Wie gut ist Albert Streit wirklich?

Dribbelkönig ohne Timing

Im Sommer wechselt Albert Streit von Frankfurt nach Schalke – ein Transfer, der suggeriert, dass er einer der stärksten Mittelfeldspieler Deutschlands ist. Doch ist er es wirklich? Unser Kolumnist Christoph Biermann klärt auf. Imago
Heft #72 11 / 2007
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Die Frage, wie gut Albert Streit eigentlich spielt, haben die Eintracht-Anhänger zuletzt ziemlich enthusiastisch beantwortet. Nach einem Durchhänger in der Rückrunde der Vorsaison ist er nämlich mit Beginn dieser Spielzeit wieder Auffälligster seines Teams gewesen. Der Mann auf der rechten Außenbahn zeigte dabei die klassischen Qualitäten eines Straßenfußballers. Denn vor allem ist Streit einer der herausragenden Dribbler der Bundesliga und dabei zeigt er eine Gewitztheit, die ihn aus der Masse der Funktionierer heraushebt. Er ist auf dem Platz impulsiv und mag es, den Gegner zu locken und zu foppen. Er hat Lust auf Täuschungen und Spielereien und ist damit auch erfolgreich.

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Streit ist aber nicht nur auf dem Rasen das, was man einen frechen Spieler nennt. Dafür sprechen auch die regelmäßigen Konflikte, die er bei seinen Klubs in Frankfurt, Köln und Wolfsburg mit Trainern und Vorständen hatte. Zu diesem nicht immer maßvoll diplomatischen Verhalten gehört es auch, dass Streit sich vor einigen Wochen lauthals darüber beschwerte, bislang nicht zur Nationalmannschaft eingeladen worden zu sein. Zwar hatte er vier Einsätze im Team 2006, aber über diesen Talentpool hinaus wurde er nicht berücksichtigt. Davon abgesehen, dass eine öffentliche Klage meistens der sichere Weg ist, auch weiterhin nicht berücksichtigt zu werden, stellt sich die Frage, wie gut Streit denn nun wirklich ist.

Joachim Löw möchte, dass sein Team schnell spielt, und daher findet sich gelegentlich selbst für einen technisch limitierten Flitzer wie David Odonkor noch Verwendung. Auch Streit verfügt über eine sehr spezielle Qualität, die in den eng zugestellten Räumen des heutigen Fußballs gefragt ist. Weil er auch mal zwei oder drei Mann austanzen kann, vermag Streit die Ordnung der Gegner durcheinander zu bringen und in den Rücken ihrer Abwehr zu kommen. Doch leider ist das nur die halbe Wahrheit über sein Spiel. Man könnte zwar verkraften, dass Streit überhaupt kein Kopfballspiel hat und dass er nicht gerade sehr eifrig darin ist, an der Balleroberung mitzuarbeiten, aber es ist vor allem fehlendes Timing, das seinen großen Durchbruch bislang verhindert hat. Denn immer wieder verliert sich Streit in solistischen Einlagen. Er hebt nicht den Blick und verpasst zu häufig, den entscheidenden Vorteil aus seiner Dribbelkunst zu ziehen. Er berauscht sich an sich selbst, wo ein simpler Pass zum nächsten freien Spieler seiner Mannschaft weitaus mehr geholfen hätte.

27 Jahre alt ist Streit inzwischen und damit in einem Alter, in dem sich Spieler kaum noch grundlegend ändern. Das ist auch einer der Gründe dafür, weshalb Schalke 04 im Sommer das Interesse an ihm nicht mit den notwendigen Millionen unterfütterte. Selbst wenn man noch darauf hinweisen muss, dass Streit nicht nur im Dribbling außergewöhnlich ist, sondern es auch seine Ecken und Freistöße sind. Doch wirkliche Klasse zeigt sich eben nicht im spektakulären Moment, sondern darin, das Spiel einer Mannschaft insgesamt besser zu machen. Noch ist Streit eher ein Mann der großen Momente, aber vielleicht gewinnt er mit dem Alter doch noch etwas Übersicht hinzu. Dann könnte es nämlich sogar noch was mit der Nationalmannschaft werden.


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