Wie Eintracht Frankfurt die Liga verzückte

Und es war Sommer

Im Spätsommer 1993 begeistert eine Mannschaft die Bundesliga, der man knapp ein Jahr zuvor eigentlich den Todesstoß versetzt hatte. Eintracht Frankfurt spielt so wunderbaren Fußball, dass Maurizio Gaudino heute noch sagt: »Schöner war es nie«. Wie Eintracht Frankfurt die Liga verzückte

Der Hesse an sich ist eigentlich kein großer Romantiker. Die großen Gefühle überlässt man in der Mitte Deutschlands gerne anderen Bundesländern. Die Gemütslage ändert sich jedoch dramatisch, wenn man an den Spätsommer 1993 erinnert. Zumindest bei Anhängern von Eintracht Frankfurt. Die ewige Diva, die in diesem Jahr, drei Jahre nach dem WM-Gewinn der deutschen Fußballer in Italien mehr Starlet, als Diva ist. Die Erinnerung an diese Monate lässt Frankfurter Gesichtszüge entspannen, Augen fangen an zu funkeln. Die Mannschaft aus der Bankenstadt spielte hinreißenden Fußball. Wie von einem anderen Stern.

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Klaus Toppmöller ist am 1. Juli 1993 noch ein unbedarftes Gesicht in der 1. Bundesliga. Der Mann mit dem Vogelnest auf dem Kopf hatte sich zuvor beim FSV Salmrohr, SSV Ulm und Waldhof Mannheim seine Sporen verdient. Als Dragoslav Stepanovic seinen Dienst in Frankfurt quittiert, stößt die Vereinsführung auf den 41-jährigen Toppmöller. Der beginnt sein Engagement und stößt auf einen namhaften, aber ungeordneten Kader. Mit der Verpflichtung von Maurizio Gaudino gelingt den Hessen ein findiger Transfercoup, pikant ist nur, dass der Mittelfeldspieler gut ein Jahr zuvor mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft ins Schwabenland holte und damit Teil des größten Traumas der Frankfurter Vereinsgeschichte ist. Das Saisonfinale 1992 mit dem nicht gegebenen Elfmeter durch Schiedsrichter Berg und der Niederlage gegen Rostock hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Wie lange wird man daran zu knabbern haben? Toppmöller hat diese alten Wunden nicht, er bastelt seinen Kader zusammen. Aus Hamburg kommt der erfahrene Pole Jan Furtok an den Main.

In der Offensive besitzt Toppmöller großartige Alternativen – jedenfalls auf dem Papier. Ob er die Stars Yeboah, Okocha, Bein und Stein zu einer Mannschaft formen kann, ist vor dem Saisonstart ungewiss. Kritiker werfen ihm fehlende Erfahrung vor, ausgerechnet dieser Mann soll die Eintracht aus Frankfurt zu Ruhm und Ehre führen? Niemals.

Frankfurts Auftakt zieht »Töppi« die Locken glatt

1. Spieltag. Freitagabend, Gladbacher Bökelberg. 35.000 Menschen stehen und sitzen auf den steilen Betontribünen um zu sehen, wie sich Kastenmaier, Neun und Dahlin gegen Bein, Binz und Bommer behaupten. Toppmöller steht neben seiner Trainerbank und kaut auf den Fingernägeln. Was er dann sieht, zieht »Toppi« fast die Locken glatt: seine Auswahl spielt nicht, sie zelebriert. Uwe Bein hat das Mittefeld fest in seiner Hand, wenn die Pässe aus seinem linken Fuß zucken und Tony Yeboah Geschwindigkeit aufnimmt, hält der Bökelberg den Atem an. Binz und Bindewald halten den Laden dicht, in der Mitte hat sich Gaudino bereits auf faszinierende Art und Weise auf seine neue Position am rechten Spielfeldrand eingestellt, Ralf Webers mutige Vorstöße kommen mit der Wucht einer Wildpferd-Herde. Nach 90 Minuten steht es 4:0, Furtok, Bein, Weber und Yeboah haben getroffen, Toppmöller glühen die Augen vor diebischer Freude. Dabei kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass er zehn Spieltage nacheinander nicht ein Spiel verlieren wird.

Warum ist ausgerechnet Klaus Toppmöller, 1951 in Rivenich, einer Ortsgemeinde im Landkreis Bernkastel-Wittlich/Rheinland-Pfalz geboren, der richtige Mann für diese Mannschaft? »Der Töppi«, sagt Maurizio Gaudino, heute als Spielerberater tätig, »war für uns damals der perfekte Motivator. Er konnte von Beginn an mit allen Spielern richtig umgehen. Selbst mit Uli Stein.«

Uli Stein, der exzentrische Torwart. Beckenbauer-Beleidiger, Stinkefinger-Provokateur, zuweilen passionierter Faustkämpfer. 1993 bald 40 Jahre alt und immer noch einer der besten Torhüter der Bundesliga. Toppmöller findet den richtigen Ton bei Stein.

Uli Stein: Faustkämpfer, Exzentriker

Auch bei Uwe Bein, dem Weltmeister von 1990. Hat der Schnauzbartträger seinen Spaß, ist er ein Genie. Seine Pässe: so präzise, wie chirurgische Schnitte. Co-Trainer hoffen beim Trainingsspiel am Donnerstag auf Ausfälle, damit sie an der Seite von Bein spielen können. Der serviert ihnen die Bälle zu exakt, dass selbst übergewichtige Mit-Fünfziger noch ihre Buden machen. Maurizio Gaudino erinnert sich an Beins Vorlagen, wie ein Großvater an seine erste Jugendliebe: »Wenn Uwe den Ball hatte, brauchtest du nichts anderes machen, als einfach weiterzurennen. Du hast den Ball immer so bekommen, als sei er aus Eisen und deine Schuhe Magneten.«

Bein, das ist die andere Seite der Medaille, ist jedoch beileibe kein stiller und treuer Mannschaftsdiener. »In Frankfurt fängt die Woche am Donnerstag an«, ist eine allseits bekannte Weisheit in der Finanzmetropole. Am Donnerstag erscheint Uwe Bein das erste Mal zum Training.

Seit Toppmöller die Hüttchen aufstellen lässt, verpasst der Linksfuß keine Übungseinheit mehr. »Der Uwe war immer voll dabei«, erinnert sich Gaudino, »wir hatten im Training so viel Spaß, da wollte keiner fehlen.« Die Co-Trainer trauern.

Auch die Presse findet Gefallen an dem neuen Trainer, denn der tut ihnen einen großen Gefallen und spricht schon früh von der Meisterschaft. Und bringt einen handzahmen Adler mit in die Kabine, um seine Spieler zu motivieren. Der Boulevard leckt sich die Finger nach solchen Räuber-Pistolen und Toppmöller liefert sie brühwarm. Doch der Erfolg gibt ihm recht. Dem 2:2 am zweiten Spieltag gegen die starken Bremer folgen fünf Siege in Folge. Nach sieben Spieltagen hat Frankfurt sagenhafte 21:5 Tore erzielt, elf Treffer gehen auf das Konto von Tony Yeboah, keiner ist zu diesem Zeitpunkt besser als der Angreifer aus Afrika. »Der Kerl war Wahnsinn. Den konntest du immer anspielen. Kam der Ball in seinen Fuß, bekam er ihn unter Kontrolle und seine Gegenspieler sind an ihm einfach abgeprallt, wie an einer Gummiwand«, sagt Gaudino. »Und war der Ball unsauber gespielt, hat sich Tony die Pille trotzdem geholt, er war einfach zu schnell für alle anderen.«

Gaudino, beim VfB noch auf der klassischen Zehner-Position gesetzt, muss seinen Offensivdrang in Frankfurt eindampfen, Uwe Bein ist in der Zentrale gesetzt. »Ich musste rechts spielen, fast als Sechser. Und hat es mich gestört? Nein!« Um Teil dieser Mannschaft zu sein, macht jeder Spieler Abstriche. Bis auf das hinreißende Trio Okocha, Bein, Yeboah. Toppmöller lässt den brillanten Einzelkönnern alle Freiheiten – und wird dafür mit sagenhaftem Fußball entlohnt. Spätestens, als Jay-Jay Okocha am 5. Spieltag in einem wahren Rausch Oliver Kahn und die restliche Defensive vom Karlsruher SC ins Delirium dribbelt, ist auch die ganze Liga davon überzeugt.

Okochas Dribbling ins nationale Delirium

Eine Genugtuung für Toppmöller, der jetzt übermütig wird. Bereits nach dem siebten Spieltag prahlt er stolz »Bye, bye Bayern!« in die Mikrophone und liefert fettgeschwärzte Schlagzeilen. Seine Mannschaft hat gegen Freiburg locker-leicht gewonnen, die Münchener Meisterschaftsanwärter verlieren zum gleichen Zeitpunkt 0:1 gegen Bremen durch den Treffer von Bernd Hobsch. Der Trainer-Novize macht sich bei der Konkurrenz unbeliebt, feiert sich selbst: »Ich sehe alles, erkenne alles, ich kann jedem sagen, was er falsch gemacht hat. Wer soll mir fußballerisch etwas vormachen?«

Die Stadt liegt der Mannschaft und Toppmöller trotzdem, oder gerade deshalb, zu Füßen. Nach dem Trauma von Rostock scheint hier eine neue Auswahl herangereift zu sein, die gut genug ist, den großen Traum von der ersten Meisterschaft seit 1959 wahrzumachen. In der Frankfurter Fanszene werden bereits die ersten Vorbereitungen zu standesgemäßen Meisterfeiern geplant. Man will sich im Sommer 1994 nicht vorwerfen lassen die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannt zu haben.

Dabei hat die strahlende Fassade der berauschenden Fußballhochburg Eintracht Frankfurt bereits Risse bekommen. Am 9. Spieltag ist Dynamo Dresden zu Gast im Waldstadion, in der ersten Halbzeit wird es plötzlich still im weiten Rund. Tony Yeboah, dieser unglaublich explosive Stürmer aus Ghana, von dem keiner so recht weiß, wann er denn nun wirklich zur Welt gekommen ist, er liegt am Boden und hält sich das Knie. Das Gesicht schmerzverzerrt. Sanitäter müssen den Angreifer vom Platz tragen. Bis er wieder auf den Platz zurückkehrt, werden Monate vergangen sein. Kreuzbandriss. Ausgerechnet bei Yeboah.

Und auch die Bayern haben ihr Tal spätestens nach dem 15. Spieltag überwunden. Sieben Siege in Folge haben die Mannschaft von Erich Ribbeck auf Platz zwei katapultiert. Toppmöller, der Motivator, hatte die stolzen Münchener gereizt, der Stier aus dem Süden hatte die Hufen gewetzt und war durch die Arena Bundesliga gefegt.

»Bye, bye Bayern«

In Frankfurt beginnt man nervös zu werden. Die Rolle des Gejagten ist unangenehm, und vorne fehlt mit dem verletzten Yeboah der Mann, der aus den Vorlagen von Bein , Okocha und Gaudino Zählbares machen kann. Im November 1993 verliert Frankfurt dreimal hintereinander mit 0:3. Gegen Hamburg, gegen Köln und gegen Mönchengladbach, das sich damit für die 0:4-Klatsche am ersten Spieltag revanchieren kann.

Erstmals wird in der Fanszene Unmut gegenüber Toppmöller laut, denn der lässt plötzlich mit Jan Furtok nur noch eine echte Spitze auflaufen und hat für Jörn Andersen offenbar einen Stammplatz auf der Ersatzbank reserviert.

Im neuen Jahr geht plötzlich alles ganz schnell. Die Mannschaft kann sich einfach nicht vom Verlust Yeboahs erholen. Hilflos müssen der junge Übungsleiter und sein verletzter Topstürmer mit ansehen, wie die Eintracht fünf von zehn Spielen verliert. Höhepunkt der Rückrunden-Demontage: die 1:2-Niederlage gegen den FC Bayern. »Bye, bye Bayern«, wie lange scheint das jetzt schon her?

Am 10. April 1994 wird Klaus Toppmöller entlassen und von Urgestein Charly Körbel ersetzt. Mit ihm erreicht Frankfurt nach 34 Spieltagen immerhin noch einen UEFA-Cup-Platz. Das Ende einer Saison, die zumindest Maurizio Gaudino, auf den 1994 noch ganze andere Probleme zukommen sollten, nie mehr vergessen wird.

Haben Sie jemals besseren und schöneren Fußball spielen dürfen, Herr Gaudi..., noch bevor die Frage beendet werden kann dröhnt ein entschiedenes »Nein!« durch das Telefon. »Niemals zuvor, niemals danach.«

Die romantischste Saison der Bundesliga-Geschichte, sie fand ausgerechnet im Hessenländle statt.

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