Wie Eljero Elia beim HSV alle Positionen spielt

Zwischen den Orten

Er ist kein Mittelstürmer, kein Spielmacher, kein Außenstürmer – und doch ist der 22 jährige Eljero Elia in der Offensive vom Haburger SV momentan der wichtigste Mann. Denn der Holländer spielt alle Positionen auf einmal. Wie Eljero Elia beim HSV alle Positionen spieltImago Die Seitenlinie direkt vor den Trainerbänken. Bruno Labbadia schreit taktische Anweisungen aufs Feld, Schaaf sitzt ein paar Meter daneben, der Atem in der eisigen Luft, stoisch blickt er durch das Schneegestöber, ganz so, als wüsste er bereits, dass es heute in Hamburg nichts zu holen gibt.

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Das Stillleben zerbricht Eljero Elia. Es läuft die 59. Minute. Der junge Niederländer schnappt sich den Ball in der eigenen Hälfte, er lässt den ersten Bremer Gegenspieler stehen, Szenenapplaus, ein paar Fans auf der Haupttribüne stehen auf und feuern Elia an wie einen Boxer, der bereit ist, seinen Gegner nun mit einem linken Haken auf die Bretter zu schicken. Elia nimmt Tempo auf, mit Leichtigkeit führt er den Ball, er schwebt und spurtet zugleich über den Platz, tanzt wie ein kleiner Junge auf dem Schulhof, der ständig zu spät zum Unterricht kommt, weil er nichts als Fußball im Kopf hat. 

Wenn Elia am Ball ist, zeigt Fußball sich als das, was es ist: als Spiel. Ohne taktisches Korsett, ohne den Ballast von transferierten Millionen, ohne diesen riesigen Ligaapparat im Hintergrund. Mit einem Mal ist Fußball leicht und raffiniert. Frei von Sorgen und voll von abenteuerlicher Neugier. Elia legt sich den Ball mehrere Meter vor, wieder der Sprint, eine leichte Körpertäuschung, die Kurve um den Gegner, wendig zieht er vorbei, den Ball im Blick.

Elia war 13 Jahre alt, als er in der Jugendakademie von Ajax Amsterdam vorspielte. Die Trainer nahmen ihn auf und waren durchaus angetan von seiner technischen Fertigkeiten. Doch nach zwei Jahren urteilten sie: Nicht robust genug für die Ehrendivision. Taktisch nicht geeignet für das Profigeschäft. »Sie sagten, ich sei zu schlecht«, erinnert sich Elia. »Sie sahen keine Perspektiven.« Elia ging zurück zu seinem Jugendverein ADO Den Haag, und wechselte nach deren Abstieg zu Twente Enchede, wo er mit Fred Rutten seinen ersten Mentor fand. Der spätere Schalker Trainer verbot ihm seine Ausflüge quer über das Feld nicht, er forderte aber größere Entschlossenheit und ein unkompliziertes und effektiveres Spiel. Elia wollte ein guter Schüler sein und stellte sein Spiel um – mit Erfolg, in 47 Pflichtspielen schoss Elia 19 Tore und wurde 2009 mit dem Johan-Cruyff-Preis als bester Nachwuchsspieler ausgezeichnet. Seine Vorgänger hießen unter anderen: Arjen Robben, Klaas Jan Huntelaar und Wesley Sneijder. Und plötzlich klopften die großen Klubs an, Chelsea, Arsenal, der HSV – und sogar Ajax. Elia beriet sich mit seinen Geschwistern und Eltern, die nach der Absage von einst nur noch schlechte Worte für den niederländischen Rekordmeister fanden: »Sie sagten: ›Wenn du zu Ajax gehst, killen wir dich.‹« Elia ging nach Hamburg. Der HSV überwies 8,5 Millionen Euro nach Enchede.

Gras unterm Schnee gefressen

Tempo. Tempo. Noch ein Bremer läuft ins Leere. An der Mittellinie wartet Naldo, gebannt, die Augen auf den Ball, den rechten Fuß leicht nach vorne versetzt, in Erwartung gleich im Laufduell gegen Elia bestehen zu müssen. Eljero Elia hatte Sebastian Prödl in der ersten Halbzeit mehrmals Knoten in die Beine gespielt, um ihn nach Belieben seine Kreise gezogen wie ein Carrera-Auto in der Rennbahnschiene. Er hatte das 2:0 geschickt vorbereitet, den Ball im richtigen Moment zu Marcell Jansen durchgesteckt. Er war die Außenlinie auf und ab und auf und ab gelaufen, er behauptete sich im Eins-gegen-eins und im Eins-gegen-drei. Und er hatte Gras gefressen, auch wenn es unter der dicken Schneedecke versteckt war.

Was Elia für die HSV-Offensive so besonders macht: Er spielt alle Positionen auf einmal. Elia ist kein Spielmacher, kein Zehner, doch er ist ballsicher und dribbelstark und er hat das Auge für den finalen Pass. Er spielt gerissen, macht zwei, auch mal drei Übersteiger, er schlägt Haken und leitet Bälle mit der Hacke weiter. Streicheln andere ihren Narzissmus mit solchen Tricks, hoffen sie nach den Spieltagen in der Superzeitlupen-Galerie zu hängen, basieren Elias Tricks zumeist auf einer Idee, mithin auf einem Plan. Sein Spiel ist smart. Vielleicht ist der Plan nicht immer bis ins letzte Detial durchdacht, doch immerhin scheint Elia den Optimismus und die Vision zu besitzen, durch das überraschende Moment die Defensive des Gegners auszuhebeln. Mit einem kleinen Stupser den Ball zum Mitspieler. Gerade, eben, jetzt – im richtigen Augenblick. 

Elia ist kein Stürmer, obwohl er nominell als Angreifer aufgeboten wir. Jedenfalls ist er kein klassischer Stürmer, der vorne auf die Bälle wartet, die ihm die Mittelfeldameisen auf den Spann zuckern. Elia schießt trotzdem Tore und bereitet vor, fünf Mal traf er in 17 Spielen, sieben Treffer bereitete er vor. Elia ist auch kein Außenstürmer, denn er verlässt allzu häufig diese Positionen und zieht in die Mitte, er sucht den Abschluss, drängt zum Tor. Und so spielt Elia fast anarchisch. Nämlich fern einer Position – und trotzdem auf jeder. Zwischen den Orten, dort, wo der Ball ist. Eljero Elias Spiel ist ein Graus für jeden Taktikfuchs, jeden F-Jugend-Trainer-Diktator, der sich mit Pfeilen und Rechtecken, mit Tafeln und Systemvideos das Fußball-Einmaleins im stillen Kämmerchen beigebracht hat. »Mein Taktik-Verständnis sehe ich nicht als Schwäche«, sagte Elia einmal.

Wie ein Duracell-Häschen

Tatsächlich erlaubt ihm dieses Verständnis mehr Platz und Freiheit als anderen. Nur durch dieses Verständnis wird sein Spiel vielseitig, unberechenbar. Der Zug zum Tor und zum Zufall unterscheidet ihn von einem wie Piotr Trochowski, der in dieser Saison zweifelsohne seine guten Momente im HSV-Dress hatte, der wichtige Tore schoss, doch allzu häufig nur mitläuft. Trochowski scheint das Überraschungsmoment völlig abhanden zu gehen, stets schwingt bei seinen Aktionen das Gefühl mit, er überlege, in welcher Position er wie welche Bälle spielen müssen. So taucht er zumeist völlig ab, wenn er das Spiel dirigieren muss. In der Defensive findet er gar nicht statt.

Naldo steht an der Mittellinie, versucht sich groß zu machen. Und dieses Mal bleibt der Brasilianer Sieger. Naldo blockt den Ball und Elia stolpert dahin. Der Bremer läuft ein paar Schritte, gemächlich in die Hamburger Hälfte – viel zu gemächlich. Elia hat sich längst wieder aufgerappelt und sprintet zurück wie ein Duracell-Häschen. Er erobert sich den Ball zurück, um den nächsten Angriff einzuleiten. Das Spiel geht wieder los, der erste Bremer läuft ins Leere, der zweite Gegenspieler bekommt gar keine Chance auf den Zweikampf, denn dieses Mal ist der Pass schon unterwegs. Neulich sagte Mario Gomez über Ivica Olic: »Da denkt man, der stirbt neben dir, und dann setzt er noch zu einem 50-Meter-Sprint an.« Elia stirbt nicht auf dem Platz. Und doch wird er nach jedem Zweikampf wieder geboren. Auf einer anderen Position.

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