09.06.2013

Wie Holger Klemme den Beruf des Spielerberaters erfand

»Ich bin die Nummer Eins der Liga!«

Seite 2/3: Das »Who is Who« der Branche
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Mitte der achtziger Jahre las sich seine Kundschaft wie das »Who is Who« der Bundesliga jener Tage: Felix Magath, Jimmy Hartwig, Thomas Allofs, Lutz Eigendorf und Bum Kun Cha. Holger Klemme beriet so viele Spieler, dass er problemlos zwei Bundesliga-Mannschaften hätte aufstellen können. Mangels anderer Berater und dank seines Verhandlungsgeschicks landeten sie quasi automatisch bei ihm. So beriet Klemme zunächst nur Thomas Allofs, am Ende wickelte er aber auch die Transfers von Bruder Klaus ab, der von den besseren Bezügen seines jüngeren Bruders beeindruckt war. Thomas Allofs verdiente 1986/87, so erinnert sich Klemme heute noch genau, beim 1. FC Köln 120 000 Mark Grundgehalt, 210 000 Mark garantierte Jahresleistungsprämie, 100 000 Mark vom Sportartikler Puma, bis zu 100 000 Mark Prämien, und zudem bezahlte ihm der Klub die Wohnung. Ein schöner Batzen für diese Zeit.

Um den Marktwert seiner Spieler zu schützen, legte sich Klemme sogar mit dem Deutschen Fußball-Bund an. So verweigerte er Rudi Völler 1982 die erste Nominierung durch Bundestrainer Jupp Derwall und forderte vom DFB, ihn in der Nationalmannschaft »auf der richtigen Position« einzusetzen, als Mittelstürmer. Seine Argumentation dazu: »Es gibt doch genug Beispiele dafür – ich denke nur an Felix Magath oder Klaus Allofs –, dass Spieler auf falschen Positionen schlecht aussahen. Ihrem Markt- und Werbewert hat das bestimmt nicht gut getan.«

Was Klemme für seine Spieler tat, ging oft über das normale Maß hinaus. Als der Hamburger SV 1978 Horst Hrubesch von Rot-Weiss Essen kaufen wollte, hatte der dummerweise bereits eine Unterschrift bei Eintracht Frankfurt geleistet, wollte inzwischen jedoch lieber an die Elbe. HSV-Manager Günter Netzer forderte daraufhin von Klemme, Hrubesch für drei Wochen dem Frankfurter Zugriff zu entziehen. Der Stürmer verließ seine Essener Wohnung und zog in ein Hotel in Bad Godesberg. Klemme chauffierte ihn täglich zum Training bei RWE und lud ihn anschließend frisch geduscht in seinen Wagen ein. Am Ende zahlte Netzer den zermürbten Frankfurtern eine kleine Entschädigung und sicherte sich den HSV-Torjäger für die nächsten Jahre.

Am Rande der Legalität

Der Sturm der Entrüstung, der anschließend aus Frankfurt über ihn hereinbrach, machte Klemme bekannt. Die Zeitungen raunten über den »Mann im Hintergrund« und die »Graue Eminenz«, später nannte der »Kicker« ihn sogar den »Ecclestone der Bundesliga«. Klemme selbst verkündete: »Ich bin die Nummer eins, zwei und drei der Bundesliga« – und posierte mit schnellen Schlitten. Abends traf man ihn in Hotelbars, sein liebster Drink: Kirschsaft mit Wodka. Bayern-Manager Uli Hoeneß sah ihn schon auf dem Weg in den Knast: »Der macht es nicht mehr lange, den ziehen die Gerichte aus dem Verkehr.«

Doch Hoeneß sollte sich täuschen, denn Klemme gelang der Durchbruch für den Beruf, den er quasi erfunden hatte. Als ihm der damalige DFB-Justitiar Götz Eilers »illegale Arbeitsvermittlung« vorwarf und einige von Klemmes Klienten vor den Kontrollausschuss lud, nutzte Klemme sein Netzwerk, das er sich in der Bundeshauptstadt Bonn aufgebaut hatte. So reiste er mit einem Unions-Politiker zur Bundesanstalt für Arbeit nach Nürnberg und verhandelte direkt mit deren Präsidenten Josef Stingl, einem CSU-Mann. Klemme verließ Nürnberg mit einer Regelung in der Tasche, die alle Spielerberater aus der Illegalität herausholte.

Ohne dauernde Konflikte ging es aber auch weiterhin nicht ab. So trug Werder-Manager Willi Lemke dem Völler-Berater nach, dass die Bremer den Drei-Jahres-Vertrag ihres Jungstürmers bereits nach sechs Monaten hatten gehaltsmäßig aufbessern müssen – nach der ersten Offerte aus Italien. Lemke entwarf ein Schreckensszenario, nach dem Klemme gedächte, vier bis fünf Spieler in der Werder-Mannschaft zu beraten, womit er letztlich sogar Spiele manipulieren könnte.

 
 
 
 
 
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