Wie Gladbach-Fans gegen das Vergessen kämpfen

Lang lebe der Kitsch!

Kein anderer Verein hat so kitschige Fans wie Borussia Mönchengladbach. Trotz Relegation, trotz Abstiegsgefahr, denken die Zuschauer an Fohlen, Netzer und Hacki Wimmer. Wohl dem, der solche Fans hat, findet Alex Raack. Wie Gladbach-Fans gegen das Vergessen kämpfen

Eigentlich sollten die Erinnerungen an die glorreichen siebziger Jahre von Borussia Mönchengladbach längst eingemottet auf dem Dachboden der Geschichte liegen. Weil sich aber seit Jahrzehnten Woche für Woche Zehntausende gegen das Vergessen stemmen, ist die Borussia ihr altes Image bis heute nicht los geworden. Netzer, Vogts, Heynckes und all die anderen großartigen Fußballer galoppierten in jenen glorreichen Zeiten so unbeschwert über die Äcker der Bundesliga, dass man ihnen den Beinamen »die Fohlen« gab. Junge Wildpferde, voller Talent und Tatendrang, die mit aufregendem Fußball mehrfach Deutscher Meister und UEFA-Cup-Sieger wurden.

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Diese Zeiten sind lange vorbei. Mit viel Glück und Lucien Favre hat die aktuelle Gladbacher Mannschaft die Relegationsspiele gegen den VfL Bochum erreicht. 20 Spieltage lang standen die Erben von Netzer und Co. in dieser Saison auf dem letzten Tabellenplatz und niemand hätte noch vor einem Monat in Gladbach zu hoffen gewagt, dem Abstieg in die 2. Bundesliga zu entgehen. Die Borussia 2011 ist  eigentlich nicht mehr als eine Karikatur der Borussia aus den siebziger Jahren. Aber trotzdem springt bei jedem Heimspiel das Maskottchen »Jünter« an der Seitenlinie herum, ein überlebensgroßes Fohlen mit viel zu langem Hals und Stielaugen. Trotzdem bekommen Mitvierziger mit über dem Bauch gespannten Trikot feuchte Augen, wenn sie die Namen Netzer, Wimmer oder Laumen hören, weil sie sich einst als kleine Rotzlöffel in den Fußball dieser Helden verknallten. Geschichte wird in Mönchengladbach gelebt, vielleicht mehr als irgendwo anders. Erinnerungen an die schöne Vergangenheit verschmelzen mit der oft trostlosen Gegenwart. Wohl nirgendwo sind Fußballfans so sehr dem Kitsch des Fußballfandaseins verfallen, wie in Mönchengladbach. Es ist sicherlich nicht immer angenehm, Fan dieses Vereins zu sein. Aber es muss verdammt viel Spaß machen.

Fohlenkitsch und feuchte Träume

Und wenn nun diese eigentlich katastrophale Saison noch ein gutes Ende nimmt, dann dürfen sich auch die Zuschauer mit all ihrem Fohlenkitsch, ihren feuchten Erinnerungen an die wehenden Haare von Günter Netzer und der nicht enden wollenden Nostalgie eine Scheibe vom Siegerschinken abschneiden. Denn eben weil noch immer ein Fohlen aus Plüsch die Querverbindung zwischen der seligen Erinnerung auf den Tribünen und den Klassenerhaltskämpfern auf dem Rasen aufrecht erhält, hat die Mannschaft von Lucien Favre den nötigen Rückhalt zu spüren bekommen, die den Kraftakt Relegation erst möglich gemacht hat.

Als gestern in der Nachspielzeit der Nachspielzeit das erlösende 1:0 gegen den VfL Bochum fiel, brach der Borussia-Park vor lauter aufgestauter Euphorie fast auseinander. Das Hackentor von Igor de Camargo weckte all die Erinnerungen an die ruhmreichen Tage von einst, als man auf der Zielgeraden einer Saison nicht gegen den Abstieg, sondern um die nationale oder europäische Krone kämpfte.

Mehr Kaltblüter denn Rennpferd

Dass die Gladbacher Fohlen der Gegenwart größtenteils eher schwer schuftenden Kaltblütern, denn ungezähmt nach vorne brausenden Rennpferden gleichen – geschenkt. Der Dachboden der Gladbacher Geschichte wird wohl auch noch weiter ziemlich aufgeräumt bleiben.

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