Wie israelische Fans einen Verein gründeten

Mein Katamon

Dilettantische Funktionäre führten den israelischen Klub Hapoel Jerusalem in den Abgrund. Bis die Fans auf ihre Weise reagierten: Sie gründeten ihren eigenen Klub. Wir begleiteten den Haufen Verrückter in die Wüste. Wie israelische Fans einen Verein gründetenMathias Ehlers Es gibt schönere Fußballplätze als dieses knochentrockene Grün in Tel Sheva, einem Beduinenstädtchen am Rande der Wüste Negev. Wirtlichkeit ist etwas anderes als dieser eingezäunte Acker inmitten einer Unmenge Sand. Es ist die Heimat von Hapoel Tel Sheva, dem führenden Klub der Stadt, der sich tapfer in der Fünftklassigkeit behauptet. Schwer fällt das nicht, denn ein Abstieg ist unmöglich. Tiefer geht es nicht, Tel Sheva befindet sich am unteren Ende der israelischen Fußballleiter.

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Für den heutigen Gegner ist dies Ende allerdings der Anfang, denn es steht das erste Pflichtspiel in der Vereinsgeschichte von Hapoel Katamon an. Einem Verein, dessen Schicksal in den Händen seiner Fans liegt. Im Falle Katamons ist dies ausnahmsweise keine pathostriefende Floskel aus dem Munde irgendeines Fußballvagabunden. Katamon gehört tatsächlich seinen Fans, sie haben den Klub gegründet, sie besitzen und verwalten ihn. Und darauf sind sie ziemlich stolz.  

Wirtlichkeit ist etwas anderes als dieser eingezäunte Acker

Die Katamon-Anhänger kennen sich schon lange, aus Zeiten, als sie noch gemeinsam einem anderen Klub unterstützten – Hapoel Jerusalem. Ein Klub, der nie sonderlich erfolgreich war und lediglich den 1973 gewonnenen Landespokal im Trophäenschrank unterbringen muss. Unbedeutend ist Hapoel Jerusalem trotzdem nicht, denn er bildete lange Zeit das weltanschauliche Gegengewicht zum weitaus erfolgreicheren Ortsrivalen Beitar, der als Verein der Nationalisten gilt. Arabische Spieler werden dort prinzipiell nicht verpflichtet. Im immens religiösen Jerusalem war Hapoel („Arbeiter“) hingegen stets der Klub der Weltoffenen und Linksintellektuellen, derjenigen, die eine friedliche Koexistenz von Juden und Arabern anstreben. Entsprechend aufgeladen waren die Derbys zwischen den Antipoden und das Spiegelbild innerisraelischer Konflikte. Doch lediglich der Name verbindet Hapoel Jerusalem noch mit dem Verein, der einst zu solch hitzigen Derbys antrat. Die stolze Geschichte wich einer tristen Gegenwart, die Zuschauerzahlen sind mau. Nur einige Hundert Anhänger lassen sich noch im schicken Teddy-Kollek-Stadion blicken.  

Ein Niedergang, der mit der Übernahme des Vereins durch Yossi Sassi und Victor Yona - gerne als »Sassiyona« verspottet - Anfang der Neunziger begann.  Mit der Führung eines Fußballklubs zeigten sie sich überfordert, brauchbare Spieler wurden unter Wert verscherbelt, untaugliche Kicker geholt. Schulden wurden angehäuft und die chronischen persönlichen Auseinandersetzungen der Eigner zum längst nicht mehr lustigen Running Gag. Der Klub ging den Bach runter und bestieg den Fahrstuhl zwischen den Ligen. 2007 stieg Hapoel in die dritte Liga ab und die Fans hatten endgültig genug von der Dilettanz der Besitzer.

Ein Niedergang mit »Sassiyona«

Für den Journalisten und Hapoel-Fan Uri Sheratzky war diese Situation der Anstoss, eine Fan-Initiative ins Leben zu rufen. Seine simple Idee: Geld sammeln, um Hapoel zu kaufen und als basisdemokratischen Verein im Sinne der Fans zu führen. In Form von Aktien zum Stückpreis von 1000 Schekel wollte Sheratzky eine  Million Schekel (rund 170.000 Euro) zusammentragen,  um den ruinierten Verein zu erwerben. Die Idee stieß auf Begeisterung, rund 700 Aktionäre fanden sich, den Rest steuerte die lokale Wirtschaft bei. Doch Sassi und Yona, die ihren ständigen Konflikt so oft leidenschaftlich medial und juristisch austrugen, zeigten ungeahnte Einigkeit: Sie wollten Hapoel nicht verkaufen.

Plan B musste her. Sheratzky ging auf den Verein Hapoel Mevasseret Zion/Abu Ghosh zu. Ein sehr besonderer Verein, gegründet von Alon Liel, einst Botschafter Israels in Südafrika. Als solcher in Diplomatie geübt, plante er 2004 ein kühnes Projekt: die Fusion eines arabischen und eines jüdischen Klubs. Mit den Teams der Jerusalemer Vororte Mevasseret Zion (jüdisch) und Abu Ghosh (arabisch) setzte er seine Vision um und gleichzeitig ein (sport-)politisches Ausrufezeichen. Trotz anfänglicher Misstöne fand der neue Klub Rückhalt und Akzeptanz in der Gesellschaft, nicht zuletzt wegen Liels diplomatischen Geschicks. In diesem, eher politisch denn sportlich ambitioniertem Verein sah Sheratzky einen passenden Partner und stieß ob der hervorragenden Konstellation - Geld sucht Klub – auf offene Ohren.

Der »Do-it-yourself-Klub«

Mit dem gesammelten Geld stiegen die heimatlosen Fans bei Mevasseret Zion/Abu Ghosh ein, tilgten dessen Schulden und fügten dem ohnehin schon sperrigen Vereinsnamen ein »Katamon« hinzu. Ein Reminiszenz an die Geschichte Hapoel Jerusalems, dessen Wurzeln im Stattteil Katamon liegen. Um den überlangen Vereinsnamen zu umgehen, sprach schnell jeder nur noch von Hapoel Katamon. Ein Klub mit weitreichendem Mitspracherecht der Fans und vor allem ein Klub, der friedliches Zusammenleben von Juden und Arabern demonstrieren soll.   Der Zulauf war enorm, 3.000 Fans erschienen zum ersten Spiel des Viertligisten. Verbunden im optimistischen Idealismus, den man von anderen »Do-it-yourself-Teams«, jenen aus Wimbledon, Manchester oder Salzburg,  kennt. Eine Kulisse, deren Größe so mancher Erstligist neidet und Katamon dazu zwang, schon nach wenigen Wochen ins Teddy-Kollek-Stadion umzuziehen. Der Sportplatz in Mevasseret erwies sich schlicht als zu klein. Als »das wahre Hapoel Jerusalem« bezeichnete Sheratzky deshalb das so erfolgreich gestartete Projekt. Angesichts der mageren Zuschauerzahlen bei „Sassiyonas“ Klub nicht ganz zu Unrecht.  

Katamon wurde zum Liebling der Medien und zog weltweit wohlwollende Berichterstattung auf  sich. Eine Fan-Autonomie im sonst von so vielen ebenso profilneurotischen, wie steinreichen Vereinsbesitzern gelenkten israelischen Fußball – das wusste zu begeistern. Auf zwei Jahre wurde das Projekt angelegt, mit der Option auf Verlängerung. So sich denn sportlicher Erfolg einstellt. Doch beide Male wurde der Aufstieg vergeigt und in Mevasseret wuchs der Unmut. Der überbordende Katamon-Hype ließ die eigene Idee eines jüdisch-arbabischen Teams in Vergessenheit geraten. Sie wollten wieder nach Mevasseret zurück und im Kleinen weiterwerkeln. Im Sommer 2009 trennten sich deshalb die Wege der Fusionspartner und die einstigen Fans von Hapoel Jerusalem standen wieder dort, wo sie sich bereits zwei Jahre zuvor befanden. Diejenigen, die noch nicht von Ethusiamus verlassen waren, entschlossen sich daraufhin, ganz unten anzufangen. Sie gründeten den Hapoel Katamon FC. Ein komplett neuer Verein, ohne die Zwänge, die eine Fusion mit sich bringt. Keine Kompromisse also, aber dafür fünfte Liga. Als das erste Pflichtspiel nach Tel Sheva ruft, finden sich knapp 50 Unentwegte. Genug für eine Busladung.

Ein Deutscher in der Wüste – die Ultras sind geschmeichelt

Eine Reise ins Ungewisse und ich mittendrin. Katamons Ultras sind geschmeichelt, dass ihr Debüt deutschen Besuch anlockt und zeigen sich von ihrer gastfreundlichsten Seite. Ich solle nichts erwarten, wird mir geraten und erbärmlicher Sport vorausgesagt. Viel mehr wissen auch sie nicht. Um nicht gänzlich unvorbereitet zu sein, werden im Bus Zettel mit dem aktuellen Kader verteilt. Ein lang ersehntes Highlight unterbricht das Studium der Spielernamen – die ersten Fanartikel gehen rum. Eifrig wird das aktuelle Trikot erworben. Schön ist es nicht, aber groß der Stolz der Hapoel-Fans, es endlich in den Händen zu halten. Als der Bus in Tel Sheva ankommt, ist das Gelächter groß. Einen solchen Platz sehen auch israelische Fans nicht oft. Ein bisschen Grün umgeben von nichts als Sand. Auf der einen Düne die Heimfans, auf der anderen der, nun ja, Gästeblock. Ein Kassenhäuschen gibt es nicht – Eintritt frei. Ein riesiger Zaun umschließt das Spielfeld. Immerhin ist die Polizei präsent, doch nicht, um auf die Fans aufzupassen, wird mir erklärt. Sie sollen der Sicherheit des Schiedsrichters gewährleisten, verhindern, dass sich Spieler und Betreuer wegen unliebsamer Entscheidungen auf ihn stürzen. 

Was mir prophezeit wurde, tritt ein. Erbärmlicher Sport. Fehlpässe, falsche Einwürfe, schlecht getimte Grätschen. Slapstick. Das schockiert selbst die Katamon-Fans, rechneten sie doch mit einem Kantersieg und müssen nun mit ansehen, wie schlecht ihr zusammen gewürfeltes Team eigentlich ist. Ernüchterung kehrt ein. Ihre Laune bessert sich erst, als ein einheimisches Kind den Platz auf einem Esel umrundet. Die Großstädter lachen sich schlapp. Auch für sie entpuppt sich der Trip als Reise in eine andere Welt, denn Tel Sheva gilt als eine der ärmsten Städte Israels. Der Halbzeitpfiff ist der erste Höhepunkt des Spiels. Von der Wüstenhitze und dem sandigen Wind genervt, zieht der Treck zur naheliegenden Tankstelle; Eis und Wasser statt Bier und Bratwurst. Mit der Erkenntnis, dass das Spiel gar nicht weiter verflachen kann, gehe ich in die zweite Hälfte. Um sich die Zeit zu vertreiben, löchern mich Katamon-Fans mit Fragen zum deutschen Fußball. Sie scheinen außerordentlich gut informiert und diskutieren mit mir über die 50+1-Regel. Nie hätte ich erwartet, in der israelischen Wüste mit diesem leidigen Thema konfrontiert zu werden.

Heimfans auf der Gegen-TriDüne

Inständig hoffen sie, dass es Investoren in Deutschland unmöglich bleibt, Vereine komplett zu übernehmen. Auch wenn ich entgegne, dass es per Mäzenatentum schon immer möglich war, Klubs mehr oder minder willkürlich zu führen, kann das ihre Begeisterung für deutsche Fußballkultur nicht schmälern. Die gesellschaftliche Bedeutung des Spiels, die prächtigen Stadien und der – im Vergleich zu Israel  – große Einfluss der Fans hierzulande fasziniert sie. Mich hingegen fasziniert dieser maue Kick in der Wüste. Vor allem die Begeisterung, mit der dieses hilflose Gestolpere begleitet wird. Ein ungeahnter Geniestreich entscheidet das Spiel. Mit einem Knaller in den Winkel geht Tel Sheva in Führung. Ein Tor, dass man nicht vielen Spielern in der Welt zutrauen würde, schon gar nicht einem der 22 Akteure auf diesem Acker.

Auf der gegenüberliegenden Düne wird ekstatisch gehupt. Die Heimfans schauen das Spiel aus ihren Autos heraus. Zu heiß ist es, um auf die Klimaanlage verzichten zu wollen. Kurz darauf hupt es wieder. Mit einem erfolgreich abgeschlossenen Konter macht Tel Sheva den Sack endgültig zu und versetzt Katamon schon im ersten Spiel einen heftigen Dämpfer.

Die Fans sind enttäuscht, aber nicht entmutigt. Denn den Stolz auf den Verein, der wirklich ihrer ist, kann ihnen niemand nehmen.    

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