Wie Iker Casillas zum Teilzeitprofi wurde

Heiliger a.D.

Iker Casillas ist Fußballtorwart und Fußballheiliger. Dabei darf der 32-Jährige nur noch in den Cup-Wettbewerben spielen. Wenn es schlecht läuft, bestreitet er heute seine letzte Partie für Real Madrid.

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Auch große Karrieren verpuffen manchmal im Nichts. Vielleicht liegt es daran, dass man sie klar umreißen und in schnöden Parametern wie Jahren oder Erfolgen messen kann. Sie kommen allerdings ohne Fußnoten aus, sie weisen keine Links, keine Referenzen auf, und sie laufen so dahin, von Meisterschaft zu Meisterschaft, bis sie eines einfach Tages vorbei sind. 
 
Bei Iker Casillas ist das anders, und das liegt nicht nur an den zahlreichen Titeln, die der Torwart gewonnen hat. Casillas Laufbahn weist so viele Knotenpunkte auf, dass man von ihm ausgehend die riesige und komplexe Geschichte des modernen Fußballs erzählen könnte.

Von Casillas zu Illgner und den Eisen-Dieters
 
Iker Casillas war Teil der Galaktischen, als zu Beginn des turbokapitalistischen und wahnwitzigen Fußballzeitalters bei Real Madrid Luis Figo, David Beckham, Ronaldo oder Zinedine Zidane nebeneinander aufliefen. Casillas hat mit der spanischen Fußballnationalmannschaft einen Fußball neu erfunden, bei dem der Gegner sich über einige Jahre fragte, wie er überhaupt noch mal an den Ball kommen sollte.
 
Doch Casillas ist auch einer, der die direkte Verbindung zur Generation der Oberlippenbärte und Vokuhilas bildet. 1999 löste er Bodo Illgner bei Real Madrid. Bodo Illgner! Der Torhüter, mit dem Deutschland 1990 Weltmeister wurde. 1990! Als es kein Internet gab, in einigen Haushalten noch schwarz-weiße TV-Bilder durchs Wohnzimmer flimmerten und Verteidiger mit Spitznamen wie »Eisen-Dieter« oder »Die Axt« das Feld umpflügten.
 
Casillas hat Bernd Schuster als Trainer erlebt. Und sogar den jähzornigen Waliser John Toshack, einen Coach, der heute wie aus einer anderen Epoche erscheint. Er hat Raul in seinen goldenen Jahren erlebt und das Karriereende von Manolo Sanchís, der Ende der siebziger Jahre bei Real Madrid angeheuert hatte.
 
Und er hat die wirklich dunklen Seiten von José Mourinho erlebt. Im Frühjahr bootete der Trainer ihn aus, weil er angeblich der Maulwurf im Team sei, der stets Interna an die Presse weitergab. Iker Casillas ging es sehr schlecht in jenen Tagen. Manchmal, erzählte seine Verlobte Sara Carbonero einmal, sei er abends nach Hause gekommen und habe geweint und immer wieder gefragt, was denn nur los sei. Das war im Frühjahr 2013. Wenige Monate zuvor, im Spiel gegen den FC Valencia, hatte sich Casillas die Hand gebrochen, doch eigentlich hätte nie jemand daran gezweifelt, dass er nach seiner Genesung wieder ins Tor zurückkehren würde.

Die Erfolge des Casillas
 
Iker Casillas ist spanischer Rekord-Nationalspieler und der Torwart mit den meisten Champions-League-Einsätzen. Er hat zweimal die Champions-League gewonnen, zweimal die Europameisterschaft und  einmal die Weltmeisterschaft. Sie nennen ihn in Madrid »San Iker«, den Heiligen Iker, denn er kann Schüsse parieren, bei denen andere Torhüter sich erst bewegen, wenn der Stürmer den Ball aus dem Tor zum Anstoßkreis trägt. Er kann sich strecken und reflexartig bewegen wie eine Katze. Gegen Arjen Robben im WM-Endspiel 2010 tat er das zum Beispiel. Gegen Irland in WM-Achtelfinale 2002. Gegen Bayer Leverkusen im Champions-League-Finale 2002, als er für César Sánchez eingewechselt wurde. In seinem Geburtsort Móstoles ist eine Straße nach ihm benannt.
 
Doch das war in jenen Wochen im Frühjahr 2013 egal, denn  José Mourinho beschied, dass Iker Casillas nicht mehr für Real Madrid spielen sollte. Und mehr noch: Der Trainer wollte den Torhüter demontieren. Zunächst verpflichtete er Sevillas Ersatztorwart Diego López und ließ ihn dann in Liga, Champions League und Pokal durchspielen. Der heilige Iker, der nie laut aufmuckt hatte, der nach dem WM-Sieg 2010 vor laufenden Kameras seine Verlobte, eine TV-Reporterin, geküsst und den professionellen Fußball für einen Sekundenbruchteil von Geld- und Medienmaschinen gelöst hatte – dieser Casillas saß nun erst einmal still auf der Bank, während sein Coach in Mikrofone auf und neben dem Platz eine Kultur des Bellens zu etablieren versuchte.

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