Wie ein Zuschauer zum Schiedsrichter wurde

Eben noch im Publikum, jetzt auf unserer Showbühne!

Weil sich in einem spanischen Ligaspiel ein Schiedsrichter verletzte, musste ein Ersatzmann aus dem Publikum einspringen. Eine absurde Situation, die es allerdings auch in Deutschland schon einige Male gegeben hat.

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Jeder Hobbyfußballer kennt das. Samstagmorgens um 9 Uhr, nach einer langen Nacht, quält man sich mit dem Auto in den Speckgürtel der großen Stadt, um auf einem gottverlassenen Platz gegen die SpVgg Unterkrawuttkehausen anzutreten. Es geht um den neunten oder zwölften Platz, um Asche-Tattoos nach 15-Meter-Fluggrätschen, um »Nimm du ihn, ich hab ihn sicher«. Kurzum: Es geht um alles. Und dann: Kein Schiedsrichter.
 
Fragende Gesichter vor den Kabinen. Soll man jetzt schon den Kasten Bier anbrechen? Soll man direkt wieder nach Hause fahren? Warum ist man aufgestanden? Oder anders: Wieso ist man überhaupt ins Bett gegangen? Die Party war doch großartig, oder? Erst mal eine Zigarette.
 
Meistens wird dann alles gut. Ralle oder Knuppe, die Typen, die wie jede Woche schon lange vor Anpfiff an der Bierbude oder im Klubheim stehen, sehen bei genauer Betrachtung doch wie kompetente Schiedsrichter aus. »Haste schon mal gepfiffen?« – »Normal!« – »Kennste passives Abseits?« – »Sicher!« Also los.
 
Szenen aus den Tiefen der Ligen, die es auch im Profibereich immer wieder gegeben hat. Zuletzt sogar in Spaniens Segunda B.
 
Am Sonntag trafen dort Racing Santander gegen SD Compostela aufeinander, und es lief die 66. Minute, als sich Schiedsrichter Hugo Jose Lopez Puerta den Oberschenkel hielt. »Ich spürte einen stechenden Schmerz im Muskelfaser-Bereich,« sagte er später. Physiotherapeuten und Ärzte eilten herbei, kneteten sein Bein, sprühten Eisspray und verbanden es mit Mullbinden. Doch es half alles nichts. Lopez Puerta musste das Feld verlassen.
 
Danach: Große Ratlosigkeit. Einen Vierten Offiziellen, der in solchen Situationen einspringen könnte, gibt es in Spaniens Dritter Liga nicht. Man begab sich also auf die Suche nach einem potenziellen Ersatzmann.

Der Ersatzmann kam mit Torwarttrikot an die Linie

Erinnerungen wurden wach an graue Bundesliga-Vorzeiten. Im April 1978 erlitt etwa Schiedsrichter Klaus Ohmsen im Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Fortuna Düsseldorf einen Armbruch. Linienrichter Hans-Werner Leyding übernahm damals die Partie, doch wer sollte sein neuer Assistenz werden? Auch hier: Hektik an der Seitenlinie. Der zufällig anwesende Schiedsrichter Werner Lange bot sich an, er musste sich nicht mal umziehen, denn er trug zufällig ebenfalls ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose.

Doch der offizielle DFB-Beobachter Hans Krämer grübelte: Lange war zwar schon seit 23 Jahren Schiedsrichter, doch ebensolange auch Mitglied beim VfB Stuttgart. Also bat er den Stadionsprecher, einen Schiedsrichter per Ausruf zu finden. Wenige Minuten später stand Kurt Senghaas mit geliehenen Schuhen (zu groß), geliehener Hose (zu lang) und geliehenem Torwarttrikot (zu weit) vor Leyding. Die Mannschaften waren einverstanden, Leyding befahl Senghaas jedoch das Trikot umzudrehen, mit der Nummer 1 nach innen.

»Schiedsrichter Gottmann, melden Sie sich bitte umgehend!«

Am bekanntesten ist wohl die Geschichte, die sich am 14. Oktober 1980 in Karlsruhe zutrug. Beim Spiel gegen Borussia Mönchengladbach wurde Schiedsrichter Max Klauser so hart von einem Ball getroffen, dass er zu Boden ging. »Er traf mich mit voller Wucht am Kopf, seitlich an der Schläfe – ein klassischer Knockout«, berichtete Klauser einmal in 11FREUNDE. Der Unparteiische kippte nach vorne um und lag beinahe drei Minuten bewusstlos auf dem Rasen des Wildparks. »Erst später im Fernsehen sah ich, dass ich, beide Arme steif nach vorn ausgestreckt, in einer Abpfiff-Geste eingefroren war. Das ist das Bild, das im kollektiven Gedächtnis hängen geblieben ist: Der Schiedsrichter, der umfällt wie ein Zinnsoldat.« Für Max Klauser übernahm Linienrichter Paul Dölfel die Leitung der Partie.

Die Frage war nur: Wer sollte Dölfels Rolle übernehmen? Auch dieses Mal ließ man über den Stadionsprecher einen Referee ausrufen. Man hatte erfahren, dass ein gewisser Herr Gottmann (»Herr Gottmann, Schiedsrichter Gottmann, melden Sie sich bitte umgehend!«), Teilzeit-Schiedsrichter aus Karlsruhe, irgendwo auf der Tribüne saß. Es war egal, dass dieser bis zum damaligen Zeitpunkt noch nie bei einer Bundesligapartie auf dem Platz gestanden hatte. Acht Minuten später lief er mit einem geliehenen Trainingsanzug und unter tosendem Applaus der Zuschauer an die Linie.

Übrigens: Selbst wenn der KSC damals keinen staatlich geprüften Schiedsrichter gefunden hätte, wäre die Partie nicht abgebrochen worden. In diesem Fall hätten die Karlsruher als Heimverein einen Linienrichter bestimmen müssen. Dieser musste nicht mal eine Lizenz haben. Laut Regelwerk hätte dieser allerdings nur die Fahne heben dürfen, wenn ein Ball ins Aus geht. Abseitsentscheidungen wären einzig und allein vom Schiedsrichter gefällt worden. Man stelle sich nur vor, was heute passierte, wenn es keinen Vierten Schiedsrichter gäbe, der bei einer Verletzung in den Bresche springen würde.

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