Wie eine Rentnerin vom MDR zum Fußballfan gemacht wird

Karin auf Speed

Wie eine Rentnerin vom MDR zum Fußballfan gemacht wirdMDR

Der Mitteldeutsche Rundfunk, kurz MDR, macht sich seit vielen Jahren verdient um die Senioren in Ostdeutschland. Ratgeber, Talks und Volksmusik – alles für die Generation Doppelherz zwischen Dessau und Dresden. Und damit nicht genug, für seine Nachmittagssendung »Hier ab vier« schickt der MDR obendrein eine geistig rege Seniorin namens Karin los, die mit Filmteam im Rücken anderen Senioren vermeintlich jugendliche Trends erklären soll. Wie funktioniert Facebook? Wie telefoniert man gratis? Und wie funktioniert die, Zitat der Produktionsfirma, »neue Trendsportart Crossgolf«.

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Eine tolle Idee des Senders, auch wenn man einwenden könnte, dass Crossgolf zuletzt im Jahre 1995 als Trendsportart durchging und das Publikum von »Hier ab vier« wohl eher nicht mehr crossgolfen wird, weil es schon mehrheitlich sediert im Seniorenstift an der Schnabeltasse nuckelt.

Nur ein Gesichtsausdruck zur Auswahl: maskenhaftes Starren

Aber das stört Karin nicht. Ihr größtes Abenteuer steht ihr nämlich noch bevor. Die rüstige Frohnatur will im kalten Dezember einen ganzen Nachmittag beim urst sympathischen Traditionsklub RB Leipzig verbringen. Da trifft es sich gut, dass der Klub am Wochenende tatsächlich ein Heimspiel in der Regionalliga hat. Damit Karin nun aber nicht irgendwann orientierungslos im Zentralstadion aufgegriffen wird, bekommt sie vom Klub eine Betreuerin an die Seite gestellt. Es erscheint Sandra im Bild. Sandra ist Fanbeauftragte und kommt passgenau daher, wie man sich eine frisch angelernte Animateurin im Skilager vorstellt: weiße Mütze, Fleece-Pulli, Jahreskarte im Solarium.

>> Karin auf Zack: Die Bilder zur Sendung

Sandra hat leider nur genau einen Gesichtsausdruck zur Auswahl: maskenhaftes Starren. Und man merkt schnell, dass Sandra auch sonst nicht gerade eine Frohnatur ist. Zur Begrüßung leiert sie auswendig gelernte Sätze herunter. Zu viel Emotion wäre allerdings auch vergebliche Liebesmüh, weil Oma Karin trotz Dauergrinsen komplexeren Themen nur mit Mühe folgen kann. Sandra: »Unsere Mannschaft spielt heute gegen den SV Meppen!« Karin: »Aha!« Und auch wenn die Karin zu diesem Zeitpunkt nicht im Bild zu sehen ist, weiß der Zuschauer, dass damit Karins wichtigste Fragen nicht beantworten worden sind. Sie lauten: Was ist Meppen? Und wann holt mich der Bus vom Seniorenstift endlich wieder ab?

Stattdessen geht es nun hinunter aufs Spielfeld, zu den Trainerbänken. Dort liegt, natürlich ganz zufällig, eine flauschige Decke. Ein Geschenk von RB Leipzig für die Omi! Karin strahlt selig: Endlich gibt es die Wärmedecke mal sofort, und nicht erst am Ende einer stundenlangen Busfahrt durchs Erzgebirge. Aber Karin ist ja nicht nur hier, um Werbegeschenke einzusacken. Sie will mit Menschen reden. Also stiefeln die beiden wieder hinauf auf die Tribüne, zu den Anhängern von RB Leipzig. Und das, obwohl die Senioren-Reporterin offenbar bisher nur schlimmste Dinge über Fußballfans gehört hat. »Isch hab een bisschen Angst, was hier abgeht«, gesteht sie freimütig. Sandra tätschelt beruhigend ihren Oberarm. So wie Großeltern überhaupt immer gerne getätschelt werden, kurz nachdem man ihnen mitgeteilt hat, dass im Heim wirklich viel besser für sie gesorgt werden kann als hier in der Einliegerwohnung. 


Es folgt der Auftritt von Familie Honk, eingeführt von Sandra als Fanklub-Mitglieder, von der Optik her allerdings eher prädestiniert für die RTL-Nachmittagsserie »Familien vor Gericht«. Ein Vater mit Kind, dazu zwei Onkel, deren verlebte Gesichter vage vermuten lassen, dass die letzte Taschenpfändung noch nicht allzu lange her ist. Es werden viele Hände geschüttelt, die Onkels dürfen beide was sagen, und Karin ist so froh, dass sie bisher noch nicht ausgeraubt worden ist, dass sie nun ein wenig übermütig wird. »Ach, dorf isch emol anfassen« fragt sie und greift, ohne eine Antwort abzuwarten, einem Fan in die rot-weiße Kunsthaarperücke. Das wäre nun der ideale Zeitpunkt gewesen, um die dreiste Oma im Polizeigriff aus dem Stadion zu führen, stattdessen grinst der Anhängerdarsteller scheel und lässt Karin griffeln.

Ein Werbespot für Hörgeschädigte

Nun wird das Spiel angepfiffen. Das gähnend leere Zentralstadion verströmt den Charme einer ungeheizten Aussegnungshalle. Um sich notdürftig warmzuhalten, zählt die Oma schnell mal die Leipziger Spieler nach und entdeckt Ungeheuerliches. »Ja, das sind ja bloß zehn Spieler!« Betreuerin Sandra schlagfertig: »Und der Torwart!« Antwort Karin: »Ach so!«

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In der Halbzeit geht es dann hoch in den VIP-Bereich, wo Karin, fast so zufällig wie auf die Wärmedecke, auf den Leipziger Spieler Timo Rost trifft, der ebenfalls ganz zufällig eine Getränkedose des Hauptsponsors in der Hand hält. Es entspinnt sich ein Werbespot für Hörgeschädigte. Karin: »Warum spielst du denn nicht mit?« Timo: »Hallo, warum ich nicht mitspiele heute?« Karin: »Ja.« Timo: »Weil ich im letzten Spiel die fünfte Gelbe Karte bekommen habe!« Karin: »Wie viel? Die Fünfzehnte?« Rost ist sichtlich erleichtert, als der debile Talk sich dem Ende zuneigt.
Inzwischen sind die Zuschauer daheim längst von freundlichen Schwestern zum Nachmittagsbingo in den Essensraum gefahren worden. Im Leipziger Zentralstadion herrscht dagegen plötzlich noch einmal Aufruhr. Oma Karin dreht frei vor Aufregung. »Oh, was ist jetzt? Oh, was ist jetzt!« Fanbeauftragte Sandra abgeklärt: »Jetzt ist das Spiel zu Ende!«

In der Tat, das Spiel ist zu Ende. Die Oma winkt noch einmal. Ihr ist nichts passiert. Karin ist nämlich auf Zack.

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