Wie im deutschen Fußball gemobbt wird

Abwürfe mit dem Medizinball

Es ist eines der großen Tabuthemen des deutschen Fußballs: Mobbing. Denn auch in den Bundesligen werden unerwünschte Fußballer dem Psychoterror ihrer Trainer ausgesetzt, werden Spieler mit unwürdigen Trainingsmaßnahmen aus ihrem Vertrag geekelt. Wie im deutschen Fußball gemobbt wird

»Du würdest im nächsten Spiel nicht mal dann spielen, wenn das Flugzeug von Real Madrid abstürzt und du als einziger zu Hause säßest.« Diesen Satz soll José Mourinho, Trainer von Real Madrid, seinem Spieler Pedro Leon gesagt haben. Er werde ihn so hart trainieren lassen, so Mourinho, dass Leon lernen werde »Fußball zu hassen«. Das sind keine deftigen Fußballer-Sprüche mehr, das ist gezieltes Mobbing. Nicht das erste Mal, dass Mourinho durch solche Maßnahmen negativ auffiel: Bereits in der Saisonvorbereitung hatte der Coach drei Spielern verboten, das Training zu absolvieren, ihnen sogar Bälle für die Aufwärmübungen verweigerte. Das spanische Arbeitsministerium schaltete sich ein, doch davon hat sich Mourinho – siehe Leon – ganz offensichtlich nicht beeindrucken lassen.

[ad]

Ein anderes, noch krasseres Beispiel des Fußballer-Mobbings, nennt der britische Autor Simon Kuper in seiner Reportage »Schwarzbuch der Bösewichte« für die aktuelle Ausgabe von 11FREUNDE. Der Fall von Nikola Nikezic, einem mazedonischen Profi, den muskelbepackte Schläger seines russischen Klubs Kuban Krasnodar grün und blau prügelten, damit der seinen Vertrag vorzeitig auflöste, erschütterte die Fußball-Welt. Nur weil Nikezic seine Verletzungen per Digitalkamera dokumentierte und den Mut hatte, seinen Fall der Fifpro, der internationalen Spielergewerkschaft, zu melden, erfuhr die Öffentlichkeit überhaupt von diesem besonders perversen Fall des Mobbings.

»Ich spreche kein Wort Französisch – was soll ich da?«

Pedro Leon und Nikola Nikezic – zwei Fußballer, die ihr Geld im Ausland verdienen. Wie aber steht es um die Gefahr des Mobbings im deutschen Fußball? Erst vor wenigen Wochen fiel der nicht ohne Grund als »Quälix« bekannte Wolfsburg-Trainer Felix Magath mit einer besonders kuriosen Maßnahme gegen seinen Spieler Patrick Helmes auf. Magath, so der Vorwurf, habe Helmes kurz vor Ablauf der Transferperiode Ende August zu einem Wechsel zum französischen Erstligisten AS St. Etienne drängen wollen. Dessen Berater Gerd von Bruch äußerte sich dazu im Kölner Stadt-Anzeiger: »Patrick sollte sofort (mit dem Hotel-Aufzug) runterfahren, sich medizinisch untersuchen lassen und unterschreiben, er hat die Welt nicht mehr verstanden. Er sagte mir: ›Ich spreche doch kein Wort Französisch, was soll ich da?‹ Wenn man einen Spieler vom Hof jagen will und dann noch bestimmen will, zu welchem Verein er genau gehen muss, dann hört der Spaß auf. Da ist der Punkt gekommen, wo ich ihn als Berater schützen muss. Das ist pure Willkür.« Helmes blieb, kurze Zeit später verdonnerte ihn sein Trainer zu 10.000 Euro Strafe wegen »Nichteinhaltung der Taktik« und ließ Helmes sieben Tage lang alleine trainieren. Helmes' Berater von Bruch sprach offen von »Mobbing«.



Ein Sonder- , aber kein Einzelfall. Zwar ist der deutsche Fußball weit entfernt davon, seine Spieler mit körperlicher Gewalt aus Verträgen rauszuprügeln und auch ein José Mourinho würde mit seinen menschenverachtenden Maßnahmen hierzulande mehr Probleme bekommen, als nur den Trainingsbesuch von Regierungsbeamten. Aber das Problem ist auch in Deutschland vorhanden. Dass es für die breite Öffentlichkeit größtenteils unsichtbar ist, macht es nur perfider. Ulf Baranowsky von der Spielergewerkschaft VDV hat schon häufiger Kontakt mit Profi-Fußballern gehabt, die in ihren Vereinen gemobbt werden. Er sagt: »Besonders hinter verschlossenen Türen berichten Profis auch immer wieder über Respektlosigkeiten, ungerechte Bestrafungen, Wegekelversuchen und teilweise auch über gezieltes Mobbing durch Trainer oder Sportdirektoren. In diesem Zusammenhang fallen häufig dieselben Namen von Personen, die auch in der Öffentlichkeit nicht in dem Ruf stehen, ehrenwerte und zugängliche Führungspersönlichkeiten zu sein.«

Suspendierung wegen Ramadan

In ihren Maßnahmen gegenüber ungeliebten Fußballern sind die Täter erstaunlich kreativ. Baranowsky berichtet vom Fall eines Torhüters, den sein Trainer bis zur Erschöpfung lange Abwürfe mit dem Medizinball üben ließ. Ein anderer Fußballer musste eine hohe Geldstrafe zahlen, weil er nach dem Spiel nur mit einem Handtuch bekleidet in der Kabinentür gestanden hatte. Nicht selten dürfen Spieler nicht mit aufs Mannschaftsfoto oder erhalten keine Trainingskleidung. »Einige Klubs haben darüber hinaus auch schon Geldstrafen, Abmahnungen und Suspendierungen für angebliches Fehlverhalten im Privatleben ausgesprochen, beispielsweise weil Spieler islamischen Glaubens im Ramadan gefastet haben«, so Baranowsky.

Dass Täter für solche Maßnahmen bestraft werden, ist höchst selten. Häufig geben Spieler dem psychischen Druck des Mobbings nach und verlassen den Klub. Andere schreiben die Maßnahmen von Seiten der sportlich Verantwortlichen dem im Leistungssport üblichen »Druck« zu und versuchen, sich mit mit der Situation zu arrangieren. Wer sich doch dazu überwindet und seine Probleme der Gewerkschaft meldet, dem rät VDV-Justitiar Dr. Frank Rybak: »Zunächst ist es ratsam, ein Mobbingtagebuch zu führen, in dem alle Mobbinghandlungen konkret festgehalten werden. Aus der Gesamtschau der Maßnahmen ist dann nämlich erkennbar, ob es sich tatsächlich um Mobbing handelt.« Allerdings: »Es bringt in der Regel nichts, den Mobbinginitiator allein zur Rede zu stellen.« Wo Mobbing beginnt, hilft auch ein klärendes Gespräch unter vier Augen nicht mehr viel.

Mobbing ist – isoliert betrachtet – keine Straftat

Doch selbst wenn die Gewerkschaft oder die breite Öffentlichkeit von einem speziellen Fall des Mobbings erfährt, kann eine Bestrafung des Täters lange auf sich warten lassen. »Isoliert betrachtet«, so Frank Rybak, »ist Mobbing keine Straftat.« Erst wenn das Mobbing den Charakter einer Körperverletzung, wie zum Beispiel psychische Schädigungen, einnimmt, kann der Täter auch strafrechtlich belangt werden. Ein umständlicher und langwidriger Prozess, der den ohnehin angeschlagenen Opfern sehr viel Kraft und Energie kostet.

Mobbing ist und bleibt ein Tabuthema, auch und vor allem im deutschen Fußball. Und so lange Sätze wie die von José Mourinho irgendwann im Trubel des täglichen Geschäfts verhallen, und Maßnahmen wie die von Felix Magath schnell vergessen sind, wird sich daran nicht viel ändern.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!