Wie Fans Vereinspolitik machen

Wir haben euch was mitgebracht

Morddrohungen, Blockaden, Hasstiraden: Wie in Stuttgart oder Berlin lassen die Menschen beim Fußball ihren angestauten Frust ab und machen damit immer öfter Vereinspolitik. Ein Stimmungsbericht aus einer Liga in Aufruhr. Wie Fans Vereinspolitik machen Es gibt eine schrullige Geschichte beim FC Bayern über die Entlassung von Pal Csernai. Der Münchner Schickeria-Bäcker Bodo soll kurz vor der Demission auf einer Pressekonferenz eine Torte in Form eines Sarges abgeliefert haben – ein makabrer Scherz, an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten. Den Ehrengästen auf der Haupttribüne und den Sponsoren missfiel die arrogante Art des Seidenschalträgers, kurz vor dem Ende der Saison 1982/83 wurde Csernai entlassen. Das Makabre in den Fußballstadion gibt es immer noch, nur geht es heutzutage weniger von den Edelfans auf der Hauptribüne aus, sondern von jenen Kurven, die je nach Verein in verschiedenen Himmelsrichtungen angesiedelt sind. Dort stehen jene, die sich selbst als die wahren Anhänger des Vereins verstehen, die Zeit, Geld und Herzblut opfern für ihre Mannschaft. Diese Fans haben Macht. Viel Macht.

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»Hätten wir nicht reagiert, wäre Babbel immer noch im Amt«, schreibt ein Leser auf der Internetseite der Stuttgarter Zeitung unter einen Artikel. In diesem Text geht es um die Entgleisungen mancher Fans nach dem Spiel gegen den VfL Bochum. Mehr als 3000 Personen, die die Polizei der Ultra-Vereinigung Commando Cannstatt zuordnet, versammelten sich in der Mercedes-Straße, das Ergebnis ist dem Polizeibericht zu entnehmen: mehrere Menschen sind verletzt, darunter zwei Einsatzkräfte, drei Randalierer wurden festgenommen.

»Scheiß-Daimler«, »Scheißregierung« oder "Scheißpolizeistaat" 

»Ich habe viel Hass gesehen, und ich hatte Angst«, sagte ein Ordner über die Situation. Dass Fans ihre Meinung äußern zur Leistung der Mannschaften, das ist nicht neu. Neu ist die Dimension von vox populi - nicht nur beim VfB Stuttgart, wo es gar Morddrohungen gegen Spieler und Markus Babbel gegeben haben soll. Der Gesang »Trainer raus« und ein Pfeifkonzert zur Halbzeitpause erscheinen den Anhängern mancher Vereine wohl zu harmlos. In Stuttgart gab es Rufe wie »Scheiß-Daimler«, »Scheißregierung« oder "Scheißpolizeistaat".

Es geht also nicht nur gegen die Mannschaft oder den Verein, der Fußball ist eine Projektionsfläche der Gesellschaft, ein Ventil für so vieles. Das Leben ist rauer geworden da draußen und in der Kurve oder in der Masse vor dem Klubheim kann man den ganzen Frust wunderbar ablassen.

In Berlin etwa schallte es einmal aus der Kurve: »Wenn ihr absteigt, schlagen wir euch tot!«

Die Brüller und Randalierer sind sich bewusst, dass sie Macht besitzen über die Verantwortlichen eines Fußballvereins, die Stimme des Volkes wird nicht mehr ignoriert wie vor 20 Jahren. Trainer werden nicht mehr von der Haupttribüne entlassen, sondern von der Kurve aus. Die Entlassung von Markus Babbel – oder sein freiwilliger Rückzug – hat sicherlich mit den Protesten zu tun. Der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, gab unlängst zu, dass Jürgen Klinsmann auch deshalb entlassen wurde, weil er der Fanbasis nicht zu vermitteln war. Und in Frankfurt bat am Ende der vergangenen Saison Friedhelm Funkel um die vorzeitige Beendigung seines Vertrages, nachdem die Fans bereits vor dem Anpfiff seine Entlassung gefordert hatten.

Auch die Verpflichtung eines Trainers können Fans verhindern, wie Lothar Matthäus bereits häufiger schmerzhaft erfahren musste. Nach fortgeschrittenen Verhandlungen mit dem 1. FC Nürnberg sagte Sportdirektor Martin Bader: »Bei einem Trainerwechsel muss man auch das Umfeld berücksichtigen, die Fans müssen uns in dieser schwierigen Phase ja vorbehaltlos unterstützen.« Zahlreiche Nürnberger Fans hatten sich gegen eine Verpflichtung von Matthäus ausgesprochen. In Frankfurt war es ähnlich, es gab bereits einen unterschriftsreifen Vertrag. »Aber die Fans lehnten mich ab, wegen meiner Vergangenheit beim FC Bayern«, sagte Matthäus damals.

Die Macht der Fans geht mittlerweile so weit, dass sie die Politik eines Vereins mitbestimmen können. Es sind nicht nur Zwischenrufe und Wortmeldungen bei der Jahreshauptversammlung – wie es der FC Bayern in den vergangenen Jahren erlebte –, sondern auch ein aktives Mitwirken. Beim TSV 1860 München etwa gibt es die Fan-Vereinigung »PRO 1860«, die nicht nur Busse zu Auswärtsfahrten organisiert, sondern im März 2007 auch ihre Kandidaten Albrecht von Linde (Präsident) und Karsten Wettberg (Vizepräsident) durchsetzte.

Gegen die Kurve lasse sich keine Politik machen, das betonte Bayern-Präsident Uli Hoeneß in der Vergangenheit immer wieder. Ob nun durch Drohrufe, Blockaden oder das Einstellen von Filmen ins Internet. Die Politik bei vielen Vereinen macht die Kurve.

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