußballzeitung in Deutschland, den „kicker“, die noch heute einflussreichste Sportzeitung im Land. Der jüdische Kaufmann Kurt Landauer prägte ab 1913 als Präsident die Geschichte des FC Bayern München. 1932 gewann der heutige Rekord-Meister unter dem jüdischen Trainer Richard „Little“ Dombi die erste deutsche Meisterschaft.

Zehnfacher Torschütze Gottfried Fuchs


Endspiel-Gegner war die „Eintracht“ aus Frankfurt, deren Spieler „Schlappekicker“ gerufen wurden, weil sie bei der jüdischen Schuhfirma Schneider in Lohn und Brot standen. Man stellte in erster Linie „Schlappe“ her, also Hausschuhe, daher der hessische Spitzname, der noch heute Bestand hat. Gottfried Fuchs, jüdischer Stürmer des von Bensemann mitbegründeten Karlsruher FV, Deutscher Meister von 1910, ist bis heute der einsame Rekord-Torschütze der deutschen Fußball-Nationalmannschaft: Beim 16:0 gegen Russland während der Olympischen Spiele 1912 in Stockholm erzielte er 10 Treffer.

Die Erfolgsstory ließe sich fortsetzen, bis 1933. Hat man es den Juden je gedankt? Natürlich nicht, der deutsche Antisemitismus stand dagegen. Noch in den späten 80er-Jahren konnte ich von einem meiner Stehplatznachbarn im Stadion hören, wie er einen Spieler des FC Bayern mit dem Ruf „Du Keimchen!“ beschimpfte. Mir war der Ausdruck absolut fremd. Professor Dietz Bering aus Köln klärte mich auf: „Keimchen“ ist eine Verhöhnung des jüdischen Vornamens „Chaim“, der wiederum vom jiddischen Wort „chajim“ („die Lebenden“) abstammt. Also trug der FC Bayern München noch in den späten 80er-Jahren bei manchen Zuschauern das negative Image des „Judenclubs“. Fehlte noch, dass man, wie in Rotterdam noch heute zu hören, den Antisemitismus auf den Rängen durch Tausende von Zischlauten zum Ausdruck gebracht hätte, die an das ausströmende Gas in den Vernichtungslagern erinnern sollen.

Fußballfan Franz Kafka

Warum spielten Juden eine durchaus wichtige und bis heute wenig anerkannte Rolle im deutschen Fußballsport? Das kann man in Kürze nicht beantworten, aber einen guten Hinweis gibt Lars Claussen: Der Fußball des 20. Jahrhunderts, sagt Claussen, Soziologe in Hannover, versprach die Befreiung von der Ständegesellschaft, in der die Juden Unterprivilegierte waren. Vom Sport erhofften sie sich die Anerkennung des Leistungsprinzips und den daran gebundenen sozialen Aufstieg. Im Fußball herrscht eine erfreuliche Klarheit: Wer mehr Tore geschossen hat als der Gegner, ist der Sieger. Basta. „Gegenüber den endlosen Diskussionen, die das moderne Europa durchzogen, ob die Juden denn nun wirklich gleichberechtigt seien, sein sollten oder könnten, hatte die Entscheidung auf dem Platz etwas Befreiendes.“ (Lars Claussen)

Einer der bedeutendsten jüdischen Fußballvereine im ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts war Hakoah Wien, 1909 gegründet. Das hebräische Wort „Hakoah“ bedeutet „Kraft“. Friedrich Torberg, der Schriftsteller, war aktives Mitglied des Vereins, der unsportliche Franz Kafka sein glühender Anhänger. 1923 fegte Hakoah den englischen Cup-Sieger West Ham United daheim in London mit 5:0 vom Platz. Sensationell. Der erste Sieg Kontinentaleuropas im „Mutterland des Fußballs“. 1925 wurde man österreichischer Fußballmeister. Hakoah war spitze und sein Starspieler Béla Guttmann in aller Munde. „Hoppauf, Herr Jud, hoppauf“ hörte man anfeuernd die Massen von den Rängen im Wiener Prater rufen. Nicht nur der umgangsübliche „Saujud“ war verstummt, man hatte sogar das noble Wort „Herr“ vor den immer noch abwertenden Ausdruck „Jud“ gesetzt. Friedrich Torberg nannte das „einen wahrhaft großen Erfolg“ im antisemitischen Österreich. Kein anderer Sport, nur der Fußball habe diesen großen Erfolg bewirken können. – Und diese Hoffnung hegen wir bis heute: dass der Fußball Berge versetzen kann!

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