Wie Flamengo um die Meisterschaft von 1987 kämpft

Eine brasilianische Geschichte

24 Jahre kämpfte Flamengo Rio de Janeiro um den sechsten Meistertitel seiner Vereinsgeschichte. Bis ihn der Klub bekam – und prompt wieder abgeben musste. Eine ganz normale Geschichte im Fußballland Brasilien. Wie Flamengo um die Meisterschaft von 1987 kämpft

»Hexacampeão, hexacampeão!« hallte es in den Gassen von Rio de Janeiro und in den Fenstern hingen noch mehr Fahnen in den Vereinsfarben rot und schwarz als sonst. Nach einer verkorksten Saison 2010 hatten die Fans von Flamengo endlich wieder einen Grund zur Freude: Der brasilianische Fußballverband (CBF) verkündete am 21. Februar offiziell, ihren Titel von 1987 anzuerkennen. Nach 24 Jahren. Damit war man über Nacht sechsfacher Meister geworden – Hexacampeão. Der längste Meisterschaftsstreit der Fußballgeschichte war entschieden.

Nur zehn Tage später dann die Gewissheit: Der Streit geht in die nächste Runde. Ein brasilianischer Bundesgerichtshof hat am 2. März den nationalen Fußballverband (CBF) angewiesen, Flamengo den Titel wieder abzuerkennen. 48 Stunden wurden dem CBF gelassen, die Entscheidung rückgängig zu machen, alle Hinweise darauf von seiner Homepage zu entfernen und wieder Sport Recife aus Pernambuco zum alleinigen Titelträger von 1987 zu machen.

Es waren turbulente Zeiten 1987, zwei Jahre nach Ende der Militärdiktatur war der brasilianische Fußballverband pleite und ließ erklären, dass er die Saison nicht ausrichten könne. Also schlossen sich Brasiliens 13 größten Fußballvereine zusammen und entschieden ihr eigenes Turnier zu veranstalten – die Copa União. Flamengo gewann damals souverän.

Während der CBF zunächst noch bereit war, den Gewinner dieser Parallel-Liga auch als brasilianischen Meister anzuerkennen, wurde dem Fußballverband bald klar, dass er so die Kontrolle über den brasilianischen Fußball verlieren könnte. Mit den kleineren Teams wurde daher schleunigst eine zweite eigenständige Meisterschaft organisiert – diese gewann Sport Recife, ebenfalls unstrittig. Um einen gesamtbrasilianischen Meister zu ermitteln, sollten nach dem Willen des CBF, die jeweiligen Meister und Vize-Meister der damals »Modul Grün“und „Modul Gelb« genannten Ligen in einem kleinen Finale gegeneinander antreten, also Flamengo und Inter gegen Sport und Guarani. Grün weigerte sich gegen Gelb zu spielen, infolgedessen erklärte die CBF Sport zum Meister. Unzählige Versuche des Clubs aus Rio de Janeiro in den Folgejahren ihre Meisterschaft juristisch doch noch anerkennen zu lassen, schlugen fehl.

Im vergangenen Jahr entschloss sich der brasilianische Verband im Zuge der Vorbereitungen auf die WM im eigenen Land, die Vorgänger des heutigen und seit 1971 bestehenden Campeonato Brasileiro Série A endgültig zu ordnen. Bis dato hatte jeder Verein seine eigene, für ihn günstigste Zählung verwendet. Nach einigem hin und her wurden Taça Brasil (1959-1968) und Torneio Roberto Gomes (1967-1970) in die offizielle Meisterschaftszählung aufgenommen. Insbesondere die Aufnahme der Taça Brasil wurde kontrovers diskutiert, weil sie zum Teil nur aus vier Spielen bestand und sich einige Vereine dadurch benachteiligt fühlten. Um aber die großen Spieler jener Zeit zu würdigen, die auch heute noch verehrt werden, einigten sich die Clubs schließlich doch noch. Keiner wollte dem »König« Pelé (»O Rei«, wie er in Brasilien genannt wird) auf den Schlips treten. Er ist jetzt der Spieler mit den meisten Titeln; Palmeiras und Santos (beide aus São Paulo) die Vereine mit den meisten gewonnenen Meisterschaften.

Flamengo sah die Neuordnung als gute Gelegenheit, sich noch einmal mit neuen Argumenten beim CBF-Präsidenten Ricardo Teixeira um den ’87er Titel zu bemühen. Der hatte sich zwar schon im April 2010 endgültig gegen die Cariocas entschieden, als er São Paulo (der dritte große Verein aus São Paulo) für die Leistung als erstes Team seit 1975 fünf Titel gewonnen zu haben, die prestigeträchtige Taça das Bolinhas überreichte. Aber endgültig ist vor allem im brasilianischen Verbandssport nun mal eine sehr schwammige Angelegenheit. Insbesondere Teixeira ist in diese Beziehung kein unbeschriebenes Blatt und in unzählige Korruptionsaffären verwickelt. Die neuen Argumente schienen den Fußballpräsidenten derartig überzeugt zu haben, dass er sich im Februar dafür entschied, neben Sport für 1987 einfach einen zweiten Meister zuzulassen. Flamengo war damit nicht nur sechsfacher Meister, sondern erhob nun auch Anspruch auf die Taça das Bolinhas, schließlich war man inklusive ’87er-Titel auch der erste Fünffach-Meister.

Jetzt geht es zurück auf Los: Richter Francisco Alves von der zweiten Kammer des Bundesgerichtshofs in Pernambuco, (von dem nicht bekannt ist, ob er Fan seines Heimatvereins Sport Recife ist) weist darauf hin, dass sich Teixeira mit seiner Entscheidung über ein Urteil des obersten Gerichtshofs (STF) hinwegsetzt, der sich schon 2009 mit der Sache befasst und den Verein aus Pernambuco in letzter Instanz zum einzigen Meister von 1987 erklärt hat.

Mehr als 48 Stunden später hat sich übrigens auf der CBF-Homepage noch nichts getan – das Gerichtsurteil aus Pernambuco ist für den Verband nicht bindend.

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