Wie ich das Sommermärchen 2006 zerstörte

Scheiß Schmetterling

Die WM 2006 war ein einziger Traum. Die Menschen hierzulande lagen sich glückselig in den Armen und erkannten sich selbst nicht wieder. Doch dann kam Dortmund. Dann kam Italien. Dann kam unser Autor Benjamin Kuhlhoff und machte alles kaputt.

Mein Sommermärchen 2006 war Scheiße. Nicht etwa, weil am Ende dieses Hitzeschlandrausches kein Titel heraussprang, nein, ich hatte schlicht und ergreifend keines. Anders als offenbar alle Menschen um mich herum. Das tat doppelt weh. Ein Freund etwa verdiente sich sein Geld während des Turniers, in dem er als wandelndes Riesenhandy vor verschiedenen WM-Stadien herumtorkelte. Er war ein beliebtes Fotoobjekt. Und sein Job war ein Geschenk des Fußballgottes. Zwar wurde er vor dem Anpfiff regelmäßig von angetrunkenen Fans in den Schwitzkasen genommen oder gar in angrenzende Grünanlagen geschubst, doch die Belohnung folgte mit dem Anpfiff, denn dann hatte er freien Zutritt zu allen Bereichen im Stadion. Er war ein Sommermärchen-VIP im Pelz eines Riesenhandys. Jeden Abend kam er mit leuchtenden Augen nach Hause und präsentierte die neuesten News, Verrückheiten und Fotos aus den Epizentren seines gelebten Fußballtraums.

Ich lebte meinen Albtraum

Ich lebte parallel den Albtraum. Morgens belegte ich in einem Schnellrestaurant pappige Brotimitate, danach ging ich lernen, weil mir eine Prüfung blühte, die über Fortgang und Ende meines Studium entschied. Kurzum: Mein Sommermärchen war die Hölle. Und so schunkelte die ganze Republik Spiel für Spiel in einer kollektiven Riesenumarmung. Ich stand außen vor und kotzte in mich hinein. Beim Halbfinale Deutschland-Italien hatte ich schließlich genug. Ich war der festen Überzeugung, dass ich für den WM-Traum nun wirklich genug Opfer gebracht hatte. Ich hatte wenig Bier getrunken, kaum Mädchenhintern beobachtet, ich hatte nicht ein einziges Mal einen schwitzenden Unbekannten beim Torjubel geherzt. Das sollte nun vorbei sein. Mein Sommermärchen sollte losgehen. Spät, aber nicht zu spät.

So fuhr ich mit meinem Kumpel Max nach Dortmund. Tickets hatten wir nicht, also gingen wir zum Public Viewing. Millionen Menschen waren auf der Straße, wenige Kilometer entfernt liefen sich Poldi, Schweini, Metze und Co. warm, die Sonne knallte vom Himmel, die Kaltgetränke liefen, ich war mittendrin. Von Null auf Hundert ins Sommermärchen gecrasht. Es war angerichtet. Es war sensationell.

Motzopas lagen sich feixend in den Armen

Wir standen vor einer riesigen Leinwand, staunten über diese deutsche Mannschaft und vor allem über die Deutschen um uns herum. Waren das wirklich die grimmigen Menschen, die einen noch vor Wochen lieber ins Gleisbett gestoßen hätten als ihren Sitzplatz in der U-Bahn zu teilen? Motzopas lagen sich feixend in den Armen, menschliche Schrankwände freuten sich wie die Zirpelschweine über ihre filigran ins Gesicht gezeichneten Landesflaggen. Das Spiel war längst Nebensache. Ich wurde aufgesogen ins Märchenland. Ich war euphorisch. Frings gesperrt? Wir haben doch Kehl. Pfosten Italien? Egal. Und guck mal, schon Verlängerung! Vom Elfmeterpunkt sind wir sowieso unschlagbar.

In Minute 117 kämpfte ich mich zum nächsten Bierstand. Ich wollte den krönenden Moment des Elferschießens nicht ohne Frischgezapftes genießen. »Ecke Del Piero«, raunte Bela Rethy über die Stadionlautsprecher. »Zwei Bier«, jubelte ich der Barfrau zu. Keine Reaktion. Rethy: »Pirlo!« Ich: »Entschuldigung, kann ich zwei Bier haben.« Keine Reaktion. Stattdessen: Regungslosigkeit. Leere Blicke in Richtung Leinwand. Ich: »Äh, hallo, könnte ich vielleicht...« Barfrau schroff: »Halt die Fresse!« Hatte sie das gerade wirklich gesagt? Hat sie mich etwa als Neuling im Schlandwahn erkannt? Wie hatte ich micht enttarnt? Mist, ich hätte ein Trikot anziehen sollen. Die Haare? Der Blick? Was? Was? Rethy: »Und da ist das Tor. Durch Grosso.« Ich drehte mich um. In Superzeitlupe wurde alles grau. Innerhalb einer Nanosekunde entwich all die Freude, all die Lust am Leben, all die Euphorie aus den Menschen um mich herum. Ich sah Max, dessen Augen trübe im Nichts fischten. Er stand fünf Meter entfernt. Ich sah menschliche Schrankwände, die in der Armen ihrer Sonnenbankfreundinnen in Tränen ausbrachen. Ist sah Motzopas motzen. War ich Schuld? Hatte ich mich da in etwas eingemischt, aus dem ich mich besser rausgehalten hätte? Man kennt die Geschichte vom Flügelschlag. Vom Schmetterling. Schicksal. Tausend Mal gehört. Die ganze Scheiße. Das ganze Scheiß-Sommermärchen.



Zwei Stunden später saßen Max und ich schweigend vor dem Dortmunder Hauptbahnhof. Um uns herum standen sich 100.000 Menschen selbst im Weg. Alle schwiegen. Es war, als würde sich ein Fußballland selbst zu Grabe tragen. »Und morgen wieder Brotpappe mit Formfleisch belegen«, startete ich ein Gespräch. Max ignorierte mich. Auf einmal piepte es. Eine SMS des Riesenhandy-Freundes. Er stand vor dem Westfalenstadion. »Gerade von einem Schlandfan in den Busch geschubst worden. Es reicht. Habe gekündigt.« Da wusste ich: Jetzt ist das Sommermärchen endgültig vorbei.

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