07.06.2012

Wie groß ist das Nazi-Problem bei der EM?

Reisewarnung Ost

Kürzlich warnte der ehemalige englische Nationalspieler Sol Campbell davor, als dunkelhäutiger Ausländer in die Ukraine zu reisen. Vor allem das westukrainische Lwiw soll ein Sammelplatz für Nazis und Hooligans sein. Wie ist es wirklich?

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Imago

Die Altstadt von Lwiw ist ein Traum in Barock. Manche nennen die Stadt das Venedig des Ostens, und wer seinen Ukraine-Trip in den Industrieorten Charkiw oder Donezk begonnen hat, der erlebt womöglich einen kleinen Kulturschock. Alles so schön schön hier.

Doch das Bild des pittoresken Lwiw hat zuletzt Risse bekommen. In den vergangenen Wochen war im Zusammenhang mit Lwiw vornehmlich von Neonazis, von Hooligans oder vor beiden zu lesen. Zuletzt warnte etwa Sol Campbell in einer BBC-Dokumentation davor, als Schwarzer in die Ukraine zu reisen. »Bleiben Sie zu Hause, sehen Sie sich die Spiele im Fernsehen an. Riskieren Sie nichts, sonst könnten Sie am Ende in einem Sarg zurückkommen«, sagte der ehemalige englische Nationalspieler. Flankiert wurden seine Aussagen mit Bildern von rechten Schlägertypen aus Lwiw.

Um die hässlichen Seiten von Lwiw zu finden, muss man nicht in Vororte fahren

Tatsächlich ist Lwiw nicht nur Idyll, und um die hässlichen Seiten der Stadt zu finden, muss man nicht mal in die Vororte fahren. Dort, wo momentan die Fanmeile aufgebaut wird, an der historischen Freiheitsavenue, hat die »Allukrainische Vereinigung Swoboda« normalerweise ihren Infostand. Direkt neben dem Denkmal des Dichters Taras Shevchenko verteilen dann alte Männer in Flyer und Broschüren zum Thema Überfremdung oder Doppelte Staatsangehörigkeit. Früher lief auch schon mal eine Trommelgruppe ihrer Jugendorganisation durch die Stadt.

Die rechtsnationale Partei ist eine der stärksten Kräfte der Region und mobilisierte in der Vergangenheit immer wieder Fußballfans für ihre Sache. Einmal gab es etwa einen großen Protest gegen ausländische Fußballer in der ukrainischen Premier Liga, dem über 5000 Anhänger folgten. Ein anderes Mal, am 9. Mai 2011, dem Jahrestag der Befreiung vom Naziterror, demonstrierte sie gemeinsam mit Fans des lokalen Klubs FK Karpaty Lwiw gegen ein Veteranentreffen der Roten Armee. Dabei kam es zu Übergriffen auf Busse mit Angehörigen der Opfer.

Die Fanszene von Karpaty Lwiw ist nicht per se rechtsextrem. Und doch scheinen Gruppen zu dominieren, deren Weltbild sich aus einer diffusen Mischung aus Patriotismus, Nationalismus, Antisemitismus und Antikommunismus zusammensetzt. Es gibt klassische Hooligangruppen wie »Pride«, das Löwenrudel, das sich nach dem Spitznamen von Karpaty, »Green Lions«, benannt haben, und die gerne und häufig mit rechter Symbolik spielen. Und es gibt Neonazis wie Vladimir oder »Knopf«, die im September 2010 dabei waren, als Anhänger von Borussia Dortmund vor einem Europapokalspiel in der Lwiwer Innenstadt überfallen wurden. Vladimir und »Knopf« heißen eigentlich anders, sie möchten ihren Namen aber nicht in der Presse lesen. Beide sind stolz darauf, dass es in ihrer Kurve niemals »Neger, Araber oder Türken« gab.

Er sagt, er stand beim Kampf 120 gegen 180 mal in der ersten Reihe

Sie treffen sich gelegentlich in einem Pub in der Lwiwer Altstadt. Dort gibt es englischen Whiskey und echtes Pint. Der Barmann trägt Krawatte. Einmal, erzählt Vladimir, habe er in einem Kampf 120 gegen 180, in der ersten Reihe gestanden.

Vladimir ist Ex-Capo der Banderstadt Ultras. Eine Gruppe, die sich nach dem ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera benannt hat, und dessen Denkmal in Lwiw steht. Vladimir hat sich vor einiger Zeit von den offiziellen Ultras abgespalten, da diese den Schulterschluss mit dem Verein und dem reichen Klub-Oligarchen Piotr Deminski suchten. »Das ist nicht mein Fußball«, sagt er. Sein Fußball ist hart, rau und wider jeder Obrigkeit.

Nicht nur Nazis in Lwiw

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