Wie Felix Magath auf Schalke scheiterte

Auf die Aschenbahn

Vizemeisterschaft, DFB-Pokalfinale, Champions League-Viertelfinale – Felix Magath hatte auf Schalke sportlichen Erfolg. Gab es überhaupt Gründe für die Trennung oder lagen diese zu tief? Eine Analyse. Wie Felix Magath auf Schalke scheiterte

Felix Magath und Clemens Tönnies frierend beim Zähneputzen auf einem Bauernhof irgendwo in Bayern. Ein krudes Bild, aber genau davon erzählte Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender Clemens Tönnies, als er mit viel Stolz der Presse vortrug, wie er den Wolfsburger Meistertrainer Magath zum krisengeschüttelten FC Schalke holte. Nicht einmal zwei Jahre ist das her. Heute spricht Tönnies über Magaths Inkompetenz in der Menschenführung und dass man die Reißleine ziehen musste. Beim gemeinsamen Zähneputzen auf einem Bauernhof wird man die beiden wohl nicht mehr sehen.   

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Fußballfans in Deutschland fragen sich: Wie kann Schalke respektive Tönnies einen Trainer entlassen, der den Verein zur Vizemeisterschaft, unter die letzten Acht der Champions League und ins Endspiel des DFB-Pokals führte? Der Fleischfabrikant Tönnies, der sich in der Öffentlichkeit hemdsärmlig gibt und die Basta-Politik und -Rhetorik Gerhard Schröders beherrscht – auch er wird von Fans und Medien kritisiert. Es war typisch Schalke, dass am letzten Mittwoch, als die ersten Gerüchte um Magaths Entlassung aufkamen, Tönnies selbst erst einmal nichts sagen konnte – er musste sich vor dem Amtsgericht Essen wegen Etikettenschwindels verantworten.   Schnell wurden Erinnerungen wach an »Sonnenkönig« Günter Eichberg, Schalke-Präsident in den Neunzigern, überschuldeter Besitzer von Kliniken für Krampfadern. Oder Günter Siebert, Immer-Mal-Wieder-Schalke-Präsident in den Siebzigern und Achtzigern, der mit flammenden Reden Wahlen gewann und kurzzeitig an den Würstchenbuden im Schalker Stadion mitverdiente. Schalke hat ein Patent auf undurchsichtige Geschäfte, verquere Typen, besondere Geschichten – und Skandale. Viele sagten, Schalke sei anno 2011 wieder der alte Chaos-Club. Doch wird die Magath-Entlassung bei genauerer Betrachtung immer nachvollziehbarer.   

Die Sache mit den 300.000 Euro

Da ist zum einen Magaths Anspruch auf das alleinige Sagen. Als auf der Mitgliederversammlung im Mai letzten Jahres dagegen gestimmt wurde, dass er Transfers über 300 000 Euro ohne die Genehmigung des Aufsichtsrates durchführen darf, kochte er. Doch die Mitglieder hatten so ihre Vorerfahrungen mit der Allmacht Einzelner. Oben angesprochener Günter Eichberg beispielsweise sagte zum Bayern-Stürmer Radmilo Mihajlovic bei den Vertragsverhandlungen: »Ich gehe jetzt mal vor die Tür, wenn ich wieder komme, hast du auf diesem Zettel eine Summe eingetragen.« Jene Entscheidung auf der Mitgliederversammlung brachte einen Stein ins Rollen - denn Magath nahm sie nicht hin. Wer nicht für mich ist, ist gegen den Erfolg, so sein Credo. Er machte den langjährigen Fansprecher als Rädelsführer gegen ihn aus, per Telefon wurde jenem die Entlassung mitgeteilt. Was folgte, war der erste Aufschrei der Schalker Fans: Es bildete sich die »Kleine Gruppe«, die gegen die Politik des Felix Magath und die mangelnde Kommunikation mobil machte. Fans wird oft vorgeworfen, nur Claqueure der sportlich Erfolgreichen zu sein - dieser Fall zeigte, dass es den Anhängern um mehr geht als Titel.   

Doch die Annahme, die Fans hätten Magath gestürzt, ist falsch, dafür sind die Fanlager pro und contra Magath zu sehr gespalten. Gestürzt hat sich Magath selbst. Indem er angesprochene Regulierung bei den Transfers offensichtlich missachtete und die Kosten beim verschuldeten Verein nicht senkte, sondern erhöhte. Dabei beteuerte Magath stets das Gegenteil, was Tönnies gestern etwas süffisant kommentierte: »Wer so etwas sagt, hat wohl nicht ganz genau hingeschaut.«

Zudem soll es bei dem wirtschaftlichen Hickhack um Prämien und Sonderzahlungen gehen, Tönnies schaltete einen Wirtschaftsprüfer ein. Die wirtschaftlichen Verfehlungen mögen verworren sein, viel augenscheinlicher werden Magaths Fehltritte im Umgang mit den handelnden Personen auf Schalke. Für Magaths Fall gilt das Kreisliga-C-Gesetz: Jemand, der keine Gelegenheit auslässt, seinen Gegenspieler zu tunneln, wird irgendwann von dem per Grätsche auf die Aschenbahn befördert.   

Der Frust auf der Geschäftsstelle

Er krempelte die ganze Geschäftsstelle um – der Frust der Mitarbeiter wuchs. Bezeichnend, wie groß dort am vergangenen Donnerstag die Freude war, als die Entlassung von Magaths Adlatus Rolf Dittrich bekannt gegeben wurde. Der hatte, so »Sport-Bild«, als Pressesprecher von Schalke T-Shirts mit dem Schriftzug »Pro Magath« in Auftrag gegeben. Doch nicht nur einfache Angestellte grummelten schon lange auf Schalke, auch ein bekannter Manager war verstimmt: Horst Heldt. Auf Schalke angetreten, um das »Captains Dinner« mitzuorganisieren, ließ Magath ihn noch nicht einmal die Tischkärtchen aufstellen. Die Auseinandersetzungen zwischen Heldt und Magath sowie der Schulterschluss zwischen Heldt und Tönnies waren vorprogrammiert.   

Full Metal Magath

Zu guter Letzt und entscheidend: Magath brachte mit seinem herrischen Führungsstil die Mannschaft gegen sich auf. Straftraining, Sonderbehandlung Einzelner, Ansprachen unter der Gürtellinie. Viel schlimmer wog aber, dass Magath die Mannschaft nicht ernst nahm, als diese erst mit ihm, dann via Tönnies die Probleme ansprach. Magath hielt an seiner Vorgehensweise fest. Full Metal Magath. Doch die Spieler folgten dem Feldherren nicht mehr, anders sind die unglaublichen Leistungsunterschiede zwischen Pokal- und Ligawettbewerb nicht zu erklären. »Du verlierst die Mannschaft«, warnte Tönnies den Trainer ein letztes Mal. Vergebens.   Max Merkel hat ähnlich gearbeitet wie Magath. Er tauschte in den sechziger Jahren im größten Erfolg Mannschaften nahezu komplett aus und bestrafte diejenigen, die ihm nicht mehr folgten. Auch auf Schalke wurde Merkel nicht glücklich, er sagte später: »Das Schönste an Schalke war die Autobahn nach München.« Auf genau dieser verließ Felix Magath den FC Schalke – Richtung heimischen Bauernhof.

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