Wie hört sich 12:12 an?

Die schweigende Mehrheit

Am Wochenende protestierten die Fans zum letzten Mal im Rahmen der 12:12-Kampagne gegen das DFL-Konzept »Sicheres Stadionerlebnis«. Wir waren beim Spiel Union Berlin gegen den 1. FC Kaiserslautern und schwiegen mit.

Wie klingt diese Stille?
 
»Geil!«, sagt einer, als das Spiel beginnt, und dann verteilt er Gitanes-Tabak auf einem Zigarettenblättchen. Sein Platz: Gegengerade, Mittellinie, die ersten Stufen auf dem zweiten Rang, alles wie immer. Neu ist das Mikrofon auf Augenhöhe. Am Nachmittag haben es Mitarbeiter von einem Fernsehsender am Zaun montiert. Sie wollen das Schweigen der Fans aufnehmen, die Stille in einem vollbesetzten Fußballstadion.
 
Wie klingt diese Stille?
 
Das Klicken des Feuerzeuges; der Tabak, der knistert; das Geräusch, wenn der Spann von Unions Torwart Daniel Haas auf den Ball trifft; der Knall, als sich die FCK-Spieler Florian Dick und Steven Zellner vor Beginn der Partie abklatschen; die Rufe, »Dichtmachen!«, »Schlagen!«, »Tusche!«. Hinter uns, drei, vier Reihen unter den Wurstbuden, ein Schrei. »Eisern Union!«, ruft er, und der Gitanes-Mann sagt: »Wie in der Schule früher: Einer muss immer aus der Reihe tanzen!« Es läuft die dritte Minute.
 
Kurz vor dem Anpfiff stand Christian Arbeit, Pressesprecher, Stadionsprecher, Einpeitscher von Union Berlin, in der Mitte des Platzes und verkündete: »Auf ein letztes Mal!« Die Fans jubelten, denn Arbeit sagte, dass der Computerscreen unter dem Tribünendach der Wuhleseite heute nicht funktioniere. Man sei auf die alte, analoge Anzeige am Eckhäuschen und die eigenen Uhren angewiesen. Wie früher.

Niemand applaudierte, niemand warf Konfetti
 
Danach rief er: »Und niemals vergessen!« Die Fans antworteten: »Eisern Union! Eisern Union! Eisern Union!« Das ist hier ein Ritual, und die Schreie der Anhänger hallen für gewöhnlich bis in die Köpenicker Altstadt. Dieses Mal aber wackelte das Stadion. Es war der Sturm vor der Ruhe. Denn schon als die Mannschaften das Spielfeld betraten, applaudierte niemand mehr, niemand schwenkte Fahnen, niemand warf Konfetti. Die Spieler winkten, und die Fans winkten zurück. Über ihnen ein riesiger Banner: »Ohne Stimme keine Stimmung – 12:12«. Nichts weiter.
 
Die Initiative »12:12« hat sich am 1. November in Berlin gegründet. Die Anhänger protestieren gegen das DFL-Konzept »Sicheres Stadionerlebnis«, ein Maßnahmenkatalog zum Umgang mit Fußballfans. Es geht darin unter anderem um Stehplätze, die willkürliche Ticketvergabe für Gästefans oder Ganzkörperkontrollen vor einem Stadionbesuch. Die Fans waren an der Ausarbeitung des Papiers nicht beteiligt.
 
Am kommenden Mittwoch, den 12. Dezember, wird über das Konzept entschieden. Sollten Verbände und Vereine es verabschieden, werde nichts mehr so sein wie zuvor. Keine Choreographien mehr, keine Gesänge, keine Freiräume, es wäre der schleichende Tod der Fankultur, wie wir sie bis jetzt kennen. Das jedenfalls glauben die aktiven Fans, und damit jeder versteht, was die Folgen wären, inszenierten sie an drei aufeinanderfolgenden Spieltagen Bundesligapartien nach ein und demselben Drehbuch: DIe ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden schwiegen sie, zwölf Minuten und zwölf Sekunden fanden die Spiele ohne einen einzigen Schlachtruf statt. So auch heute in Berlin. Am Stadioneingang hängt ein Informationsblatt der Initiative. Darunter steht: »Welchen Fußball willst du?«

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