07.06.2014

Wie gewinnt man K.o.-Spiele?

»Unser Ruf eilt uns voraus«

Wie gewinnt man bei der WM die entscheidenden Spiele? Gute Frage, aber wir kennen die Antwort nicht. Dafür aber die WM-Helden Willi Schulz, Stefan Reuter, Thomas Berthold, Klaus Fischer, Andy Brehme und Bernd Schneider. Wir haben mal nachgefragt.

Text:
Diverse (Protokoll: Alex Raack)
Bild:
Imago

Willi Schulz (Vize-Weltmeister 1966)
Die Formel ist eigentlich ganz simpel: Mit Kondition und Nervenstärke. Glücklicherweise zwei Eigenschaften, die zu den deutschen Fußball-Tugenden dazu gehören, wie die Henne zum Hahn. Und was uns Deutsche schon immer bei Weltmeisterschaften ausgezeichnet hat: Wir legen wenig Wert auf Einzelkönner, stattdessen lieben wir das Teamwork. Und alleine kann man keine K.o.-Spiele gewinnen. Am besten wissen das natürlich die Trainer, die vor solchen Spielen immer das einzig Richtige tun: Sie halten den Mund. Als wir 1966 in England und vier Jahre später in Mexiko in den Kabinen saßen, wussten jeder Einzelne, dass es jetzt darum ging, Zunge zu zeigen. Die Leute haben mich immer wieder gefragt: Wie habt ihr es in der Hitze von Mexiko geschafft in drei Tagen zweimal über 120 Minuten zu gehen? Ich bleibe dabei: Als Hochleistungssportler muss dein Körper bereits sein für jede Extraminute Plackerei. Ein K.o.-Spiel macht es Fußballern recht einfach: Wenn du verlierst, bist du raus, also rennst du um dein Leben. 1970, im legendären Viertelfinale gegen England, wurde ich eingewechselt. Wirklich Spaß hatte ich allerdings nicht an dem Spiel. Glauben sie mir, es ist eine unglaubliche Plackerei. Und ich kenne schönere Gefühle, als wenn die Zunge über einen staubigen mexikanischen Rasen schleift.

Stefan Reuter (Weltmeister 1990)
Indem man sich nicht konkret auf das Spiel, sondern voll und ganz auf seine Aufgabe konzentriert. Ich bin auf den Rasen gegangen, wusste gegen wen und spiele und weshalb ich überhaupt den Rasen betreten hatte: Um zu gewinnen! Nichts anderes zählt in dem Moment, wo der Schiedsrichter in seine Pfeife bläst. Als Fußballer merkst du übrigens schon nach wenigen Minuten, wer das Spiel gewinnen wird. Im WM-Finale 1990 saß ich zunächst auf der Bank und spätestens als Maradona seinen ersten Fehlpass gespielt hatte, war uns allen auf der Bank klar, wer den Pokal am Ende stemmen würde. Wir Deutschen haben noch einen psychologischen Vorteil: Unser Ruf eilt uns voraus. Als wir 1990 in Italien antraten, musste jeder unserer Gegner vor den Spielen lesen: Die deutsche Turniermannschaft kommt! Ich wette, dass deshalb auch die Engländer und Argentinier vor dem Anpfiff schon die Hosen voll hatten. 1991 bin ich zu Juventus Turin gegangen, auch, weil Juve-Präsident Vittorio Caissotti di Chiusano ein großer Fan von deutschen Spielern war. Wie wir in den entscheiden Partien bei der WM aufgetraten waren, schien ihn beeindruckt zu haben. Irgendwann hat er mir mal verraten: »Stefan, am liebsten würde ich die ganze deutsche Nationalmannschaft verpflichten.«

Thomas Berthold (Weltmeister 1990)
Das ist eine Qualitätsfrage. Für die großen Fußball-Nationen beginnt ein WM-Turnier doch ohnehin erst ab dem Achtelfinale. Und hier entscheidet sich, wie gut ein Spieler wirklich ist. Ist er in der Lage dem Druck stand zu halten? Ist er so diszipliniert und nervenstark 90 oder 120 Minuten eines K.o.-Spiels durchzuhalten? Es gibt so viele Fußballer, denen man überragende Fähigkeiten attestiert und wo trotzdem Zweifel bleiben, ob sie in der Lage sind auch in den entscheidenden Momenten ihr Potential abzurufen. Mario Gomez ist für mich so ein Kandidat, bei dem weiß ich noch nicht, ob er das Zeug dazu hat. Aber ich lasse mich gerne vom Gegenteil überzeugen. Bei Lothar Matthäus war das am Anfang ähnlich: Ein Jahrhunderttalent, aber in den wichtigen Spielen irgendwie nicht richtig auf dem Platz. Spätestens 1990 hat er alle vom Gegenteil überzeugt. Vor den K.o.-Spielen bei der WM in Italien war die Stimmung in der Kabine extrem. Du konntest die Anspannung förmlich spüren, nicht mal Litti und Thomas Hässler haben ihre Witze gerissen. Ich habe mich vor solchen Spielen ohnehin in meine eigene Welt zurück gezogen: Kopfhörer auf und die Musik voll aufgedreht. ACDC, immer wieder, vor jedem Spiel. Den Gebrüdern Young an dieser Stelle noch einmal herzlichen Dank!

 
 
 
 
 
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