Wie eine Zeitung eine Abseitsstellung retuschierte

Die Vermessung des Fußballs

Die Technik im Fußball macht sich nicht erst seit gestern breit. Es wird über Chips im Ball diskutiert, Spiele werden in 3D übertragen und Moderatoren klicken auf Bildschirme, die sie Touchscreens nennen. Blöd allein, wenn die Technik verfälscht. Wie eine Zeitung eine Abseitsstellung retuschierteimago

Die Wahrheit liegt nur zwei Klicks entfernt. Komfortabel und demokratisch finden das einige Menschen und verkünden allenthalben neue Zeitalter. Alles ist abrufbar, alles überprüfbar, alles verifizierbar, alles kopierbar und exemplifizierbar. Und wer bis jetzt noch nicht wusste, warum es die Tasten Strg, c und v gibt, der kann es nachschlagen. Digital versteht sich.

Aufatmen können all diejenigen, die Sorge trugen, man könnte in Zukunft Fallrückzieher oder Übersteiger so einfach wie eine Dissertation kopieren oder gar als App herunterladen. Die Wahrheit liegt immer noch auf'm Platz, und die ist unverfälscht – das wird jedenfalls behauptet. Dort, auf dem Rasen, sehe man genau, wer was wie und wo tut. Man muss bloß die Augen aufmachen.

Wahrheit im strg-c und strg-v-Format

Blöd nur, wenn die Dinge auf'm Platz via technischer Mittel in Apparaturen gedrückt werden, in imposante und multifunktionale Bildschirme, die sie Touchscreens nennen, in Videobeweise, 3D-Abbildungen, in Chips, in diese Homepage hier, in das gesamte sich täglich updatende Mediamarkt-Universum, während neue Moderatoren als Hologramm aus der Zukunft den Fußball wie ein neues Leben feilbieten. Als neue Geschichte, als ihre Geschichte.

Was bleibt in der Abbildung, ist die Interpretation von Wahrheit und nicht mehr das, was von Schiedsrichtern entschieden oder von den Fußballern gespielt wurde. Quasi eine Wahrheit im strg-c und strg-v-Format. Es verwundert kaum, dass die Altvorderen und Fußball-Traditionalisten immer wieder diesen Punkt anführen, wenn sie etwa Reden gegen den Videobeweis oder die Torkamera schwingen: »Die Technik bietet keine Wahrheit! Sie verfälscht die Realität!« Und will man fair bleiben, muss man gestehen: Fußball und Technik – das ging nie richtig gut. Ein Grund ist die seit jeher schwelende Skepsis von den Männern auf'm Platz gegenüber den Männern an Apparaturen. Erinnert sei hier an die WM 1950 und das Spiel England gegen die USA. Das Spiel endete 0:1 – eine große englische Presseagentur glaubte allerdings an einen Übermittlungsfehler der Telexmaschine. Die Zahlen, so die Annahme, seien verrutscht. Kurzerhand verschickte man ein neues Telex an die englischen Zeitungen. Der Text lautete: »England-USA 11:0, 29. Juni 1950«. Ein neuer Morgen, eine neue Geschichte. Verdammte Technik!

Technik, wo warst du, als man dich brauchte?

Und auch trotz Rio Ferdinand auf Twitter, Felix Magath auf Facebook, Lionel Messi auf Youtube oder Sebastian Hellman als Finger am Touchscreen, schwingt auch auch heutzutage gelegentlich ein leichter Technikhass im Fußball mit. Marcel Reif verfluchte vor nicht so langer Zeit seinen Räusperknopf, nachdem er vergessen hatte, selbigen zu drücken. Manuell versteht sich. Und dann diese unnützen Übersetzungstools aus dem Internet, die zuletzt aus Manuel Neuers Zitat »Wer schwul ist, sollte sich outen« die Nachricht machten: »Ich in homosexuell und oute mich.« Selbst als das Internet noch nicht zur Verfügung stand, konnte man zumindest das Fehlen dieser Technik verdammen. Wäre Abedi Pele je zu 1860 München gewechselt, wenn er mit zwei Klicks herausgefunden hätte, dass die Löwen nicht die Bayern sind? Technik, wo warst du, als man dich brauchte?

Am vergangenen Wochenende druckte die spanische Sportzeitung »AS« ein Bild, mit dem bewiesen werden sollte, dass Barcelonas Dani Alves vor dem 1:0 seiner Mannschaft im Abseits gestanden habe. Was man wissen sollte: Die »AS« ist so etwas wie das Haus- und Hofblatt von Real Madrid. Was man unbedingt wissen muss: Bilbaos Koikili – der Spieler, der das Abseits aufhob – wurde aus dem Bild retuschiert. Mit Photoshop. Zwei bis drei Klicks. Ein Sprecher der Zeitung entschuldigte sich nun öffentlich für das zu stark bearbeitete Foto. Er nannte die Neugestaltung des Bildes einen »Fehler in der Computer-Grafik«. Da war sie also wieder: Die verdammte Technik. Und damit einhergehend ein Fehler, den die Natur der Technik doch eigentlich ausschließen sollte.

Glücklicherweise gibt es heutzutage Menschen, die solche Verfälschungen  entlarven, die gegen die moderne Technik und all ihre Ausgeburten zu Felde ziehen und die den Fußball somit zurück auf'n Platz holen. Wie sie das machen? Im Internet natürlich, auf Blogs oder in sozialen Netzwerken. Über eine ausgefeilte Technik.


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