16.04.2012

Wie ich mit dem HSV einmal beinahe abstieg

... und Gotthilf Fischer das verhinderte

Wo war ich da nur hineingeraten? Die Mützen, Kutten und Schals der schlecht gelaunten Männer in der Westkurve verrieten doch, dass der HSV einst ein ziemlich erfolgreicher Klub gewesen war. Da prangten Slogans wie »Die Macht von der Elbe«, »Meister 1979« oder »Europapokalsieger 1983«.  Und nun das: In der Saison, in der ich erstmals alle Heimspiele des HSV besuchte, krebste das Team im Tabellenkeller umher. Am 29. Spieltag rutschte sie auf Rang 17 ab. Dahinter der FC Homburg. Dahinter der Abgrund, Hessen Kassel, der SV Meppen, die Stuttgarter Kickers. Endzeitatmosphäre.

Es war eine absurde Saison. International spielte der HSV groß auf, im Uefa-Cup erreichte die Mannschaft das Viertefinale und gewann dabei gegen den FC Porto und Real Saragossa, auswärts gar gegen Juventus Turin. Den 2:1-Siegtreffer im Stadio delle Alpi schoss ein Mann namens Alexander Merkle. Andere Spieler jener Saison: Jens-Peter Fischer, Oliver Geier, Ralph Jester, Holger Ballwanz, Detlev Dammeier oder Oliver Bierhoff. Als wollten die HSV-Verantwortlichen dem Biedertum entfliehen, verpflichteten sie im Winter 1989 einen neuen Stürmer aus Brasilien. Sein Name: Fernando Pereira de Pinho Junior, kurz: Nando. Das klang nach großem Copacabana-Fußballzauber. Es passte zur Sasion, dass sich selbst dieser entpuppte als der Hans-Jürgen Schmidt Brasiliens entpuppte.

Bei Bundesligaspielen sahen wir Betonfußball in einer Betonlandschaft. Taktik, Technik, Fans, Spieler, Stadion – alles aus Beton. Selbst die Wurst in der Halbzeit schmeckte zementartig. Wir sahen ein mühsames 1:0 gegen Düsseldorf, ein 0:1 gegen Leverkusen, ein 0:2 gegen Köln, ein 0:3 gegen den FC Bayern. Manchmal kamen 9000 Zuschauer, dann wieder 19.000. Der Betonmischer Volksparkstadion schluckte sie alle.

1:4-Ohrfeige gegen den VfL Bochum

Es war Zeit zu handeln. Der HSV war schließlich noch nie abgestiegen. Zunächst trat Henning Voscherau, Hamburgs Erster Bürgermeister, auf den Plan. Er schrieb im Frühjahr 1990 einen Artikel in der Bild. Überschrift: »Der HSV braucht uns jetzt!« Ja, schrien wir, ja! Und so fuhren zum nächsten Spiel, und zum nächsten, und zum nächsten. Im Ohr stets die Stimme des Bürgermeisters: Der HSV braucht uns jetzt! Doch schon eine Woche später setzte es eine 1:4-Ohrfeige gegen den VfL Bochum, Michael Rzehaczek zerlegte den HSV fast im Alleingang.

Der HSV braucht uns jetzt! Doch wo waren all die Leute? Es kamen 11.000 Zuschauer gegen Bayer Uerdingen. Der Auswärtsblock blieb komplett leer. Was hatten sie denn am Samstagnachmittag um 15:30 Uhr zu tun? Pflegten sie ihre Reptiliensammlung? Machten sie Ausflüge in die Lüneburger Heide? Konnte sich denn niemand für Beton begeistern?

Die Betonhandpeitsche eines Betongesichts 

Immerhin war Voscheraus Appell zum Musiker Gotthilf Fischer vorgedrungen. Der Leiter der Fischer Chöre stand eines Tages vor der Westkurve. Um ihn herum eine riesige Schar an Balletteusen, die sich wie Antilopen übers Glatteis bewegten. Die Vorhölle des heutigen Eventfußballs. Fischer intonierte dabei für einen ominösen Werbepartner den Schneewalzer und »Mein Vater war ein Wandersmann«. Zunächst: Ruhe. Dann: Pfiffe. Schließlich: Bierbecher. Die Betongesichter aus Block E tobten (»Der singt ja schlimmer, als meine Oma furzt!«), die Fans auf den Tribünen schmissen Knackfrösche, die vor dem Spiel als Werbemittel verteilt wurden. Den fidelen Fischer störte das wenig, er sang ausdauernd und inbrünstig weiter. Und er rief: »Der HSV braucht uns jetzt!« Ja, sagten wir, der HSV braucht uns jetzt! Doch da peitschte schon die Betonhand eines Betongesichts in meinen Nacken.

Der HSV erkämpfte sich anschließend ein 1:1 gegen Borussia Dortmund. Beim nächsten Spiel stolperte Fischer wieder auf den Rasen, dieses Mal etwas weiter von der Westkurve entfernt. Das Mikrofon rückkoppelte, die Boxen ächzten, der Klangmus erreichte mit großer Mühe die Westkurve. »Faleri, falera, faleri, Falera ha ha ha ha ha ha Faleri, falera, und schwenke meinen Hut.« Um uns herum die ewigen Betongesichter, die ewigen Schimpftiraden, und schließlich wieder Bierbecher. Doch die Männer beruhigten sich, denn der HSV gewann 3:0 gegen Borussia Mönchengladbach.

»Hei-di, hei-da, hei-di, hei-da! Und schwenke meinen Hut.« 

Und so ging es weiter: Fischer sang, der HSV gewann. Beim nächsten Heimspiel gegen den KSC. Und als Jan Furtok am letzten Spieltag in der 88. Minute zum erlösenden 1:0 gegen Waldhof Mannheim traf, lachten die Betongesichter. Sie schmissen Bierbecher, aber dieses Mal geschah dies aus Freude. Am Ende winkte Gotthilf Fischer ihnen zu, die Betongesichter grüßten zurück. Und wir sangen: »Hei-di, hei-da, hei-di, hei-da! Und schwenke meinen Hut.« Der HSV stand auf Platz 11, zwei Punkte vor einem Relegationsplatz. Es war ein großartiger Sommer.

Und es wurde eine großartige nächste Saison, denn Thomas Doll brillierte im Mittelfeld, Jan Furtok machte 20 Buden und sogar Nando traf gelegentlich. Der HSV wurde am Ende Fünfter. Nur Gotthilf Fischer kam nicht wieder, dafür traten manchmal Truckstop oder Right Said Fred auf. Bald turnte auch ein Maskottchen über die Tartanbahn. Eine Hummel. Manchmal verlor sie ein wenig Luft und sank vor der Ostkurve in sich zusammen. Es sah traurig aus. Doch das war egal, denn wir wussten – in unseren wohltemperierten Kinder- und Jugendzimmern, zwischen Postern von Jason Donavan und Guns 'n' Roses, auf dem Pausenhof mit der ersten Zigarette im Mundwinkel, beim Fahrradausflug in die Lüneburger Heide – wir wussten überall dort, wo wir waren: Der HSV braucht uns.

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