Wie ich der Beckenbauer des Ostens werden sollte

Nur ein Kinderzimmerfußballer

Der Vater unseres Autors hatte einen Traum: Sein Sohn sollte der Franz Beckenbauer des Ostens werden! Also tat er, was ein Vater tun muss: Und schoss seinem Sohn Bälle ins Gesicht. Erinnerungen an eine kurze Karriere.

Privat

Fußballprofi sollte ich werden. Das war der Wunsch meines Vaters und irgendwann auch mein eigener. Geschafft habe ich es lediglich bis zum »Kinderzimmerfußballer«, wie mich mein alter Sportlehrer, Herr Fischer, einmal höhnisch nannte. Doch der Reihe nach.

Mit sechs Jahren nahm ich das Training auf. Zu meiner Einschulung, 1983, 
bekam ich meine ersten »Töppen« geschenkt, ein tschechisches Fabrikat mit Gummi-Noppen. An die Stelle des von mir sehr geschätzten Hinterhofs unseres Neubaugebietes mit seinen Verstecken, Winkeln und Geheimnissen trat nun die Tristesse und Leere des Bolzplatzes, den ich zwei- bis dreimal in der Woche aufsuchte. Ich gewöhnte mich an die Regelmäßigkeit des Trainings und konnte mir bald nichts anderes mehr vorstellen, als Fußball zu spielen und Fußball im Fernsehen zu schauen. Selbst in meiner Freizeit spielte ich hinter unserer Schule Fußball.

Unser Trainer rauchte wie ein Schlot und stank nach Alkohol

Der Trainer unserer Mannschaft hieß Herr Eufe und war ein durch und durch ehrgeiziger Mann, besonders was seine Laster anging. Er rauchte wie ein Schlot und hatte zu den Punktspielen Samstagvormittag nicht selten eine strenge Alkoholfahne. Diese Eigenschaften vertrugen sich durchaus mit unserem Vereinsnamen: Empor Tabak Dresden. Wir waren, wenn man so will, die drittbeste Adresse in Sachen Fußball, damals Mitte der Achtzigerjahre in Dresden. An zweiter Stelle stand Dynamo Heide und an vorderster Front natürlich Dynamo Dresden.

Eine Arbeitskollegin meiner Mutter war verheiratet mit einem Stürmer, der 
Ende der siebziger Jahre für Dynamo Dresden einige Tore schoss, aber ansonsten fast immer verletzt war und schon damals, als ich ihn kennenlernte, seine Karriere an den Nagel gehangen hatte: Frank Richter. Dieser Frank Richter wurde nun zu meinem Vorbild.

Ich musste um den Häuserblock rennen, wie es Frank Richter in seiner Jugend getan hatte. Ich musste den Ball jonglieren können, wie Frank Richter. Frank Richter fuhr sogar mit uns in den Urlaub nach Ungarn. Von meinen fußballerischen Fähigkeiten nahm er gar nichts, nur wenn mein Vater ihn explizit darauf hinwies, etwas war.

Beim Probetraining im Stasiklub fiel ich durch

Schließlich konnte mein Vater Frank Richter doch davon überzeugen, ein Probetraining beim Stasiclub Dynamo Heide zu arrangieren, welches ich kurze Zeit später absolvierte, aber leider nicht bestehen konnte. Getestet wurde ich von einem Herrn Baron, der später Trainer des Oberligisten FV Dresden Nord wurde, dem Nachfolgeclub von Dynamo Heide.

(»Jonglieren wie Frank Richter« – der Autor beim heldenhaften Versuch, den Erwartungen seines Vaters gerecht zu werden)

frank

Mein Vater gab nicht auf. Ihm wurde bewusst, dass es mir im Vergleich mit Gleichaltrigen an Kraft und Durchsetzungsvermögen fehlte. Nun stieß ich zu meinem zweiten Vorbild jener Tage: Franz Beckenbauer. Mein Vater hatte irgendwo gelesen, dass Franz Beckenbauer einen jugoslawischen Trainer hatte, der ihn zwang, viel zu essen. Ob das stimmt, weiß ich bis heute nicht, damals glaubte ich es jedenfalls.

»Beckenbauer hat das auch ausgehalten!«

Von nun an bekam ich mittags immer zwei Portionen. Ich gab mein bestes, aber kräftiger wurde ich davon nicht. Die zweite Beckenbauer-Lektion bestand darin, die Angst vor dem Ball zu verlieren, die bei mir zweifellos vorhanden war. »Franz Beckenbauer hat das ausgehalten und Du kannst das auch«, sagte mein Vater, bevor er aus drei Metern Entfernung den Ball in Richtung meines Körper wummerte und ich die Hände nicht zu Hilfe nehmen durfte, um abzuwehren.

In den folgenden Jahren spielte ich immer besser, aber nie richtig gut. Es reichte im Grunde nur für Empor Tabak. Dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf und träumte von einer Karriere bei Dynamo Dresden. Während meine Altersgenossen begannen, sich für das andere Geschlecht zu interessieren, interessierte mich immer nur die nächste Mannschaft, mit der wir es zu tun hatten.

Ich führte ein ausführliches Spielertagebuch, in dem ich Punkte und Tore, Siege und Niederlagen eintrug.

Mein damaliger Sportlehrer kannte meine Pläne. Da er mich nicht leiden konnte, machte er mich einmal vor der gesamten Klasse in der Sportstunde runter. Ich sei ein Kinderzimmerfußballer, sagte er. Und dass ich vom großen Stadion träumen würde, vom Elfmeter in der 90. Minute, den ich dann verwandle. Ganz unrecht hatte er damit nicht, aber so ist es nun mal in diesem Alter. Jedenfalls gefiel das Wort »Kinderzimmerfußballer« einigen aus meiner Klasse ziemlich gut, so dass ich es noch eine Weile zu hören bekam.

Nach der Wende verlor mein Vater das Interesse an Fußball

Als ich 13 Jahre alt war kam dann die politische Wende und Deutschland wurde wiedervereinigt. Mein Vater verlor das Interesse an meiner Karriere als Fußballer. Es sagte, jetzt könne man bald so oder so in den Westen reisen, dafür braucht man kein Fußballer zu sein. Und gutes Geld sei auch anders zu verdienen. Er sah wohl ein, dass es bei mir nichts werden würde. Nun war meine kleine Schwester an der Reihe. Mein Vater kaufte ihr zum 12. Geburtstag einen Tennisschläger...

(»Von der Seitenlinie aus uns halb taub geschrien, konnten unsere Väter beim beliebten Spiel `Väter gegen Söhne` zum Saisonabschluss zeigen, was sie selbst so drauf hatten. Nicht viel...« – der Autor in der 2. Reihe, hockend, dritter von links)


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